Der Weltmarkt für DCIM-Software (Datacenter-Infrastructure-Management) soll von 2016 bis 2020 jährlich im Schnitt um 15 Prozent wachsen, so das Analystenhaus Technavio. Denn technische Fortschritte wie Virtualisierung, Cloud Computing, Big Data oder IoT (Internet of Things) machten RZ-Landschaften immer komplexer. Ein nach wie vor beträchtlicher Anteil ungenutzter RZ-Ressourcen, ein hoher Energiebedarf sowie der Ruf nach mehr Betriebseffizienz und Compliance mit Umweltschutzvorgaben steigern die Attraktivität der DCIM-Tools für RZ-Betreiber. Doch die Komplexität der Implementierung bleibt eine Einstiegshürde.
Nach Schätzungen von Technavio wird der globale Umsatz mit DCIM-Software bis 2020 die Marke von einer Milliarde Dollar überschreiten. Denn aufgrund steigender RZ-Betriebskosten durch wachsenden Stromverbrauch, mehr CO2-Emissionen sowie Sicherheitsbedenken im Datacenter werde eine Vielzahl von Unternehmen DCIM einführen – für das Asset-Management, die Kapazitätsplanung, die Senkung des Stromverbrauchs und der Emissionen sowie für das laufende Echtzeit-Monitoring aller physischen Assets im RZ.

„Aufgrund der Präsenz mehrerer wohletablierter Anbieter auf dem Markt ist der weltweite DCIM-Markt sehr umkämpft“, so Technavio. Die Anbieter von DCIM-Lösungen versuchen vor diesem Hintergrund, bei ihren potenziellen Kunden mit zusätzlicher Funktionalität zu punkten, darunter Cloud-basiertes Remote Monitoring, 3D-Visualisierungen, Was-wäre-wenn-Berechnungen, Trendanalysen oder ein Dependency Mapping (Darstellung von Abhängigkeiten) von der RZ-Infrastruktur bis hinauf zu den Geschäftsprozessen.

Zu den Marktführern im DCIM-Segment zählt das Analystenhaus Gartner in seinem „Magic Quadrant for Data Center Infrastructure Management“ vom Oktober 2016 den US-amerikanischen DCIM-Spezialisten Nlyte vor den beiden Konkurrenten Schneider Electric aus Frankreich und Emerson Network Power, das als Spin-off des Emerson-Konzerns nun unter dem Namen Vertiv firmiert.

Nlyte ermöglicht es mit einer 3D-Visualisierung, ein Server-Rack auf mögliche Konfliktherde hin zu durchleuchten. Bild: Nlyte

Nlytes umfangreiche und innovative DCIM-Suite, aktuell in Version 7, ist als lokale Installation wie auch als SaaS-Angebot erhältlich. Sie glänzt mit einer Content-Datenbank, die die Beziehungen der RZ-Assets verwaltet, einer „Business Intelligence Engine“ für komplexe Was-wäre-wenn-Szenarien, Workflow Engines für den RZ-Betrieb und das Asset-Lifecycle-Management sowie einer „Smart Blueprints“-Technik für die schnelle Modellierung von Rechenzentren.

Schneider Electric bietet mit Struxureware for Data Centers eine Basisplattform, die sich durch zahlreiche Module erweitern und anpassen lässt. Struxureware ist dabei Bestandteil eines umfangreicheren Portfolios für Automation, Energie-Management und Nachhaltigkeit, das seit Ende November 2016 mit Ecostruxure auch eine neue Generation von Verwaltungslösungen für IoT-Umgebungen umfasst.

Emerson Network Power wiederum, einst Teil des weltweit agierenden Emerson-Konzerns, wurde in der zweiten Jahreshälfte 2016 für vier Milliarden Dollar an die Investorengruppe Platinum Equity verkauft, wobei Emerson eine Minderheitsbeteiligung behielt. Seit dem 1. Dezember 2016 agiert das Unternehmen nun als Vertiv mit dem neuen CEO Rob Johnson eigenständig am Markt. Vertiv positioniert sich als globaler Anbieter geschäftskritischer Infrastrukturtechnik für zentrale Anwendungen in Rechenzentren, Kommunikationsnetzwerken und gewerblichen sowie industriellen Umgebungen. Die im RZ-Umfeld bekannten Marken wie Liebert oder auch die DCIM-Software Trellis sollen dabei erhalten bleiben.

