Am 26. November lockte das Software- und Cloud-Consulting-Haus Appsphere mit seinem „Future IT-Kongress“, der zum fünften Mal stattfand, rund 100 Teilnehmer nach Ettlingen. Im Fokus standen diesmal moderne Arbeitsstile. Zu den Highlights zählten die Präsentationen von Dr. Stefan Hellfeld vom Forschungszentrum Informatik (FZI) sowie ein CxO-Roundtable mit Prof. Michael Rotert, dem Empfänger der ersten E-Mail in Deutschland.

In der Auftakt-Keynote zum Kongresstag diskutierten Appsphere-Vorstand Frank Roth und sein Kollege Frank Kresse die Frage: „Moderne Arbeitsstile: Segen oder Fluch?“ Bei Appsphere geht man davon aus, dass Technologie künftig für die Weiterentwicklung der Unternehmen bestimmend sein wird. Jedes deutsche Unternehmen müsse deshalb eine „digitale Agenda“ entwickeln – allerdings eine Gesamtagenda, nicht eine pro Abteilung, so Frank Roth. Das Wertschöpfungspotenzial stecke im Gelingen dieser „digitalen Transformation“ eines Unternehmens.

 

Beim Arbeitsplatz der Zukunft gehe es dabei längst nicht nur um mobile Geräte, wie Frank Kresse betonte. Der Arbeitsplatz müsse benutzerzentriert sein. Dafür benötige man neue Werkzeuge, denn insbesondere der problematische Aspekt der Bedienbarkeit („Usability“) sei hier entscheidend.

 

Die Veranstaltung konzentrierte sich auf drei konkurrierende Perspektiven: Der Anwender, so Appsphere-Chef Roth, wünsche sich eine einfache Nutzung und effizientes Arbeiten, der IT-Verantwortliche benötige Beherrschbarkeit und Sicherheit, das Management wiederum Wirtschaftlichkeit und Compliance.

 

Die Fach- und Produktvorträge des Tages – zu den Sponsoren zählten Microsoft und ASG ebenso wie Acronis, Citrix, Thin-Client-Größe Igel und Netapp – unterteilten sich im Folgenden dementsprechend in Management-, IT- und Anwender-Tracks. Um diese drei Aspekte unter einen Hut zu bringen, so die beiden Keynote-Sprecher, sei eine methodische Ermittlung der digitalen Reife inklusive Benchmarking ein wichtiges Hilfsmittel.

 

Anschließend bot der Vortrag von Dr. Stefan Hellfeld, dem Leiter des „FZI House of Living Labs“, zur Zukunft des IT-Arbeitsplatzes das Highlight des Veranstaltungstags. Mit Blick auf altbekannte Arbeitsumfelder wie etwa Callcenter, bei denen Arbeitsplatz und -zeitraum klar definiert sind, prophezeite der Forscher eine Zukunft, in der diese klaren Definitionen abhandengekommen sind.

 

Auf dem Weg dorthin werde die IT-Affinität der Mitarbeiter das entscheidende Kriterium sein. Ein großes Problem bestehe darin, dass die Arbeitsnehmer auf dem Weg zu höherer IT-gestützter Produktivität besser begleitet werden müssten. Denn eine geringe emotionale Bindung des Arbeitsnehmers an seine Arbeit bedeute: Sein Potenzial ist nicht nutzbar.

 

Als wichtige Facette des künftigen Arbeitsalltags hob Hellfeld Erkenntnisse von Intel hervor, dass es künftig weniger physische Mobilität geben werde. Flexiblere Systeme seien deshalb gefragt – zum Beispiel Systeme, die unterwegs ein Arbeiten im Stau ermöglichen.

 

Als Kernfaktoren, die die Arbeit beeinflussen, nannte der Forscher den Kontext (Wann, wo, wie arbeiten wir?), die Art der Tätigkeit (manuelle Arbeit, Wissensarbeit etc.) und die Interaktionen (Mit wem oder was interagieren wir: Kollegen, Partner, Maschinen, Virtual Reality etc.?). Seine These: Der Arbeitsplatz der Zukunft braucht ein flexibles Mikro-Ökosystem. Dieses werde der Arbeitnehmer ständig bei sich haben und nach Bedarf anpassen. Als Beispiel führte er Fahrzeugstudien von Daimler an, die ein Cockpit mit Virtual-Reality-Brille und Gestensteuerung vorsehen.

 

Der Arbeitsplatz werde zum „Dienstleister für den Arbeitnehmer“. Überspitzt formuliert, so Hellfeld, gelte für die Unternehmen der Zukunft: „Sie liefern die Kaffeeküche“ – gearbeitet werde dann irgendwo.

 

Ins gleiche Horn stieß Heiko Henkes, Managing Advisor bei der Experton Group. Auch er sieht die „Future Workplace“-Szenarien getrieben durch die oft beschworene „Work/Life Balance“. Wie Hellfeld, so argumentierte auch Henkes, das Arbeitsumfeld müsse auf das Individuum fokussiert sein. Er betonte dabei vor allem die Bedeutung von Social-Business-Werkzeugen, um die Zusammenarbeit benutzergerecht zu erleichtern.

 

Am Vorabend des Kongresstags fand ein CxO-Roundtable statt, auf dem ein Vortrag von Prof. Michael Rotert einen weiteren Höhepunkt bot. Rotert war der Empfänger der ersten E-Mail, die in Deutschland ankam – mit der E-Mail-Adresse „rotert@germany“, da es noch kein internationales Domain-System und eh nur einen einzigen deutschen E-Mail-Server gab. Rotert berichtete, dass inzwischen täglich weltweit 150 Milliarden E-Mails verschickt werden, und monierte, dass sich aber immer noch keine „Mail-Kultur“ entwickelt habe.

 

Rotert schlug den Bogen von „E-Mail 1.0“ zur heute gerne propagierten „Industrie 4.0“. Hier hob er die Bedeutung von IPv6 hervor, damit alle vernetzten Objekte ihre eigenen IP-Adressen bekommen können. In puncto IPv6 liege Deutschland mit zehn Millionen Benutzern weltweit immerhin auf Platz zwei.

 

Verbreitet sei IPv6 allerdings bislang vor allem in Behörden – und noch zu wenig in der produzierenden Industrie. Hier werde das Potenzial von Industrie 4.0 bislang noch nicht ausreichend umgesetzt, zumal Industrie 4.0 wesentlich mehr umfasse als lediglich Optimierungen bei Logistik und Lagerhaltung. Als Beispiel nannte er Brücken, die dank eingebauter Sensoren mit RFID-Chip selbsttätig melden, wenn sie Haarrisse bekommen.

Der IT-gestütze Arbeitsplatz der Zukunft ist „Dienstleister für den Arbeitnehmer“, so Dr. Stefan Hellfeld vom Karlsruher Forschungszentrum Informatik (FZI). Bild: Dr. Wilhelm Greiner