Die Erstellung einer Netzwerkkarte (Map) erhöht den Überblick. Wird die Karte regelmäßig aktualisiert, freut sich die IT über eine realitätsnahe Übersicht. Steckt in der Karte gleichzeitig die Überwachung und das Monitoring, bietet sie die Chance zur automatischen Fehleranalyse. LANline testete hierfür die Lösung Netbrain des gleichnamigen Anbieters in Version 6.1a1.

Fällt das Netzwerk aus, so schnellen die Kosten in die Höhe und bei der Fehlerbehebung zählt jede Minute. Im Idealfall fällt ein Netzwerk gar nicht erst aus, im nächstbesten Fall entdeckt der Netzwerktechniker den Schaden oder das Problem sehr schnell. Ausgestattet mit einem eher kleinen Ausschnitt des Netzwerks, über die Eingabekonsole von Geräten, gleicht die Problemanalyse der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die Einführung oder der Ausbau von Netzwerk-Überwachungssystemen mündet bei richtiger Anwendung dank beschleunigter Diagnose in einer kürzeren durchschnittlichen Reparaturzeit (Mean Time to Repair, MTTR).

Praktisch: Netbrain ermöglicht es mit der Instant Trial Edition, die Software auszuprobieren, ohne die Server-Installation und Geräteeinbindung vornehmen zu müssen.

Der Hersteller Netbrain zielt mit seiner gleichbenannten Lösung auf eine bessere Überwachung, eine schnellere Störungserkennung, eine ordentliche Dokumentation und letztlich auf einen höheren Automationsgrad in der Netzwerkbetreuung ab. Die Highlights der Windows-basierten Software auf einen Blick: Der Anbieter rühmt sich, die „Computer-Aided Network Engineering“-Technik, kurz CANE, erfunden zu haben, bei der IT-Designer in erster Linie von ihrer Workstation aus das Netzwerk definieren und planen können. Der aktuell in der Software genutzte Discovery-Algorithmus kann laut Herstellerangaben bis zu 2.000 Geräte pro Stunde erfassen und in die Datenbank aufnehmen. Erfasste Netzwerkpläne exportiert der Administrator in das Visio- oder Word-Format, wobei der Benutzer festlegt, welche Daten die Software tatsächlich exportieren soll. Oft liegt die Grundlage eines Missstands in veränderten Daten oder Konfigurationen, daher erlaubt das Programm den Vergleich historischer und aktueller Informationen.

Schnelle Betrachtung ohne Installation

Dank moderner SaaS-Technik muss sich der Interessent für Netbrain nur marginal um eine Software-Installation kümmern: Nach der Anmeldung für eine „Trial“-Variante, die das System gegen Bekanntgabe einiger persönlicher Daten freischaltet, muss der Administrator lediglich den rund 200 MByte großen Installer für Windows herunterladen, aufspielen und sich mit dem mitgelieferten Passwort anmelden. Bereits wenige Minuten später erhält er somit ein Gefühl dafür, was sich hinter der Software verbirgt. Das ist praktisch, da der Administrator nicht erst einige Stunden Zeit investieren muss, ehe ein paar Testgeräte in die Umgebung eingebunden sind, um dann einen Blick auf die wichtigen Überwachungs- und Auswertungsfunktionen zu bekommen.

Detailfreudig: Die Netbrain-Software zeigt dem Administrator alle Informationen so detailliert, wie er es gerade für nötig hält.

Wer sich dennoch lieber mit einer eigens installierten Software ans Werk machen will, dem steht eine weitere 30-Tage-Version für Tests zur Verfügung. Die Einrichtung ist in den Dokumenten bestens beschreiben, und bei Bedarf passt die komplette Lösung auf einen einzelnen aktuellen Windows-Server. Die Client-Software für den Administrator ist stets dieselbe, ob für SaaS oder den lokalen Server-Zugriff. Bei der Anmeldung wählt der Benutzer die gewünschte Instanz, mit der sich die Software verbinden soll.

Alle meine Daten auf einen Blick

Für diesen Test nutzten wir die Cloud-basierte Trial-Variante auf einem aktuellen Windows-10-PC. Der Start der Software erfordert im Dateisystem weitreichende Schreibzugriffe und folglich Administrationsrechte – etwas verwunderlich angesichts der Tatsache, dass eigentlich alle Daten im Internet gespeichert sind. Nach der Anmeldung mit Benutzername und Passwort begrüßt die Software den Anwender mit einem Eingangsmenü mit verschiedenen Kommandos zu „Dynamic Maps“, „Automated Documentation“, „Visual Troubleshooting“ und dem „Change-Management“.

In einer eigenständigen Installation beginnt der Administrator mit dem Klick auf eine große, runde Schaltfläche mit dem Befehl „Discover“. Praktischerweise zeigt schon das Eingangsmenü auf der rechten Seite die „Recent Maps“ (zuletzt verwendeten Karten) des angemeldeten Benutzers und listet im Kopfbereich die Gesamtzahl der Geräte im „Workspace“ auf. In der Testumgebung waren dies laut Programm 27 Router, 41 Switches, sieben Firewalls, vier Wireless Access Points und je zwei Load Balancer und WAN-Optimierer.

