Obwohl die Deutsche Telekom im kommenden Jahr ihr ISDN-Netz abschaltet, setzen zahlreiche Unternehmen hierzulande noch auf ISDN. Sie müssen jetzt schnell eine Lösung für die Umstellung auf IP-Technologie finden. Eine Pauschallösung gibt es dafür nicht. Erst eine genaue Bedarfsanalyse zeigt, wohin die All-IP-Reise geht.

Nach den aktuellsten verfügbaren Zahlen vom Statistischem Bundesamt gab es 2015 in Deutschland noch knapp sechs Millionen ISDN-Basisanschlüsse, mehr als 5,6 Millionen davon nutzen Unternehmen. Dabei setzen die Betriebe nicht nur bei der Telefonie auf den veralteten Standard: Auch Alarmanlagen, Frankiermaschinen oder EC-Cash-Terminals laufen über ISDN-Anschlüsse. Eine aktuelle Umfrage des Branchenverbands Bitkom hat außerdem gezeigt, dass nach wie vor 70 Prozent der Unternehmen auf Faxgeräte setzen, um mit Kunden, Kollegen oder Partnern zu kommunizieren. Vor allem kleinere Unternehmen versenden die Faxe ebenfalls noch vielfach über ISDN-Anschlüsse. Wenn die Telekom nun jedoch 2018 die Infrastruktur für ISDN Schritt für Schritt abschafft, stehen genau diese Unternehmen vor der Frage, wie sie bestehende Anschlüsse ablösen wollen.

Aktuell herrscht gerade in zahlreichen kleinen und mittelständischen Betrieben noch große Unsicherheit und Unwissen in Bezug auf den neuen Kommunikationsstandard. Viele Verantwortliche wissen nicht, welche Möglichkeiten die neue Technologie tatsächlich bietet und in welchem Umfang sich die vorhandene Kommunikationsanlage möglicherweise noch nutzen lässt.

Unternehmen, deren Anschlüsse die Telekom in den nächsten Monaten auf IP umstellt, sollten sich möglichst bald mit ihren Systemhauspartnern an einen Tisch setzen und die Möglichkeiten im Rahmen des Umstiegs diskutieren. Denn der Wechsel bietet Unternehmen nicht nur eine gute Gelegenheit, ihren Telekommunikationsanbieter zu wechseln. All-IP kann auch die Initialzündung für die Digitalisierung des Betriebs sein, den Weg in die Cloud ebnen und oder das Unternehmen mit neuen Arbeitsplatzmodellen für Mitarbeiter attraktiver machen.

VoIP-Wissen ist Macht

Grundsätzlich stellt sich das eigentliche Telefonieren dabei für den Teilnehmer genauso dar wie bei der klassischen Telefonie. Die Sprachqualität kann im Umfeld von IP allerdings deutlich besser sein, sollte HD-Telefonie zum Einsatz kommen (G.722).

Dass bei VoIP keine dedizierten Leitungen durchgeschaltet, sondern die Sprache stattdessen in digitalisierter Form als Paket per IP transportiert wird, merkt der Nutzer beim Telefonieren nicht. Darüber hinaus ermöglicht IP zahlreiche neue Dienste im Umfeld von Unified Communications and Collaboration (UCC).

Struktureller Aufbau einer IP-Umgebung. Bild: Mitel

Ein Vorteil der IP-Technologie ist, dass die Telefonnummer nicht mehr zwingend einer festen Leitung zugeordnet ist. Durch die jeweilige Authentifizierung der Nutzer – dies funktioniert in der Regel direkt über deren Endgeräte – kann dieser einen Anschluss komplett unabhängig vom Aufenthaltsort nutzen. Dies nennt man nomadische Nutzung und ist die Grundlage von Unified Communications (UC).

Eben diese Digitalisierung bedeutet jedoch auch, dass Unternehmen nicht mehr die alten Telefongeräte nutzen können. Sie müssen vielmehr spezielle IP-fähige Endgeräte einsetzen oder aber ein externes Gateway vorschalten, um die bestehende Infrastruktur weiterbenutzen zu können.

