Der Open Horizons Summit 2017 stand ganz im Zeichen der Marken- und Marktstrategie von Micro Focus. Die Marken Novell, NetIQ und Attachmate gibt es nicht mehr. Und durch den Zusammenschluss von Micro Focus mit der Softwaresparte von Hewlett Packard Enterprise (HPE) entsteht ein neuer Softwareriese, den nicht nur die Börse, sondern auch große Unternehmen positiv zur Kenntnis nehmen. Die 220 Teilnehmer des OH Summits waren Zeitzeugen dieser Entwicklungen und machten sich in Produktpräsentationen, Techniktrainings und Diskussionen ein Bild davon, was das für sie bedeuten wird.

Der OH Summit ist seit einigen Jahren die wohl wichtigste Veranstaltung für die europäischen Technologiepartner des Softwareherstellers Novell. Dieses Jahr fanden sich 220 Teilnehmer aus 28 Ländern in Budapest ein, um bei bestem Wetter Neuigkeiten zu Produkten und Geschäftsstrategien zu diskutieren, Tipps und Tricks zu hören und in Hotlabs zu trainieren.

Die wichtigste Neuigkeit für die Novell-Freunde ist wohl: Nach 38 Jahren gibt es Novell nicht mehr. Der neue Besitzer Micro Focus hat sich dazu entschlossen, den Markennamen Novell (wie auch NetIQ) aufzugeben und die übernommenen Produkte unter der Marke Micro Focus weiter zu entwickeln und zu vertreiben. Der Name Suse bleibt erhalten, auch um die Verankerung von Suse in der Open-Source-Szene zu dokumentieren.

Der Beschluss, die Marke Novell aufzugeben, war kein Thema mehr. Die Stimmung war eher von einer Art Erleichterung geprägt, dass das lange Siechen endlich ein gutes Ende findet. Wichtiger war, dass Micro Focus und die Softwaresparte von HPE zusammengehen. Nach der Abwicklung der 8,8 Milliarden Dollar schweren Transaktion im Herbst 2017 wird Micro Focus ein echtes Schwergewicht der Branche mit 20.000 Mitarbeitern und 4,5 Milliarden Dollar Umsatz sein.

HPE Software ist die letzte einer Serie von Übernahmen, die 2014 mit der Übernahme von Attachmate (mit Novell, NetIQ und Suse) durch Micro Focus ihren Anfang nahm. Dann kamen Authasas, Gwava und Serena dazu. Mit der Übernahme von Gwava kommt der renommierte Hersteller von E-Mail-Management und -Archivierung zurück zu Groupwise, und mit dem Zusammenschluss von Micro Focus mit HPE Software findet auch Autonomy wieder den Weg zurück nach Hause. HP hatte Autonomy 2011 für 11,7 Milliarden Dollar übernommen.

Die Teilnehmer am OH Summit sind sich mit der Mehrheit der Marktbeobachter einig, dass Novell, NetIQ und Suse nichts Besseres passieren konnte. Nach vielen Jahren der Unsicherheit und zweifelhafter Management-Entscheidungen, die Novell von einem Quasimonopolisten im LAN-Markt – mit 70% Marktanteil im Jahr 1993 – zu einem Spätstarter im Internetgeschäft gemacht hatten, scheint ein Ort der Ruhe und der kontinuierlichen Weiterentwicklung gefunden zu sein.

Micro Focus präsentiert sich ja als Unternehmen für Softwarekontinuität, als Spezialist für die Evolution von IT-Infrastruktur. Stephen Murdoch, CEO von Micro Focus, geht davon aus, dass gesunde IT-Infrastruktur sich langsam entwickelt und alte Infrastrukturkomponenten mit neuen zusammenarbeiten müssen. Seiner Meinung nach führt die Beschleunigung der Digitalisierung zu höherer Komplexität und größeren Risiken. Standardisierung sei unter diesen Bedingungen kaum möglich, „Rip and replace“-Entscheidungen seien zumindest kostspielig, manchmal sogar tödlich. Murdoch hat sich mit der Forschung zur Ausbreitung technischer Innovationen beschäftigt und ist im Einklang damit der Meinung, dass sich der Aufwand lohnt, vorhandene Infrastrukturkomponenten mit Neuerungen zu verbinden und für eine beherrschbare Evolution der Softwareinfrastruktur in Unternehmen zu sorgen.

