Apple-Anwender entscheiden mittels Boot Camp beim Einschalten, ob sie Mac OS oder Windows starten wollen. Die Virtualisierungssoftware VMware Fusion 8.5 indes erlaubt dem Benutzer den Parallelbetrieb mehrerer Betriebssysteme.

Fusion 8 kam im August 2015 auf den Markt, das zum Testzeitpunkt aktuelle Release 8.5.6 Ende März 2017. Anzeichen für ein baldiges Erscheinen von Fusion 9 gibt es derzeit nicht. Alle derzeit gängigen Betriebssysteme, die der Anwender virtuell betreiben möchte, deckt die aktuelle Version ab. Die Systemanforderungen für Fusion dürfte jeder moderne Apple-Computer erfüllen: Erforderlich sind eine 64-Bit-CPU vom Typ Core 2 Duo und höher, 4 GByte RAM, 750 MByte freier Festplattenspeicher und zusätzlich mindestens 5 GByte je Betriebssystem. Zur Unterstützung von Windows Direct X 10 oder Open GL 3.3 empfiehlt der Hersteller mindestens eine Nvidia 8600M oder ATI 2600. Als Host-Betriebssysteme kommt Mac OS X 10.9 (Mavericks) und jünger infrage, die Liste der möglichen Gastbetriebssysteme weist über 200 Einträge auf. Wichtigste Kandidaten sind Windows 10, Windows Server 2016, OS 10.6 Snow Leopard und höher sowie diverse Linux-Varianten. Die Installation der 30-Tage – Trial-Version ist denkbar einfach.

Im Programmfenster „Einstellungen“ einer virtuellen Maschine können sich Entwickler, Administratoren und Anwender redlich austoben: Es gibt kaum eine Eigenschaft der VM, die sich nicht erweitern, modifizieren oder optimieren ließe. Im Abschnitt „Allgemein“ kann der Anwender eine Notiz abspeichern, der klassische Ort zur Ablage von Anmeldeinformationen, insbesondere wenn man eine VM an eine andere Person weitergeben will. In diesem ansonsten unscheinbaren Fenster ist ein äußerst wichtiges Häkchen untergebracht: „Automatisch beim Start von VMware Fusion starten“. Diese Funktion ist praktisch, um eine feste Arbeitsumgebung aus mehreren VMs aufzubauen, die beim Aufruf der Software von allein starten sollen.

Auch die „Bereinigung einer virtuellen Festplatte“ haben die Entwickler im Abschnitt „Allgemein“ untergebracht. Virtuelle Festplatten sind typischerweise „wachsend“ – das heißt nicht weniger, als dass Fusion lediglich den tatsächlich innerhalb der VM verwendete Speicherplatz vom Host einfordert. Während das „Wachsen“ automatisch ohne Zutun des Anwenders erfolgt, gibt es kein automatisches „Schrumpfen“. Diesen Vorgang startet der Benutzer über die Schaltfläche „Virtuelle Maschine bereinigen“. Darüber hinaus konsolidiert die Funktion Snapshot-Dateien. Praktischerweise zeigt das Fenster den Speicherverbrauch der virtuellen Festplatten, Snapshots und des erneut belegbaren Speichers auch direkt an. Wie bei VMware Workstation und vergleichbaren Virtualisierungs-Tools anderer Hersteller muss die VM zur Bereinigung ausgeschaltet sein. In unserem Test kam es beim Aufruf der Funktion zu einer „Interner Fehler“-Meldung. Dennoch hat das Programm den Speicherplatz freigegeben und die VM war voll lauffähig.