Unternehmen werden digital

In Unternehmen sind bereits viele Anlagen hybrid, die über einen ISDN-Amtsanschluss genutzt werden. Folglich können sie mit überschaubarem Aufwand IP-fähig gemacht werden, beispielsweise indem man eine IP-Baugruppe einbaut.

Handelt es sich beim Bestand jedoch tatsächlich um eine ISDN-Anlage, gibt es für Unternehmen folgende Möglichkeiten:

Einbau eines externen Gateways: Wird dieses vorgeschaltet, lässt sich die bestehende Anlage weiterverwenden. Diese Möglichkeit ist jedoch nicht optimal, da sie zusätzliche Fehlerquellen bedeuten kann.

Vollständige IP-Migration: Die komplette Kommunikationsanlage wird durch eine neue IP-Anlage ersetzt – mit allen Vorteilen der neuen Technologie.

Upgrade der bestehenden Anlage: Setzt ein Unternehmen eine alte ISDN-Anlage ein, von der es bereits eine neue IP-Nachfolgeversion gibt, kann es unter Umständen die bereits vorhandenen TDM-Endgeräte weiternutzen (Time-Divison-Multiplex, ein Verfahren bei ISDN, um mehrere Kanäle gleichzeitig über eine Zweidrahtleitung zu schicken).

Die Umstellung auf All-IP ist zwar für Unternehmen eine Pflichtübung, hat aber viele Vorteile und eröffnet neue Möglichkeiten. Mit All-IP lassen sich beispielsweise neue Standorte – auch länderübergreifend – effizient integrieren und mit den bestehenden Büros vernetzen. Für Firmen auf Expansionskurs bedeutet das Zeit- und Kostenersparnis. Aber nicht nur der Betrieb an sich wird durch IP flexibler, sondern auch die Mitarbeiter.

All-IP erlaubt die Nutzung umfassender UCC-Dienste, die den Arbeitsplatz entscheidend verändern und neue Arbeitsmodelle ermöglichen: Sprach- oder Video-Konferenzen, erweiterte Chat-Funktionen, CTI, Präsenzanzeigen, Webinare und Collaboration, also die standortübergreifende Zusammenarbeit. Mitglieder eines Teams können dadurch Dateien jeder Art miteinander teilen und sogar zeitgleich bearbeiten. Alle UCC-Dienste stehen dabei sowohl am Desktop als auch an mobilen Endgeräten zur Verfügung. IP als Voraussetzung für UCC ermöglicht damit ein geräte- und plattformübergreifendes Arbeiten ohne Brüche, überall und immer mit den gewohnten Werkzeugen.

Telefonanlage aus der Cloud beziehen

Bei der Umstellung auf All-IP sollten sich die Verantwortlichen allerdings auch fragen, ob sich die Umrüstung oder der Kauf einer neuen Kommunikationsanlage überhaupt noch lohnen. Denn das, was eine stationäre Telefonanlage heute bieten kann, gibt es auch als Cloud-Dienstleistung. Damit lassen sich zum einen erhebliche Kosteneinsparungen erzielen, denn der Umstieg ist ohne größere Anfangsinvestitionen möglich und die Kosten für Unterhalt und Wartung sind deutlich geringer.

Gleichzeitig sinkt die Gefahr signifikanter Ausfallzeiten, da die Cloud-Anbieter mit verschiedenen Redundanzkonzepten arbeiten. Dadurch kann man zusammen mit einem gemanagten Zugang (MPLS) eine nahezu hundertprozentige Verfügbarkeit garantieren.