Bei Bedarf gelangt der Anwender bei Netbrain direkt bis auf die Konsole.

Eigene Geräte kann der Administrator nicht mit dieser Schulungsumgebung verbinden, sehr wohl aber die Funktionen für die vorhandenen Demosysteme eingehend betrachten und nutzen. Die Netbrain-Software orientiert sich am derzeit üblichen Microsoft-Design mit Ribbon-Menü, Baumstruktur und verschiedenen Menübereichen. Insgesamt fällt die Auswahl und Bedienung nicht schwer, sofern sich der Anwender anhand der „Guided Tour“ und einiger Videoclips mit der grundlegenden Systematik vertraut macht.

Wir begannen die Betrachtung mit der „Feature 1“-Übersicht, die ein Netzwerk mit insgesamt 22 Geräten in zwei Hauptbereiche gliedert: „West Coast“ mit Los Angeles und San Francisco und „East Coast“ mit New York und Boston. Die oberste Ebene des Netzwerks visualisiert die Netbrain-Software als Wolken mit Verbindungslinien in der „Site Overview“ – sofern der Administrator dies gerne so hätte. Klickt der Anwender zum Beispiel auf die Wolke New York, öffnet sich eine detaillierte Ansicht mit Routern, Switches und der symbolisierten WAN-Anbindung.

Je nach Scroll-Einstellung, die der Benutzer ganz normal über das Scrollrad der Maus festlegt, ändert das Programm den angezeigten Detaillierungsgrad. Ein rotes Plussymbol weist den Administrator darauf hin, dass ein System noch mit weiteren Geräten in Verbindung steht, die auf der Kartendarstellung möglichweise nicht zu sehen sind. Ein Mausklick auf das rote Pluszeichen, und schon erscheint ein Dialogfenster mit Netzwerk-Interfaces, IP-Adressen, Titel und angeschlossenen Systemen. Per Doppelklick auf die Verbindung visualisiert Netbrain dann die bisher ausgeblendete Verbindung.

Funktionelle Kartengestaltung

Sehr schön ist die Art und Weise, die Netbrains Entwickler wählten, um Verbindungen zu beschriften: Ab einem gewissen Detaillierungsgrad versucht das Programm, die IP-Adressen und Bezeichnungen der Interfaces um die Linie herum zu positionieren. An sich handelt es sich nur um eine Linie, bei der ansonsten lediglich die Farbe und die Dicke durch den Anwender bestimmt werden kann. Eine funktionelle Darstellung, zum Beispiel des Routing-Wegs oder der Geschwindigkeit, erhält die Verbindung erst durch die Wahl aus dem Menü „Highlight“. Ein Doppelklick auf ein Icon, zum Beispiel auf einen Router, öffnet – wie zu erwarten – den Konsolendialog des jeweiligen Endgeräts. Hat der Administrator im Vorfeld die Zugangsdaten in die Software eingepflegt, meldet ihn Netbrain gleich an, sodass er zügig weiterarbeiten kann. Wer jedoch ein Netzwerk-Management-Werkzeug wie von Netbrain sein eigen nennt, will wohl kaum über die Konsole eines Routers direkt arbeiten – schön, dass es per Mausklick geht, ohne Frage, aber die Funktionalität der Werkzeuge von Netbrain überwiegt deutlich.

Die Netbrain-Software bietet dem Systemverwalter eine Vielzahl von Features auf einen Blick.

Mit einem Mausklick zeigt das Programm die Konfiguration eines Systems in einem Editor mit zusätzlichen Zeilennummern an, holt wiederum per Mausklick die aktuelle „Running Config“ des Systems und bietet die Möglichkeit, diese mit einer vorab gespeicherten Konfigurationsvariante zu vergleichen. Natürlich kann der Administrator im Editor mit Befehlen wie Suche/Ersetzen arbeiten und somit schneller seinen Weg durch die Konfiguration finden.

Außerhalb der Konsole hält die Software den Platz für alle notwendigen Informationen, zum Beispiel sysObjectID für SNMP, Gerätetyp, Hersteller, Lokation, Asset-Nummer oder einige Zeilen für den Beschreibungstext offen. Über das Menü „Run“ hat der Administrator ferner die Möglichkeit, CLI-Kommandos auf einer gewünschten Auswahl von Geräten auszuführen, die Ergebnisse sammelt die Software im Log. Auf etwaige zu erwartende Unstimmigkeiten, beispielsweise dass ein HP-Gerät eine Cisco-Kommandosyntax nicht notwendigerweise richtig interpretiert, weist die Software nicht hin – der Administrator ist hier zum Mitdenken aufgefordert.

