Aus Sicht der meisten Netzwerker ist die anwendungsneutrale und strukturierte Verkabelung, wie sie in den einschlägigen Normen beschrieben ist, eine absolut sinnvolle Errungenschaft. Neuere Tendenzen bei der RZ-Vernetzung laufen allerdings in eine andere Richtung: Top-of-the-Rack-Ansatz oder Datacenter out of the Box versprechen vor allem einen reduzierten Aufwand bei der Installation.

Seit geraumer Zeit versuchen die Big Player unter den Anbietern von aktiver Rechenzentrumsinfrastruktur mit einem Konzept zu punkten, das sich – zugegeben recht oberflächlich – unter dem Begriff „Datacenter out of the Box“ zusammenfassen lässt: Server, Storage, Stromversorgung und Kühlung, aber auch das Netzwerk kommen aus einer Hand. Zumindest in der Werbung liest sich der Ansatz auch sehr vielversprechend: Viel komplexes Wissen über Vernetzung oder gar über Verkabelung ist nicht mehr erforderlich. Die Installation gelingt fast so, als seien nur Bausteine zusammenzustecken. Logik und physische Verbindung liefert der Box-Hersteller gleich mit.

Hintergrund ist natürlich, dass eine langwierige Verkabelung ein nicht zu vernachlässigender Zeit- und damit auch Kostenfaktor bei der Neuerrichtung eines RZs ist. Setzt man nun das Bild voraus, dass defekte Geräte ohnehin nicht mehr zu reparieren, sondern stets als ganzes Modul zu tauschen sind, und dass das gesamte Equipment ohnehin nach höchstens zwei Jahren komplett der Nachfolgegeneration weichen muss, gewinnt das Szenario vor allem bei größeren Rechenzentren, die viele standardisierte Server und aktive Netzwerkinfrastruktur beherbergen, durchaus große Attraktivität. In gewisser Weise ist es die konsequente Fortführung dessen, was mit der Top-of-the-Rack-Verkabelung im RZ begonnen hat.

Dass es sich mitnichten nur um spleenige Ideen handelt, die in der Praxis ohnehin keine Chance haben, machen bereits die Namen der Verfechter deutlich. Big Player ist zum Beispiel IBM mit dem bekannten Komplettangebot an Servern, Storage und nach Zukäufen nun auch mit Netzwerkgerätschaften – von der Netzwerkseite kommend will Cisco mit einem ähnlichen Ansatz dagegenhalten. Und auch der Zielmarkt dürfte recht weit gefasst sein: Im Gespräch mit der LANline betonte beispielsweise Charles Ferland, IBM Vice President für das System Networking in EMEA, dass die benötigten Netzwerkkenntnisse eher niedrig anzusetzen sind.

Sehen RZ-Netze also künftig völlig anders als heute aus? Das immer wieder auftauchende Stichwort lautet „Fabric“. Laut Heinz Wollenweber, Produkt-Manager FO Cables and Systems bei Leoni Kerpen, haben die Konzepte selbstverständlich Auswirkungen auf die Verkabelung. Wollenweber: „Die RZ-Verkabelung wird ganz oder teilweise – abhängig von der Ausprägung der „RZ out of the Box“-Lösung – in die Box beziehungsweise in den Container verlagert. Ist der Bereichsverteiler die Schnittstelle nach außen, befindet sich lediglich die Server-to-Switch-Verkabelung im Container, sodass ähnlich wie bei den ToR-Designs der größte Teil der RZ-Verkabelung außerhalb bleibt. Eher ist aber davon auszugehen, dass sich das gesamte RZ im Container befindet und damit der Hauptverteiler die Schnittstelle nach außen, also zum LAN und zum externen Netz bildet. Bei jeder Hardwareänderung wird die Verkabelung gleich mit ausgetauscht.“ Laut dem Leoni-Spezialisten ist damit eine strukturierte und applikationsneutrale Verkabelung, die naturgemäß auf mehrere Hardwaregenerationen ausgelegt ist, nicht mehr notwendig und sinnvoll. Folge ist ein geringerer Verkabelungsaufwand beim Bau des RZs, aber aufgrund der wesentlich geringen Lebensdauer – abhängig von der Hardware – sind häufigere Neuverkabelungen nötig.

Nun rangieren bekanntermaßen nicht alle RZs in der Liga der Googles und Yahoos dieser Welt, was heißt, dass für Mittelständler mit einem ganz gewöhnlichen Rechenzentrum oder großem Server-Raum völlig andere Anforderungen gelten können. Außerdem entstehen wohl die wenigsten RZs „auf der grünen Wiese“. Bestehende Strukturen sind also meist in das RZ-Netz einzubeziehen.

Grundsätzlich gibt es in den meisten RZs zudem Gerätschaften von verschiedenen Herstellern – und dies mit gutem Grund, wenn auch bisweilen dadurch ein erhöhter technischer und organisatorischer Aufwand entsteht. Bei aller Euphorie für die Box-Lösungen sollte man auch nicht vergessen, dass die strukturierte und anwendungsneutrale Verkabelung zumindest dem Sinn nach auch herstellerunabhängig macht – ein Gut, dessen Wert sich oft erst zeigt, wenn es verschwunden ist.

Der Autor auf LANline.de: jschroeper

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