Die Zukunft des Autos ist „Software-Defined“: Im Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) wandelt sich das Auto laut Dr. Martin Birkner, Research Director Automotive and Smart Transportation bei Gartner, von der hochmotorisierten Hardware zur Softwareplattform für das individuelle Fahrerlebnis. Dies wird die Automobilindustrie grundlegend verändern.

LANline: Herr Birkner, alle reden vom Elektroauto, doch wird Rohstoffmangel den Siegeszug der E-Mobilität nicht ausbremsen, etwa im Hinblick auf die für Akkus erforderlichen seltenen Erden?

Birkner: Eine ähnliche Diskussion hatten wir auch schon bei der Solartechnik. Es geht aber lediglich um den wirtschaftlichen Abbau der seltenen Erden. Höhere Nachfrage wird den Abbau wirtschaftlich machen. Zudem werden Lithium-Ionen-Akkus außerhalb der Fahrzeuge als dezentrale Energiespeicher dienen, sodass es einen riesigen Zweitverwertungsmarkt geben wird. In fünf bis zehn Jahren werden sich damit viele Probleme der Rohstoffversorgung, Skalierung und des Recyclings verflüchtigt haben. Angesichts der Produktionszyklen der Autoindustrie bedeutet das: Der Wandel zur E-Mobilität steht unmittelbar bevor.

LANline: Was bedeutet dieser Wandel für die deutsche Automobilindustrie?

Birkner: Die Wertschöpfung der Autobauer ist heute auf Verbrennungsmotoren ausgerichtet, dadurch geht der Weg zur E-Mobilität über hochkomplexe Systeme wie den Hybridmotor. Bei der Elektromobilität aber birgt der Motor nicht mehr viel Differenzierungspotenzial. Die Differenzierung wird vielmehr über Vernetzung und Orchestrierung der Daten erfolgen.

LANline: Könnten Sie das anhand von Beispielen illustrieren?

Birkner: Im Elektroauto ist die korrekte Angabe der verbleibenden Reichweite ein wichtiger Faktor. Intelligente Fahrzeuge werden deshalb Steigungen in der geplanten Strecke in die Batteriereichweite einrechnen, ebenso die Verkehrslage, den Zustand der Straße und das Fahrverhalten des Nutzers. Dies sind aber nur Basisfunktionen. Denn das Ziel ist letztlich ein hochpersonalisiertes Fahrerlebnis. Das Auto erkennt den Fahrer anhand eines Tokens, des Smartphones oder aber seines Fahrverhaltens. Wenn es dann beispielsweise feststellt oder bereits weiß, dass der jeweilige Fahrer nachts oder auf nasser Straße unsicher fährt, wird es individuelle Vorschläge für eine angepasste Routenplanung machen. Die Qualität dieser Individualisierung wird künftig den Ausschlag geben, nicht die bloße Fahrzeug-Hardware.

LANline: Wie wird das Auto der Zukunft aufgebaut sein?

Birkner: Das künftige Fahrzeug ist ein Client mit hochstandardisierter Plattform und Over-the-Air-Updates. So lässt es sich je nach dem Verhalten oder den ermittelten Vorlieben des Kunden weiterentwickeln. Ein Beispiel: Man könnte hochwertige Lautsprecher dank Skaleneffekten zu durchaus bezahlbaren Kosten in einer kompletten Fahrzeugserie verbauen. Sind die Lautsprecher und eine entsprechende App einmal vorhanden, kann der Kunde das gehobene Klangerlebnis on Demand hinzubuchen. Unabhängig davon, ob der Nutzer das Fahrzeug kauft oder „as a Service“ bezieht: Der Hersteller kann eine bestimmte Konfiguration für eine bestimmte Dauer bereitstellen und es anschließend für eine komplett neue Erfahrung umbauen, und dies ohne Änderung der Hardware. Dieses neue Konzept wird die heutige, durchschnittlich neunjährige Nutzungsdauer der immer gleichen Hardware ablösen. Der Hersteller muss also künftig den Kunden überzeugen, sich für seine Service-Plattform zu entscheiden. Hier zählt dann wieder die Orchestratorrolle.

LANline: Sind für diese softwarelastige Zukunft die Automobilhersteller oder die IT-Größen wie Google beziehungsweise Alphabet heute besser positioniert?

Birkner: Bei den Autoherstellern wird es eine massive Konsolidierung geben, zudem ganz neue Ökosysteme und Kooperationen. Die IT-Anbieter wie Google oder Apple wiederum haben inzwischen gemerkt, dass ein Fahrzeug nicht vergleichbar ist mit einem Smartphone. Ein Auto ist ein Device, das selbst bei 250 km/h noch weltweit verlässlich funktionieren muss. Anders als früher die Fabrikanten traditioneller Mobiltelefone sind die Autohersteller damit durch die Komplexität des Geräts recht gut geschützt. Deshalb wurde auch die Google-Konzernmutter Alphabet mit ihrem Automotive-Spin-off Waymo inzwischen kooperativer. Heute gibt es sozusagen einen „Waffenstillstand“ zwischen Auto- und IT-Industrie. Die IT-Anbieter dürften künftig eher als Zulieferer für die Automotive-Branche agieren. Aber selbst das ist für die Autobauer nicht ohne Risiko: Verbauen sie zum Beispiel Komponenten mit Android als Betriebssystem, dann laufen die Kundendaten via Android zu Google.

LANline: In welche IT-Aspekte muss die Automobilindustrie besonders achten?

Birkner: In der Automotive-Branche hat man heute verstanden: IT wird ein fundamentaler Teil der Kundenerfahrung sein. Dies erfordert erstens Standard-APIs zur Cloud, zudem komplett neue Domänenkonzepte im Fahrzeug, denn man muss dessen Cloud-Anbindung Ende-zu-Ende betrachten. Zweitens wird man hochstandardisierte Plattformen bauen, um per APIs eine einheitliche Customer Journey abzubilden. Zum Beispiel muss das Fahrzeug weltweit Internetanbindung bieten, und alle Komponenten – das Fahrzeug selbst, aber zum Beispiel auch das Headset – müssen über Single Sign-on bedienbar und über Cybersecurity-Funktionen gesichert sein.

LANline: Was bedeutet das für den CIO?

Birkner: Den CIO im Automobilkonzern stellt das vor große und grundlegend neue Herausforderungen. Vor allem muss er sicherstellen, dass alle benötigten Daten zur Verfügung stehen, von der Frage der Zugriffsrechte bis hin zur Orchestrierung. So wird er dafür verantwortlich sein, dass über die Daten von – sagen wir – fünf Millionen Fahrzeugen Algorithmen laufen, die für den einzelnen Kunden das jeweils optimale Fahrerlebnis ermitteln.

LANline: Herr Birkner, vielen Dank für diese Einblicke in die Zukunft des Automobils.

Dr. Wilhelm Greiner ist Stellv. Chefredakteur der LANline.