Viele Zusatzfunktionen werten die Karten von Netbrain auf. Insbesondere besteht die Möglichkeit für den Administrator, sich besonders gewünschte Informationen hervorheben zu lassen, beispielsweise die Verbindung über Routing-Protokolle, Multicast-Pfade, die Geschwindigkeiten auf den Netzwerkpfaden – alles in unterschiedlichen Farben, mit der Option, bis auf das einzelne Interface „herunterzuklicken“.

Die Ausführung vom CLI-Kommandofolgen auf verschiedenen Geräten setzt das Mitdenken des Administrators voraus: Nicht alle Systeme reagieren auf dieselbe Syntax.

Hübsch anzuschauen und mitunter von Nutzen: Scrollt der Administrator auf einem Gerät bis zur vollen Größe, erscheinen weitere Detailfenster, inklusive Gerätebilder, sofern hinterlegt. Auch hier gilt für den Benutzer wieder: „Das Scrollrad der Maus ist dein Freund.“ Denn pro Tick auf dem Rad wird eine Fensterkarte mit Informationen angezeigt. Von diesen Detailinformationen, zum Beispiel die Darstellung der Topologie für das gewählte Gerät, kann der Benutzer wiederum direkt in die anderen Fenster weiterwandern. Netbrains Entwickler haben das Surfen auf Daten offenkundig für sich entdeckt.

Kein Lob ohne Kritik: Das oben erwähnte Fenster, das sich nach dem Klick auf das rote Plussymbol öffnet, ist von Haus aus sehr klein. So ist der Benutzer nahezu immer gezwungen, es über den Rand zu vergrößern, um zum Beispiel die Bezeichnung der NIC zu lesen. Und mit jedem neuen Aufruf der Funktion stellt sich das Fenster zurück auf die minimalistische Darstellung. Wer dies rund zehnmal in einer Stunde erlebt, ist gepflegt genervt.

Je nachdem, wie der Administrator die Netbrain-Software einsetzt, sammelt diese alle grundlegenden Informationen, speichert sie ab und baut sukzessive die Datenbasis für Vergleichsuntersuchungen auf. Eines der wichtigsten Werkzeuge ist „Compare“. Der Anwender entdeckt es an vielen Stellen im Programm, bei denen Informationen zum Vergleich erzeugt wurden. Üblicherweise ist das der Vergleich gespeicherter historischer Daten mit aktuellen Informationen zum jeweiligen Gerät.

Mittels sogenannter Qapps können Administratoren die Netbrain-Software erweitern.

Wer sich schon länger mit Monitoring- und Management-Lösungen befasst, kommt stets zu der Erkenntnis, dass der Hersteller wohl immer noch ein wenig hätte mehr tun können. Netbrain versucht aus dieser Erfahrung eine Tugend zu machen und bietet die so genannten „Qapps“ – kleine, flexible Skript-Programme, die der Administrator einfach nur nutzen oder selbst erstellen kann. Während das Ergebnis möglichst smart und einfach sein soll, wartet auf den Ersteller zunächst einmal eine 240-seitige Anleitung, in der das Design und die Anwendung erörtert werden. Diese spezielle Anleitung für die neue App-Infrastruktur, passend zur Version 6.0, hat jedoch nur noch beschränkte Gültigkeit, da sich die aktuelle Wizard-Unterstützung in der Dokumentation noch nicht niederschlug.

Die Erstellung eigener Qapps wird von Version zu Version einfacher: Ein Wizard soll den Einstieg deutlich erleichtern.

Kurz vor Abschluss dieses Beitrags kündigte Netbrain für Anfang Dezember 2016 das Release 6.2 an. Der Schwerpunkt der neuen Version ist die Erweiterung der Möglichkeit für Netzwerktechniker, ohne Programmierkenntnisse mit einer neuen Drag-and-Drop-Oberfläche eigene Netzwerk-Apps („Qapps“) zu schreiben. Die Grundlagen hierfür wurden bereits mit der aktuellen Version geschaffen. Eine automatisierte Ausführung mit vorgefertigtem Ablauf zum Troubleshooting oder Compliance-Check wird mit den ebenfalls neuen „Netbrain Runbooks“ realisiert.

Fazit: kleines Meisterstück

Netbrain ist wirklich ein kleines Meisterstück gelungen. Jeder Administrator, der sich primär um das Netzwerk in seinem Unternehmen kümmert, sollte sich einige Minuten gönnen, um die Software in der Cloud-Teststellung zu betrachten. Das Programm geht über das übliche Maß der Netzwerk-Kartendarstellung weit hinaus. Dafür kostet es laut Preisliste auch entsprechend mehr: Pro gleichzeitig aktivem Benutzer sind für Netbrain in der Enterprise Edition 14.875 Euro fällig. Für jedes über das Programm verwaltete System veranschlagt der Hersteller knapp 75 Euro für die Funktionen Dokumentation und Troubleshooting sowie optional für den Bereich Change-Management noch einmal rund 38 Euro.

Firmen-Info
Info: Netbrain Tech Deutschland

Tel.: 0800/7243112

Web: www.netbraintech.com

Frank-Michael Schlede und Thomas Bär.