Variantenwahl

VMware bietet Fusion in zwei Varianten an: in der Standardversion und mit dem Zusatz „Pro“. Während die Befehlszeilenprogramme vmrun und VIX beiden Fassungen zur Verfügung stehen, bleibt die Erstellung von Full und Linked Clones der Pro-Version vorbehalten. Auch die Verbindung zu Vcloud Air und zu Vsphere/ESXi-Servern ist nur in der etwas teureren Pro-Version möglich. Der funktionale Unterschied zwischen Fusion Pro auf dem Mac und VMware Workstation Pro auf dem Windows-PC ist zunächst kaum erkennbar. Dennoch muss der Anwender bei einem Systemwechsel etwas umdenken, denn Menüstruktur und Programmaufbau unterscheiden sich dann doch deutlich. Glücklicherweise sind die Bezeichnungen weitgehend identisch.

Fusion ermöglicht dem Mac-Benutzer einen direkten, wenn auch rudimentären Zugriff auf ESXi-Hosts.

Die Steuerungsmöglichkeiten für das Netzwerk sind im Vergleich zur Windows-Variante deutlich eingeschränkt. So gibt es für den Mac kein separates Programmfenster wie den „Virtual Network Editor“ mit verschiedenen VMnet-Einstellungen und der Möglichkeit, zusätzliche DHCP-Bereiche für virtuelle Netzwerke zu betreiben. Insgesamt verwunderte uns eines im Test: Während VMware Workstation für Windows-Computer schon seit vielen Versionen nur noch auf Englisch verfügbar ist, macht sich der Hersteller für Apple-Benutzer nach wie vor die Mühe der Lokalisierung.

Die Virtualisierung eines Computers nimmt immer einen gewissen Teil der Leistung der Host-Hardware, das ist systembedingt und nicht zu ändern. Dennoch wollen Anwender in einem ordentlich ausgestatteten System mit adäquat zugewiesenen RAM-, CPU- und Festplattenressourcen eine gute Leistung erfahren. Die Leistungsqualität ist nur schwer messbar, daher soll an dieser Stelle ein Vergleich für etwas mehr Klarheit sorgen. Auf einem Imac von 2011 mit Intel-Core-i5-CPU bei 2,5 GHz Taktfrequenz virtualisierten wir für den Test einen Windows Server 2012R2 mit zwei CPU-Kernen und 4 GByte Arbeitsspeicher. Ein einfacher Passmark-8-Test bescheinigt dieser Konstellation unter Fusion 8.5.6 einen Wert von 1.896 Punkten. Dieselbe Maschine, dieselbe VM, nur unter Parallels 11 virtualisiert, lieferte zum Vergleich den Wert 1.951. Die Unterschiede erklären sich durch die etwas bessere Grafiknutzung von Parallels im Direct-X-10-Betrieb. Dieselbe VM betrieben wir auf dem Host zum Vergleich noch mit der kostenfreien Virtualbox von Oracle. Hier erzielten wir im Test ein Ranking von 1.063 Punkten, also deutlich langsamer als mit den beiden kostenpflichtigen Versionen.

Oft kommt VMware ESXi und das dazugehörige Vcenter aus der Vsphere-Umgebung zum Einsatz. Praktischerweise kann sich der lokale Hypervisor Fusion mit einem einzelnen ESXi-Host oder mit einem Vcenter verbinden. Hierzu muss der Administrator nichts weiter tun, als im Menü Ablage auf den Befehl „Verbindung zum Server wird hergestellt…“ zu klicken. Nach Eingabe von Benutzername und Passwort verbindet sich das Programm mit dem Server und zeigt in der linken Baumstruktur eine Auflistung aller vorgefundenen aktiven und inaktiven VMs.

Klickt der Anwender direkt auf den Eintrag des Vcenter-Servers, erscheint im unteren Fenster eine grafische Darstellung der Eckdaten als kleines Dashboard. Jeder verbundene Host-Server erhält hier eine eigene Zeile mit Status sowie Prozentwerten der RAM- und der CPU-Auslastung. Die Balkengrafik wechselt je nach Systemlast zudem die Farbe. Dieselbe Wertermittlung gibt es zusätzlich noch als Zeigerdarstellung mit einigen weiteren Daten wie der Auflistung der lokalen Datenspeicher, die Anzahl der CPUs und dem RAM-Ausbau.

