Künstliche Intelligenz zählt derzeit zu den großen Technologietrends mit dem Potenzial, die Digitalisierung voranzutreiben. Kognitive Systeme, die dazulernen und selbstständig Entscheidungen treffen können, haben viele mögliche Einsatz-gebiete. Sie helfen, Daten auszuwerten und Prozesse zu automatisieren. Künstliche Intelligenz hält zunehmend auch in Collaboration-Lösungen Einzug.

Die Unternehmensberater von McKinsey sehen künstliche Intelligenz (KI) als potenziellen Wachstumsmotor für die deutsche Industrie. Laut der aktuellen Analyse „Smartening up with Artificial Intelligence (AI) – What’s in it for Germany and its Industrial Sector?“ könnte das deutsche Bruttoinlandsprodukt bis im Jahr 2030 durch den frühen und konsequenten Einsatz von intelligenten Robotersystemen und selbstlernenden Computern um bis zu vier Prozent oder rund 160 Milliarden Euro höher liegen als ohne KI. Unternehmen gaben im Jahr 2016 weltweit 39 Milliarden Dollar für KI-basierte Lösungen aus und damit drei Mal so viel wie 2013, stellte McKinsey in der Studie „Artifical Intelligence – The next digital Frontier?“ fest. Der Großteil davon floss in den Bereich Machine Learning. Weitere wichtige Felder waren unter anderem Bild- und Spracherkennung. Bei der Umsetzung von KI-bezogenen Projekten stecken Unternehmen jedoch noch in den Kinderschuhen. Nur neun Prozent der befragten Firmen setzen maschinelles Lernen schon in großem Umfang ein, und nur zwölf Prozent sehen sich beim Thema künstliche Intelligenz schon über ein Experimentierstadium hinausgekommen.

Aufwertung von Enterprise-Lösungen

In der Fertigung lassen sich durch die Nutzung von künstlicher Intelligenz Wartungsarbeiten vorausschauend durchführen oder Fehler in der Produkten automatisiert frühzeitig erkennen. Roboter können auf diese Weise selbstständig Arbeitsschritte übernehmen und miteinander kommunizieren. Im Kunden-Service setzen viele Unternehmen bereits Chatbots ein, die auf künstlicher Intelligenz basieren. Sie sind in der Lage, auf wiederkehrende Kundenfragen zu antworten und einfache Gespräche zu führen. Im Security-Bereich hilft KI, Sicherheitsvorfälle frühzeitig zu identifizieren. Automobilhersteller liefern sich derzeit einen Wettlauf im Bereich autonomes Fahren, einem der prominentesten Anwendungsgebiete für künstliche Intelligenz.

Mit künstlicher Intelligenz lässt sich bei IBM Connections die Inbox automatisiert nach Relevanz und bestimmten Stichworten sortieren. Bild: Axians

Auch in Collaboration-Tools kommt KI-Technologie immer häufiger als nützliche Ergänzung zum Einsatz. Es zeichnet sich ein klarer Trend ab: Viele große Hersteller von Enterprise-Software werten ihre Produkte derzeit durch KI-Funktionalität auf. So kooperiert Cisco zum Beispiel mit IBM, um kognitive Watson-Fähigkeiten in Spark und WebEx zu integrieren. Salesforce hat vor kurzem Einstein gelauncht, eine KI-Lösung, die aus den gesammelten Daten in Salesforce Prognosen und Empfehlungen abgibt, die auf den speziellen Geschäftsprozessen im Unternehmen basieren. Microsoft integriert zunehmend KI-Features in Office 365.

Kommunikation mit dem Collaboration-Tool

Das Marktforschungs- und Beratungsunternehmen IDC prognostiziert, dass kognitive Collaboration-Tools in fünf Jahren allgegenwärtig sind. Sie haben das Potenzial, den Arbeitsplatz massiv umzugestalten und ihn agiler zu machen. Zudem erleichtern sie es in allen Geschäftsbereichen, datengetriebene und somit fundierte Entscheidungen zu treffen.

