Ein großes Lob an HP CEO Meg Whitman: Mit einem unerwarteten Schachzug übernimmt der Konzern die im Jahr 2008 veröffentlichte Open-Source-Cloud-Infrastruktursoftware Eucalyptus – und gewinnt damit deren CEO Marten Mickos als Chef der eigenen Cloud-Sparte.

Nicht nur, dass Whitman damit ein Näschen für eine in den vergangenen Jahren stetig verbesserte Technik bewiesen hat: Sie schnappt damit dem Branchenprimus Amazon Web Services (AWS) auch noch einen potenziell wichtigen Übernahmekandidaten vor der Nase weg. Eucalyptus ist eine Infrastruktursoftware, die einigeBasis-Services der Amazon Web Services – darunter EC2, S3, EBS – nachbildet, um eine AWS-ähnliche Private-Cloud-Infrastruktur in der eigenen IT-Umgebung zu ermöglichen.

 

Die Übernahme soll im vierten Quartal diesen Jahres abgeschlossen werden. Über die finanziellen Hintergründe wurde nichts bekannt. Der Betrag wird aber unter 100 Millionen Dollar geschätzt.

 

Mit der Übernahme wird Eucalyptus-CEO Marten Mickos als neuer Senior Vice President und General Manager das Cloud-Geschäft von HP übernehmen. Mickos soll sich dabei insbesondere darauf konzentrieren, das Portfolio der HP Helion Cloud weiter auszubauen, das auf der Open-Source-Lösung von Eucalyptus-Mitbewerber Openstack basiert.

 

Eucalyptus findet glücklichen Exit

Eucalyptus-CEO Marten Mickos hat mit dem Verkauf an HP ein glückliches Händchen bewiesen. Trotz der guten Technik und Funktionalität konnte Eucalyptus bislang praktisch weder Bedeutung noch Einfluss im weltweiten Cloud-Zirkus erlangen.

 

Openstack hingegen zog innerhalb von nur vier Jahren in Siebenmeilenstiefeln davon. Das liegt unter anderem daran, dass Eucalyptus nur von einem Unternehmen (Eucalyptus Inc.) aktiv vorangetrieben und entwickelt wurde. Openstack hingegen hat eine riesige und stetig wachsende Community von IT-Anbietern und Anwendern im Rücken.

 

Ohne die HP-Akquisition wäre es für Eucalyptus allmählich eng geworden, und Mickos, bis dato erfolgreich, hätte wohl sein Gesicht verloren. Zwar schrieb Mickos im August noch, dass es nach ein paar schweren Jahren mit Eucalyptus wieder bergauf gehe. Mit Zahlen belegte er seine Aussagen jedoch nicht, auch ließ er auf Nachfrage keine folgen.

 

Lediglich sein Mitarbeiter Colby Dyess gab über Twitter ein paar Einblicke. Demnach existieren weltweit derzeit mehr als 40 Kunden, über die Eucalyptus öffentlich sprechen darf. Einer davon betreibt mehr als zehn Eucalyptus-basierte Clouds, andere zwei oder mehr.

 

Zeigte sich Mickos im Jahr 2012 gegenüber Openstack noch sehr angriffslustig, musste er in der jüngsten Vergangenheit eingestehen, dass Openstack einfach zu übermächtig ist. Der Schmeichelkurs begann im August mit der Ankündigung einer Keynote auf der Openstack Silicon Valley Conference. Da wusste Mickos wohl bereits mehr.

 

HP-Deal: Es geht überwiegend um Marten Mickos
Was HP nun auch immer mit Eucalyptus anstellen wird, eines ist sicher: Die Technologie war das sekundäre Ziel der Übernahme. Zwar verfügt Eucalyptus über eine ausgereifte Funktionsvielfalt, allerdings setzt HP bei seiner Cloud-Strategie auf Openstack und hat erst kürzlich seine HP Helion Cloud portfolioübergreifend darauf abgestimmt. Eine Änderung ist somit mehr als unwahrscheinlich. Dennoch kann die Helion Cloud und damit Openstack von der Eucalyptus-Technik hinsichtlich des Managements von Cloud- und hybriden IT-Infrastrukturen profitieren.

 

Das Hauptaugenmerk der Übernahme lag auf einer Person. Denn Community-Business ist auch People-Business. Mit Marten Mickos installiert HP einen smarten und charismatischen Anführer in seiner Cloud-Unit, der sich sehr gut in der Cloud-Szene auskennt und bestens vernetzt ist. Gleichzeitig ist er einer der sehr wenigen Experten, der sowohl in der Open-Source- als auch in der Business-Liga spielen kann.

 

Insbesondere in der Open-Source-Welt hat Mickos einen hervorragenden Ruf, was nicht nur auf seine erfolgreiche Zeit als CEO von MySQL zurückzuführen ist. Damit erhöht HP ebenfalls sein Ansehen und den Einfluss in der Open-Source-Szene, was sich auch positiv auf die Arbeit in der Openstack Foundation auswirken wird.