Cloud-Lösungen bieten außerdem eine hohe Flexibilität. Das ist besonders interessant für Unternehmen, die sich in einer starken Wachstumsphase befinden. Denn neue Mitarbeiter lassen sich dadurch problemlos und schnell integrieren. Reguläre Anlagen müssten, um das zu bewältigen, entweder von Anfang an mit entsprechender Skalierbarkeit gekauft oder aber bei Erreichen der maximalen Port-Zahl ausgetauscht werden. Bei einer Cloud-Lösung hingegen können Unternehmen einfach und flexibel Ports hinzubuchen oder abbestellen.

Die Fax-Frage stellt größtes Problem dar

Allerdings gibt es beim Umstieg von ISDN auf All-IP auch einige Herausforderungen, die Unternehmen berücksichtigen müssen. Ganz oben auf der Liste steht vermutlich das Senden und Empfangen von Faxen. Denn VoIP ist auf die Sprachübertragung optimiert: Fallen einzelne Datenpakete aus (engl. Packet Loss), gibt es minimale Aussetzer bei der Sprachübertragung, die sich jedoch im Hintergrund dank diverser Fehlerkorrektursysteme „glattbügeln“ lassen und so dem Zuhörer in den meisten Fällen nicht auffallen.

Dies stellt beim Faxen hingegen das weitaus größere Problem dar, da in diesem Fall eine Lücke entsteht. Ebenso unterliegt jede paketorientierte Datenübertragung unterschiedlichen Laufzeitverzögerungen (engl. Delay) oder viel schlimmer Laufzeitschwankungen (engl. Jitter) bei den unterschiedlichen Paketen.

Dann helfen auch keine Technologien wie Dejitter-Buffer, die Übertragung bricht einfach ab. ISDN-Anschlüsse sind aufgrund ihrer technischen Konstruktion deutlich stabiler und weniger fehleranfällig bei der Fax-Übertragung.

Die VoIP-Anbieter haben diese Probleme jedoch bereits erkannt und bieten verschiedene Ansätze, um sie zu beheben. So beherrschen alle Anbieter und Carrier die Übertragung der Faxtöne unter Nutzung des unkomprimierten und verlustfreien VoIP-Codecs ITU-T G.711, also paketvermittelt. Ein weiterer Ansatz ist das Protokoll T.38 oder FoIP (Fax over IP). Hier werden nicht mehr die Faxtöne als digitale Sprachsignale übertragen, sondern in einem eigenständigen Protokoll mit eigenen Formaten und eigenständigen Regeln. Die dabei verwendeten Pakete nutzen IFP (Internet Facsimile Protocol) und sind in der Sprache des Internets (UDP/TCP und IP) eingekapselt. Die Probleme mit Verzögerung, Jitter und Paketverluste, die durch die Übertragung per VoIP entstehen, bleiben allerdings. Große Puffer in den Geräten oder eine doppelte Übertragung können hier – allerdings langsame – Abhilfe schaffen.

Die sogenannten Fax-to-Mail-Services (T.37) bieten dabei einen Workaround: Diese wandeln Faxe in eine Grafikdatei um und versenden diese als Dateianhang per E-Mail. Um dem Anwender ebenfalls den Empfang regulärer Faxe zu ermöglichen, bekommen die Nutzer von ihrem Service-Anbieter eine Faxnummer, über die sie erreichbar sind. Sie benötigen dafür kein separates Faxgerät, lediglich eine E-Mail-Adresse muss beim Anbieter hinterlegt sein. Der Empfang von Faxen ist bei vielen Anbietern kostenlos, beim Versand wird jedoch häufig eine Gebühr fällig.

Umstellung mit der richtigen Einstellung

Allen Herausforderungen zum Trotz: All-IP ist die Zukunft. Und dank des Ultimatums der Telekom ist auch der Zeitpunkt der Umstellung klar umrissen. Unternehmen können der Einführung des neuen Standards jedoch ziemlich gelassen entgegensehen. Mit einem guten Berater an der Seite hält sich der Aufwand oftmals in Grenzen und die Vorteile überwiegen letztendlich.

Manuel Ferre-Hernandez ist Director Sales Germany bei Mitel ().