Im Idealfall kann der Anwender genauso einfach und in natürlicher Sprache mit einem Collaboration-Tool kommunizieren wie mit einem menschlichen Kollegen. Mit dem Supercomputer Watson übernimmt IBM eine Vorreiterrolle im Bereich der künstlichen Intelligenz. Kognitive Funktionen von Watson werden auch in IBMs Collaboration-Lösungen angewendet: Watson Workspace ist eine Collaboration-Plattform, die Zusammenarbeit als Konversation organisiert. Sie bündelt die Kommunikation aus verschiedenen Quellen unter einer Oberfläche. Nachrichten aus E-Mail-Programmen, Instant-Messaging-Services oder Social-Media-Anwendungen laufen in einem zentralen Strom zusammen. Dank offener Schnittstellen lassen sich auch Applikationen anderer Hersteller einbinden, zum Beispiel Slack, Salesforce, DocuSign, Sapho oder Redbooth. Per Drag and Drop können Nutzer Elemente in die Oberfläche hinzufügen, etwa Office-Dokumente, die sie in einer Gruppe bearbeiten möchten oder Fotos, die sie gerade mit ihrem Smartphone aufgenommen haben.

Watson Workspace lässt sich sowohl Browser-basiert als auch per iOS- oder Android-App nutzen. Derzeit befindet sich die Plattform jedoch noch in einer Preview-Phase. Die Watson-Services stehen auch externen Entwicklern zur Verfügung. Über APIs können sie kognitive Watson-Funktionalität in ihre Anwendungen einbinden.

Solche virtuellen Assistenten – oder Bots – sind in der Lage, wiederkehrende Fragen zu beantworten, Informationen für den Anwender herauszusuchen oder einfache Aktionen für ihn durchzuführen – zum Beispiel, um den Anwender bei der Terminplanung zu unterstützen.

Hilfe bei der täglichen Flut von E-Mails

Auch bei der E-Mail-Flut kann KI den Arbeitsalltag vereinfachen: Ohne KI läuft die automatische Sortierung lediglich über die Aktualität, und neue Meldungen stehen oben. Mit künstlicher Intelligenz kann die Inbox automatisiert nach Relevanz sortieren. Bei IBM Connections klickt man dafür zum Beispiel auf den Button „Orient Me“. Das System filtert anhand von Erfahrungswerten, welche Meldungen für den Anwender relevant sind, und sortiert die wichtigsten oben in der Inbox ein. Für seine Entscheidungen bezieht es verschiedene Informationen ein, zum Beispiel den Absender, Inhalt oder das bisherige Nutzerverhalten.

KI kann zudem die einzelnen Nachrichten analysieren und anhand von Schlagworten und Semantik herausfinden, welche Passagen die wichtigsten sind. Das intelligente System markiert diese Textstellen dann als Aktion oder Frage. Der Anwender erkennt damit direkt die Quintessenz der E-Mail und sieht auf den ersten Blick, dass er zum Beispiel auf eine Frage antworten oder eine Aktion ausführen muss. Dagegen muss der Empfänger ohne diese technische Unterstützung umfangreiche E-Mails durchforsten, um die Quintessenz „Meeting planen“ selbst herauszufiltern.

Watson Workspace ist eine Collaboration-Plattform, die Zusammenarbeit als Konversation organisiert. Bild: Axians

Zusätzlich kann ein „Tone Analyzer“ die transportierten Emotionen in einer E-Mail analysieren und dem Empfänger mitteilen. Außerdem kann ein Mitarbeiter eine verfasste E-Mail prüfen lassen, bevor er sie versendet. Ist sie vielleicht zu hart formuliert, sodass der Empfänger die Nachricht als unfreundlich empfindet? Ist dies der Fall, zeigt das System die Passagen an, die er noch einmal überarbeiten sollte. Eine besonders große Hilfe kann der Tone Analyzer bei E-Mails in einer Fremdsprache sein, denn schon feine Nuancen können einen großen Unterschied machen und zu Missverständnissen führen.

KI hebt Zusammenarbeit auf eine neue Stufe

Digitale Zusammenarbeit ist heute ein Muss. Dafür brauchen Unternehmen Collaboration-Lösungen. Der Trend geht hin zu konversationsorientierten und kognitiv unterstützten Systemen. Die Global Player in diesem Sektor reagieren darauf, indem sie ihre Collaboration-Tools weiterentwickeln und immer detailliertere Funktionen einbinden.

Künstliche Intelligenz in Collaboration-Tools ist aus Entwickler-Sicht heute noch lange nicht ausgereift. Aber das Potenzial ist groß und in den nächsten Jahren wird es laut Prognosen von Experten der Branche einige große Entwicklungsschritte geben. Unternehmen sollten bereits jetzt testen, was derzeit möglich ist. Auch sollten sie schon heute handeln und sich über die verschiedenen Möglichkeiten der Collaboration-Tools und Einsatzfelder von KI informieren, um auf lange Sicht im internationalen Wettbewerb bestehen zu können.

Thomas Rickert ist Executive Collaboration Architect bei Axians IT Solutions, www.axians.de.