Auf der „The Next Now“ – Dells IT-Leiter-Konferenz, die am 10. April in München stattfand – warnte der Philosoph und Publizist Richard David Precht davor, technische mit gesellschaftlicher Innovation gleichzusetzen. Echter Fortschritt erfordere gesellschaftliche Akzeptanz sowie ein kreativitätsförderlicheres Bildungssystem. Firmengründer Michael Dell stellte als Überraschungsgast seine Sicht der aktuellen Situation vor.

Zur Eröffnung der Veranstaltung diskutierte Michael Dell im lockeren Zwiegespräch mit Moderator Thomas Ramge, IT-Korrespondent der Wirtschaftszeitschrift Brand Eins, die Lage von Dell und die Herausforderungen der IT-Industrie. „Wir hatten eine sehr erfolgreiche Integration“, so der Firmenchef im Rückblick auf den Merger von Dell und EMC zu Dell Technologies im Jahr 2016.

„Alles dreht sich um die Daten und darum, wie man sie aktiviert“, so Dell-Technologies-Chef Michael Dell. Bild: Dr. Wilhelm Greiner

„Alles dreht sich um die Daten und darum, wie man sie aktiviert“, so Dell-Technologies-Chef Michael Dell. Bild: Dr. Wilhelm Greiner

Die Hauptherausforderung der Digitalisierung liege im Umgang mit den enormen Datenmengen. Daten sind laut Michael Dell nun auf einer Ebene mit Wirtschaftsfaktoren wie Arbeitskraft und Kapital. Zudem gelte: „Daten sind wichtiger als Applikationen.“ Eben darum gebe es agile Softwareentwicklung, CI/CD (Continuous Integration/Continuous Delivery) und neuronale Netze: „Alles dreht sich um die Daten und darum, wie man sie aktiviert“, so der IT-Veteran. „Es gibt keine Branche, die davon nicht berührt wird.“ Er verglich dies mit der Verbreitung des Internets in den 1990er-Jahren: Damals habe es „Vice Presidents of Internet Strategy“ gegeben – heute hingegen sei das Internet alltäglicher Business-Bestandteil.

Dem deutschen Mittelstand bescheinigte er mit Blick auf das Publikum, für diesen Wandel gut gerüstet zu sein: Qualität sei die Voraussetzung für Erfolg, darauf könne die Digitalisierung hierzulande aufbauen. Neu sei: „Jetzt geben uns die Produkte Antworten“, und dies eröffne zahlreiche Möglichkeiten.

Ein wesentliches Hindernis ist laut dem Konzernlenker der Mangel an Fachpersonal, insbesondere in Bereichen wie Data Science: Da der Markt für Berufe wie Data Scientists praktisch leergefegt sei, müsse das künftige Personal eben aus den Schulen kommen. Allerdings lehre keine Schule der Welt, so Dell, was in einem modernen Großunternehmen gefordert ist. Sie könne höchstens „gutes Rohmaterial“ liefern, das bereit ist, sich kontinuierlich fortzubilden. Gefordert seien zudem Tugenden wie Kommunikations- und Teamfähigkeit.

Die kulturellen Veränderungen und das Change-Management sind dabei laut Michael Dell oft größere Herausforderungen als der technische Wandel. Deshalb gelte: „Man sollte nie eine gute Krise verschwenden!“ So lerne man, sich anzupassen, denn heute gelte schließlich: „It’s change or die“ – wer sich nicht wandeln kann, geht unter. Dieses Motto habe früher nur für schnell veränderliche Industrien gegolten, heute gelte es für alle Branchen.

Welthistorisches Experiment
Richard David Precht berichtete, er spreche oft auf Veranstaltungen, bei denen er zirka drei Viertel der Teilnehmer eher als Innovationsskeptiker einschätze, selbst wenn es sich um Technik- oder Industriekonferenzen handle. Das Problem: Fortschritt erfolge in Wellenbewegungen, ohne gesellschaftliche Akzeptanz aber sei er eine prekäre Angelegenheit.