 

Dass Unternehmen aufgrund der Kenntnisse und den Teams hinter dem Erfolg gekauft werden, ist eine übliche Vorgehensweise. Mit der Übernahme von Eucalyptus geht HP allerdings neue Wege und eskaliert damit den „War for Talent“ in eine neue Dimension. In diesem Zusammenhang sollte man auch das Eucalyptus-Team hinter Mickos hervorheben. Die Mannschaft hat bewiesen, dass sie Software für den Aufbau komplexer Cloud-Infrastrukturen entwickeln kann – eine Eigenschaft, die seit Längerem immer stärker nachgefragt wird und am Arbeitsmarkt für Unternehmen nur sehr schwer zu finden ist.

 

AWS der große Verlierer
Wo es Gewinner gibt, da hat auch immer jemand das Nachsehen, in diesem Fall Amazon Web Services. Auch wenn der Public-Cloud-Primus es abstreiten wird: Dieser strategische Schachzug von HP tut weh. Was HP nun auch immer mit Eucalyptus anstellen wird, Meg Whitman hat AWS davon abgehalten .von Eucalyptus zu profitieren. Denn unter dem Strich benötigt AWS Eucalyptus deutlich mehr als HP.

 

Zwar sind die Amazon Web Services derzeit der unumstrittene König der Public Cloud. Doch trotz der großen Infrastruktur und der Innovationsführerschaft beschränkt sich das Angebot ausschließlich auf die Public Cloud. Über die Wettbewerbsstärke für den gesamten Cloud-Markt sagt dies allerdings wenig aus. AWS ist der führende unter den Nischenanbietern, berücksichtigt dadurch allerdings nicht die umfassenden Deployment-Anforderungen (Private, Hosted, Managed) und Wünsche der CIOs.

 

Zudem stellt der Anbieter aus Seattle im Bereich der Hybrid Cloud ein großes Fragezeichen in den Raum. Mittels „AWS Direct Connect“ und „Amazon VPC“ lässt sich auf der Netzwerkebene zwar eine eigene Infrastruktur mit der Amazon Public Cloud verbinden. Auf Applikations- und Managementebene mangelt es jedoch an einer eigenen mächtigen Software für die On-Premise-Seite.

 

Eine Unklarheit entstand insbesondere durch die im März 2012 vielversprechend erscheinende Kooperation mit Eucalyptus. Beide Unternehmen hatten sich darauf verständigt, eng zusammenzuarbeiten, um Lösungen zu entwickeln, die Unternehmenskunden dabei helfen sollten, Daten zwischen bestehenden Rechenzentren und der AWS-Cloud zu migrieren. Noch bedeutender war jedoch, dass die Kunden in der Lage sein sollten, dieselben Management-Tools und die eigenen Kenntnisse für beide Plattformen zu nutzen.

 

Dieser Fall darf nun zu den Akten gelegt werden. Nicht nur, dass AWS seinen ehemaligen Partner scheinbar am ausgestreckten Arm verhungern ließ, anstatt eine echte Hybrid-Cloud-Story zu schreiben, vielmehr darf sich HP nun über seinen Neuzugang erfreuen.

 

In Deutschland sind Crisp Research bis heute keine Anwendungsfälle bekannt, bei denen Eucalyptus als Basis für eine Private-Cloud-Infrastruktur zum Aufbau einer Hybrid Cloud mit Amazon dient. Gleichzeitig wettert AWS immer wieder öffentlich gegen den Einsatz einer Private Cloud, was dem ehemals vermeintlichen Partner Eucalyptus zudem geschadet hat.

 

Mit dem Vcenter-Plug-in „AWS Management Portal for Vcenter“, mit dem sich virtuelle Maschinen in die Amazon-Cloud übertragen lassen, geht AWS mittlerweile außerdem einen eigenen Weg. Um die Verbreitung bei den Unternehmenskunden zu erhöhen, ist dies definitiv die richtige Strategie. Schließlich ist VMware weiterhin in vielen IT-Infrastrukturen verbreitet und bietet AWS hier Potential anzugreifen.

 

Allerdings handelt es sich bei dem Tool derzeit noch um eine rudimentäre Lösung, mit der sich virtuelle Maschinen lediglich in die Amazon-Cloud importieren lassen. Die Verwaltung und der automatisierte Transfer von Workloads ist damit nicht möglich. Dies zeigt, das Amazon im Bereich Hybrid Cloud weiterhin in den Kinderschuhen steckt. Um Unternehmenskunden einen Migrationspfad in die Public Cloud zu ermöglichen und CIOs unterschiedliche Deployment-Varianten zu bieten, ist eine mächtige Hybrid-Unterstützung notwendig.

 

Mit der Akquisition von Eucalyptus und der Ernennung von Marten Mickos zum Chef der Cloud-Sparte bringt sich HP in eine gute Position und legt den Grundstein für eine vielversprechende Zukunft. Auch wenn Mickos erst noch zeigen muss, dass er den Preis der Übernahme wert ist, sollten IBM, Microsoft und Co. vor HPs Schachzug besser nicht die Augen verschließen.

HP verstärkt sein Cloud-Team per Akquisition von Eucalyptus um deren CEO Marten Mickos. Bild: Eucalyptus