Mit Kontinuität kennt sich Micro Focus aus, macht das Unternehmen doch mit Cobol schon seit über 40 Jahren gute Geschäfte. Es ist anzunehmen, dass der Anschluss von Legacy-Anwendungen an die schöne neue Welt des Internets der Dinge noch viel mehr Softwaredesign und Code brauchen wird, der Alt mit Neu verbindet, als wir uns das jetzt noch vorstellen können.

Für diejenigen, die sich mit „IT Operations“ beschäftigen, ist das eine angenehm konservative Weltsicht: Hier bleibt ein Hersteller auf dem Boden der Tatsachen, während alle anderen wollen, dass die Kundschaft in die Cloud geht und ihre Daten und Abläufe in die IT-Infrastruktur des Herstellers schafft. Gerade in Europa ist das schon aus rechtlichen Gründen oft keine Option.

Micro Focus ist traditionell in großen Unternehmen zu Hause und verstärkt diese Orientierung mit der Übernahme der HPE-Softwaresparte noch. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind explizit Sache der Micro-Focus-Partner, denen man mit der Open Workgroup Suite (OES, Groupwise, Vibe, Filr, Iprint und Zenworks) ein Werkzeugpaket an die Hand gibt, um eine professionelle IT-Umgebung für kleine und mittlere Unternehmen bauen zu können. Gerade die EU Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO) führt dazu, dass sich KMUs ab 2018 in Sachen Informationssicherheit und Datenschutz professionalisieren müssen. Die Open Workgroup Suite enthält alle Werkzeuge, die ein Unternehmen dafür braucht.

Während in den Vereinigten Staaten traditionelle Groupware- (und E-Mail-) Lösungen ihre Probleme haben, die Kunden von Cloud-Angeboten fernzuhalten, gibt es in Europa mit der EU-DSGVO den Artikel 23, der „Privacy by Design“ und „Privacy by Default“ fordert. Groupwise ist durch seine Herkunft und Verbreitung in sicherheitsbewussten Branchen wie Rechtsanwaltskanzleien und Behörden gut dafür aufgestellt. Micro Focus investiert momentan einige Ressourcen in die Entwicklung der Software: Micro Focus Messenger und Mobility sollen ab Herbst 2017 integraler Bestandteil von Groupwise sein. Hinzu kommen eine Filr-Anbindung und eine Social-Collaboration-Komponente mit dem Codenamen „Uinta“ (das ist ein Gebirgszug im nordöstlichen Utah). Die Filr-Anbindung soll den Umgang mit E-Mail-Anhängen erleichtern, Uinta  die Kommunikation in Teams und Räumen organisieren. Wie Filr, das vom Markt gut aufgenommen wurde und inzwischen in der Version 3.1 zur Verfügung steht, beruht Uinta auf der Codebasis von Vibe.

Die Repräsentanten von Micro Focus waren sichtlich beeindruckt von der Tatsache, dass zwei Drittel der Partner bei ihren Kunden Vibe-Projekte betreuen. Für die Partner in Europa ist Vibe offensichtlich das Collaboration-Produkt, mit dem man innovative und kundenorientierte Lösungen bereitstellen kann. Micro Focus beeilte sich dementsprechend, auch ein Bekenntnis zur Weiterentwicklung von Vibe zu Protokoll zu geben. Am Ende gingen die Teilnehmer mit dem Gefühl nach Hause, dass die von ihnen eingesetzten Lösungen – und damit auch ihre Geschäftsgrundlage – im Weltkonzern Micro Focus recht gut aufgehoben sind und der Hersteller ihre Bedürfnisse sieht.

Werner Degenhardt.