Eine Anpassung der Einstellungen für Vcenter oder ESXi-Hosts ist mit der Software selbst nicht möglich, was aber absolut richtig ist: Die Freischaltung virtueller Maschinen, die auf einem ESX-Cluster im Betrieb sind, direkt in die Fusion-Software ist sinnvoll, die Anpassung der darunterliegenden Host-Systeme eher nicht.

Was uns insgesamt im Test ein wenig störte, ist die Unfähigkeit der Software zur regelmäßigen Datenaktualisierung: Besteht die Verbindung zwischen Fusion-Rechner und Vcenter eine längere Zeit, kann der Anwender am Mac nicht davon ausgehen, dass die angezeigten Daten noch stimmen. Im Test kam es zum Beispiel zu dem Fall, dass eine VM über einen anderen Vcenter-Client schon vor Stunden gelöscht wurde, Fusion diese VM jedoch noch anzeigte. Selbiges passiert leider auch in der anderen Richtung: Eine neu erzeugte VM erschien auf dem Mac mit Fusion erst, nachdem wir das Programm im Test beendet und neu gestartet hatten. Ungünstigerweise verhält sich die Software im Zusammenspiel mit Snapshots ähnlich: Wird ein Snapshot mit Fusion erzeugt, ist dieser sofort im Programm, aber auch im Vcenter/ESXi sichtbar. Andersherum wird ein Snapshot, der mit einer VMware Workstation erzeugt wurde, nicht in Fusion angezeigt – dieser erscheint erst einen Neustart der Software später.

Administratoren können mit Fusion neue VMs über einen Assistenten erstellen, OVF/OVA-Vorlagendateien nutzen oder bestehende Rechner über das Netzwerk migrieren. Hierzu schlägt der Assistent drei Vorgehensweisen vor: direkt per Ethernet, per LAN über Ethernet oder über Wireless-Router. Die Auflistung stellt gleichzeitig eine Empfehlung dar. Während die Windows-Variante des VMware Converters jedoch in der Lage ist, die Agent-Komponenten per Push-Kommando auf zu migrierende Server oder Workstations zu schicken, bleibt dem Administrator bei Fusion nur ein wenig Handarbeit.

Fusion erlaubt den Parallelbetrieb von Windows, Linux, Unix und Mac OS auf einem Apple-Rechner.

Im Test überführten wir eine Testinstallation eines Microsoft Exchange Server 2016 auf Basis einer Windows-Server-2012R2-Installation von einem ESXi-Host aus auf einen Mac mit der Fusion-Software. Zunächst galt es, den rund 180 MByte großen Agenten von der VMware-Website herunterzuladen und auf dem Ziel-Server zu installieren. Gemäß den Apple-Gepflogenheiten basiert die Übertragung auf dem Bonjour-Protokoll. Dieses richtet der Agent ebenso ein wie die temporäre Deaktivierung der UAC.

Einen Neustart später konnte die Migration unter Bekanntgabe der IP-Adresse, Benutzer und Passwort sowie der angezeigten Port-Nummer beginnen. Knapp eine Stunde später befand sich der migrierte Server lauffähig auf dem Mac. Dieser Test verlief ebenso problemlos wie das Einbinden eines Windows Servers 2012R2 über eine OVA-Vorlage und die Installation des aktuellen Windows Servers 2016 aus einer ISO-Datei. Einzig eine 64-Bit-Variante von Puppy Linux wollte im Live-CD-Modus unter Fusion nicht starten.

VMware Fusion ist eine ausgewachsene, leistungsfähige und gut gemachte Hypervisor-Software für Entwickler und IT-Profis, die auf ihrem Mac auch andere Betriebssysteme betreiben wollen. Im Vergleich zum Einsatz von Boot Camp ist Fusion deutlich angenehmer und komfortabler. Betriebssysteme kann der Anwender schnell und einfach installieren, die Software arbeitet mit gut gemachten Assistenten. Fusion 8.5 kostet in der Standardversion knapp 82 Euro, die Pro-Edition über 200 Euro.

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