Zu den „Visionären“ – in Gartners Magic-Quadrant-Sprache jene Anbieter mit umfassender Vision, aber realtiv geringer Marktdurchdringungskraft – zählen die Gartner-Analysten erstens den US-Anbieter Cormant mit seinem DCIM-Tool Cormant-CS, das insbesondere durch seine Funktionen für die mobile Auswertung der RZ-Informationen hervorsticht, sowie zweitens den deutschen DCIM- und Kabel-Management-Spezialisten FNT. Dessen DCIM-Lösung Command punktet als hochintegrierte, automatisierte und offene Plattform dank seines Datenmodells über den gesamten IT-Stack hinweg, zudem aber auch durch das enge Zusammenspiel mit ITSM-Lösungen. Im Dezember hat FNT zudem angekündigt, künftig mit dem Konzern ABB zu kooperieren, um eine integrierte Lösung für das Facility-Management und den IT-Betrieb zu schaffen.

Als „Challenger“ (also ausführungsstark, aber visionsschwach) führt dieser Gartner-Report mit Panduit und Commscope zwei bekannte Verkabelungs- und RZ-Ausrüster auf. Als Nischenanbieter („Niche Player“) ist Sunbird Software vertreten, die 2015 ausgegründete DCIM-Softwaredivision des KVM- und PDU-Herstellers Raritan.

Auffällig: Mit nur acht Herstellern fällt der 2016er Magic Quadrant deutlich anbieterärmer aus als sein Vorgänger. Denn im Report von 2015 war nicht nur Fieldview Solutions noch dabei (ein Power-Monitoring-Spezialist, der inzwischen von Nlyte akquiriert wurde), sondern auch noch diverse weitere Player wie ABB, Device42, Geist, Modius, Optimum Path und Rackwise. Diese sind praktisch alle nach wie vor im DCIM-Markt unterwegs, entsprechen aber nun Gartners höhergeschraubten Auswahlkriterien nicht mehr – während Siemens, mit Datacenter Clarity LC immerhin seit 2013 im DCIM-Markt aktiv, sogar in keinem der beiden Magic Quadrants auftaucht. Auch fehlen im Gartner-Report natürlich rein regionale Größen ebenso wie sämtliche Anbieter, die an der Einstiegshürde scheitern, weil sie nur einzelne Teilaspekte der Gartnerschen DCIM-Definition abdecken, also Anbieter wie zum Beispiel die Dtm Group.

Gartners DCIM-Definition ist dabei durchaus nützlich für alle IT-Organisationen, die eine DCIM-Einführung planen, sei es wegen eines RZ-Neubaus oder -Umbaus, sei es, um Effizienz- oder Compliance-Ziele zu erreichen. DCIM-Lösungen müssen laut Gartner ein echtzeitnahes Monitoring der Stromversorgung und der Umgebungsparameter (Temperatur etc.) ebenso ermöglichen wie ein Ressourcen-Managment. Hiermit meinen die Analysten ein IT-Asset-Management, das die Lokation (etwa die Position im Rack) ebenso abbildet wie die Auslastung der Assets und deren Abhängigkeiten (welcher Server hängt an welcher PDU etc.). Außerdem müssen DCIM-Tools Reporting- und Visualisierungsfunktionen aufweisen, um die gesammelten Monitoring-Daten auswertbar zu machen – für RZ-Leiter ebenso wie für das Betriebspersonal, das Facility-Management oder die Geschäftsleitung.

Optional sind in Gartners Definition Zusatzfunktionen wie eine prognosetaugliche Datenanalyse („Predictive Analysis“), Modellierung und Simulation, Luftzirkulations- und Luftdruckmessungen, Workflow-Management, ein Asset-Monitoring und -Management der physischen IT-Komponenten, Kabel-Management oder auch Mandantenfähigkeit. Mit diesem Feature-Set lassen sich laut den Marktbeobachtern deutliche Einsparungen bei Investitionen und im Betrieb erreichen – allerdings angesichts dieser Funktionsfülle auf Kosten der einfachen Implementierung und Bedienung, wie auch Gartner moniert.

Es ist somit kein Wunder, dass man derlei DCIM-Suiten heute vorrangig bei größeren Unternehmen und Konzernen im Einsatz findet. Dabei hätte insbesondere der deutsche Mittelstand sicher Bedarf an DCIM – aber eben an leicht zu installierenden und intuitiver bedienbaren DCIM-Werkzeugen. Schließlich muss eine mittelständische IT-Organisation mit Cloud-Providern, Outsourcern und Colocation-Anbietern konkurrieren, die das Potenzial der DCIM-Suiten aufgrund der dort erzielbaren Skaleneffekte sehr gut ausschöpfen können. Doch zunehmend komplexe RZ-Umgebungen und eine intuitive Informationsauswertung unter einen Hut zu bekommen ist eben ein anspruchsvolles Unterfangen. Positiver formuliert: Da ist noch Spielraum für Optimierungen.

Dr. Wilhelm Greiner ist Stellv. Chefredakteur der LANline.