Die Digitalisierung ist laut Precht ein „welthistorisches Experiment“. Er spekulierte, sie könne eine neue Gesellschaft entstehen lassen, wie einst die Aufklärung den Adel durch das Bürgertum ersetzte. Auch die Aufklärung habe sich nur aufgrund geänderter technischer Rahmenbedingungen durchsetzen können. Von der kommenden Gesellschaft sei aber noch nicht entschieden, wie sie aussehen wird.

„Die Suggestivkraft der Utopien wird kannibalisiert durch gesellschaftliche Bedenken“, so Philosoph Richard David Precht. Bild: Dr. Wilhelm Greiner

„Die Suggestivkraft der Utopien wird kannibalisiert durch gesellschaftliche Bedenken“, so Philosoph Richard David Precht. Bild: Dr. Wilhelm Greiner

Um die Innovationsfreude aber ist es laut dem Philosophen schlecht bestellt: Skepsis herrsche, im Fokus stehe vorrangig, was man zu verlieren hat. Unsere Ära bezeichnete er deshalb als „Zeitalter der Retropien“: Die SPD sehne sich nach der guten alten Zeit von Willy Brandt, die AfD wolle nochmal zwanzig (und in Teilen dreißig) Jahre weiter zurück, und in der CDU finde man statt Innovationskonzepten eine Kanzlerin, deren Wahlkampfmotto „Sie kennen mich“ lautete. „Die Suggestivkraft der Utopien wird kannibalisiert durch gesellschaftliche Bedenken“, resümierte Precht, Innovation sei in der Politik ein „verminter Begriff“.

Innovation: nicht nur technischer Fortschritt
Der Philosoph warnte davor, Innovation – wie dies in der IT-Branche weit verbreitet ist – auf den technisch-ökonomischen Fortschritt zu reduzieren. Vielmehr habe Innovation auch immer Auswirkungen auf die Gesellschaft und das Bildungswesen, hier aber herrsche „Angststillstand“. Er wiederholte seine bekannte Kritik am Schulsystem: Dieses bilde Nachwuchs für eine längst vergangene Angestelltengesellschaft mit lebenslangen Beschäftigungsverhältnissen aus, nicht für den Arbeitsmarkt der Zukunft. So betreibe man „millionenfache Fehlkonditionierung“.

„Unser Schulsystem bereitet auf einen späteren Job als Sekretärin vor“, so Precht. In der Schule von heute lerne kaum jemand gerne, es gehe immer nur um „Dienst nach Vorschrift“ – ein Punkt, an dem viele Lehrer heftig widersprechen. Ein Leben lang Dienst nach Vorschrift zu machen, werde jedenfalls in Zukunft nicht mehr funktionieren.

Der Innovationsmangel im Bildungssystem ist laut dem Autor des Bildungssystem-kritischen Buchs „Anna, die Schule und der liebe Gott“ in der Kultusbürokratie begründet: Innovation sei für Beamte „negativ gefärbt“, innovative Menschen wiederum würden sich nicht für die Arbeit im Bürokratieapparat entscheiden. Die Kernfrage laute: „Wie macht man ein nicht-kreatives System kreativ?“

Die „Problemlösungsschematisierung der Technik“ dürfe man dabei nicht auf alle Bereiche der Gesellschaft anwenden: Die großen Innovationen der Gesellschaft seien nicht nach technischem Schema lösbar. Dennoch sei die Geschichte voll von technischen Lösungen für komplexe gesellschaftliche Konflikte.

Die Lösung sei deshalb eben nicht „Programmieren lernen schon im Kindergarten“, da niemand wisse, wieviele Informatiker wir angesichts der Entwicklung in der künstlichen Intelligenz in zehn oder zwanzig Jahren noch brauchen. Man dürfe die Digitalisierung nicht auf den aktuellen Ausbildungsbedarf einengen, so Precht in „Ergänzung“ zu Dells vorigen Bemerkungen im Interview. Er wiederholte seine bekannte Forderung: Man brauche nicht mehr Ausbildung, sondern mehr Bildung. Nur so könne man die Voraussetzungen für echte Kreativität schaffen.

Abschließend widmete er sich dem Gegenteil der Innovation, der Exnovation (Abschaffung von Altem): Es gelte, die Ergebnisse der Innovation – letztlich Elektroschrott – so zu entsorgen, „dass wir nicht den Planeten ruinieren“. Wichtig, mahnte Precht, sei es zudem, den Energiekonsum der IT zu senken, verbraucht diese doch enorm viel fossile Energie. Die wichtigste Aufgabe künftiger Smart Cities sei deshalb das Energiesparen. Bei der Innovation müsse man die Exnovation immer mit einrechnen, nur so sei sie „nicht nur zukunftsfähig, sondern auch enkeltauglich“.

Sucht Mitarbeiter, die „cool im Kern“ sind: Miriam Wohlfarth, Gründerin und Geschäftsführerin des Berliner Finanz-Startups RatePAY. Bild: Dr. Wilhelm Greiner

Sucht Mitarbeiter, die „cool im Kern“ sind: Miriam Wohlfarth, Gründerin und Geschäftsführerin des Berliner Finanz-Startups RatePAY. Bild: Dr. Wilhelm Greiner

Der anschließende Roundtable zum Thema „New Work – die Zukunft der Arbeit und der Arbeitsplatz der Zukunft“ brachte wenig Neues: Claudia Wentsch, Personalleiterin bei Microsoft Deutschland, ihr Pendant für Deutschland und Österreich bei Intel Bernd Holthaus, sowie Ulrike Rüger, Chefin der Abteilung Client Solutions von Dell Deutschland und als einzige Vertreterin der Anwenderseite Miriam Wohlfarth, Gründerin und Geschäftsführerin des Berliner Finanz-Startups RatePAY, diskutierten weitgehend Bekanntes wie Fragen von Home Office, Mobility, E-Mail als Kommunikationsmedium, Teamfähigkeit und den Anspruch an Führungskräfte, mit Kritik umgehen zu können. Ein Highlight setzte hier lediglich RatePAY-Chefin Wohlfarth mit ihrem Hinweis, bei Bewerbungsgesprächen in ihrem Hause laute ein Einstellungskriterium „cool im Kern“ – gemeint war die Frage, ob der Bewerber zum Startup-Unternehmen passt.

Will Endanwender fit machen für das Data-Analytics-Zeitalter: Dr. Arne Beckhaus, Head of Big Data bei Continental. Bild: Dr. Wilhelm Greiner

Will Endanwender fit machen für das Data-Analytics-Zeitalter: Dr. Arne Beckhaus, Head of Big Data bei Continental. Bild: Dr. Wilhelm Greiner

Datenanalyse per Selbstbedienung

Ein interessantes Beispiel für gelungene Datennutzung lieferte Dr. Arne Beckhaus, Head of Big Data bei Continental. Er legte dar, dass die Digitalisierung in seinem Bereich nicht darauf abzielt, Daten in einem „Data Science Competence Center“ zu bündeln; vielmehr bemühe man sich darum, die Fachbereichs-Anwender in ihren jeweiligen Arbeitswelten fit zu machen für das Data-Analytics-Zeitalter. Continental nutzt hier das Tool Knime (Konstanz Information Miner, eine freie Software für interaktive Datenanalyse). Damit, so Beckhaus, könne der Anwender nach einem Training zu Self-Service Analytics ohne Programmierung gelangen. Rund 300 Kollegen habe man bereits geschult, das Feedback sei sehr positiv, die Hälfte nutze diese Möglichkeiten aktiv, darunter viele „begeisterte Anwender“.

Als Anschauungsfall zeigte er ein Excel Sheet für die Konsistenzanalyse der Lieferkette: Abweichungen vom Sollzustand waren hier als Heat Map dargestellt und somit sofort erkenntlich, inklusive Drill-down zu den jeweiligen Daten – ein gelungenes Beispiel dafür, dass die Digitalisierung trotz Personalmangels und aller Kritik am Bildungssystem auch in deutschen Unternehmen möglich ist.

Dr. Wilhelm Greiner ist freier Mitarbeiter der LANline.