Im LANline-Gespräch erklärt Dieter Stehle, Executive Director und General Manager DACH der Data Center Group von Lenovo, die Position seines Unternehmens im Rechenzentrumsmarkt. Neben der Hardware nehmen in diesem Konzept verschiedene Dienstleistungen und softwaredefinierte Lösungen wichtige Rollen ein.

LANline: Herr Stehle, warum hat Lenovo gerade jetzt den Fokus auch auf das Thema RZ gerichtet?

Stehle: Der Eindruck trügt. Schon vor einigen Jahren hat man bei Lenovo erkannt, dass die fortschreitende Digitalisierung massiven Einfluss auf Unternehmen und die Art, wie Menschen IT nutzen, haben wird. Auf die dadurch ausgelöste Transformation der IT in Unternehmen und Organisationen haben wir frühzeitig reagiert, indem wir unter anderem das Engagement im Bereich der Rechenzentren konsequent ausgeweitet haben. Spätestens mit der Übernahme der x86-Server-Sparte von IBM vor rund zweieinhalb Jahren ist dieses Engagement auch in der Öffentlichkeit sichtbar geworden.

LANline: Wie beeinflusst das Ihre Produktpalette?

Stehle: Die Bereitstellung von IT ändert sich derzeit von Grund auf. Lenovo ist gemeinsam mit seinen Technologiepartnern optimal positioniert, um seinen Kunden auch weiterhin innovative und maßgeschneiderte Lösungen bieten zu können. So erweitern wir derzeit die Produktpalette. Neben die Bereitstellung von Hardware für Server-, Netzwerk- und Speicher-Infrastruktur tritt nun verstärkt das Thema Software-Defined Lösungen.

Dieter Stehle, Executive Director und General Manager DACH der Data Center Group von Lenovo: „Mittelfristig streben wir als Ziel an, die Nummer 2 im weltweiten Markt für Rechen-zentren zu werden.“

LANline: Mit welchen Produkten und Dienstleistungen gehen Sie diesen Markt konkret an?

Stehle: Grundsätzlich gliedert sich unser Angebot in drei Bereiche: ThinkSystem, ThinkAgile und damit verbundene Services. Unter dem Markennamen ThinkSystem bieten wir unseren Kunden ein umfassendes Portfolio an äußerst performanter und zuverlässiger Server-, Storage- und Netzwerk-Hardware an. Das Server-Portfolio reicht vom kleinen Ein-Prozessor-System für Arbeitsgruppen bis hin zu massiv parallelen Supercomputern mit Tausenden von CPUs, großen Datenbank-Servern mit vielen TByte Arbeitsspeicher und maßgeschneiderten Systemen für den Hyperscale-Bereich, also für große Cloud Service Provider. Dabei decken wir alle erdenklichen Formfaktoren ab, zum Beispiel Tower-, Rack-optimierte Server, Blade-Systeme, Systeme mit einer besonders hohen CPU-Dichte und viele mehr. Unser Storage-Portfolio adressiert den Entry- und Midrange-Bereich bei klassischen Arrays. Gemeinsam mit unseren Technologiepartnern bieten wir außerdem hochskalierbare Lösungenfür Block- und File-Storage sowie eine zu 100 Prozent S3-kompatible Lösung für Object Storage.

LANline: Was geschieht im Netzwerk-umfeld?

Stehle: Beim Thema Netzwerk konzentriert sich Lenovo mit den eigenen Produkten auf die Top-of-Rack-Technologie. Hier setzen wir beispielsweise durch die Integration in Nutanix Akzente bei der End-to-End-Automatisierung und der damit verbundenen Entlastung von IT-Administratoren.

Durch Partnerschaften mit Mellanox, Brocade und Juniper können wir daneben Lösungen auf Basis von Infiniband liefern und auch komplette Rechenzentren bis hin zu den Direktoren mit modernster Netzwerkhardware ausstatten. Dies gilt übrigens sowohl für klassische Server- als auch für Storage-Netzwerke.

LANline: Sie erwähnten die Software-definierten Lösungen. Was geschieht in diesem Bereich?

Stehle: Mit der Marke ThinkAgile adressiert Lenovo den Markt für Software-Defined Lösungen. Diese liefern wir unseren Kunden schlüsselfertig. Das ThinkAgile-Portfolio umfasst aktuell unsere Storage Appliances auf Basis von Datacore-, Nexenta- und Cloudian-Software, Nutanix Appliances sowie Converged-Lösungen für Microsoft Azure Stack, Nutanix und VMware.

LANline: Welche Rolle spielen die Dienstleistungen dazu?

Stehle: Neben den genannten Produkten bietet Lenovo verschiedene Services entlang des gesamten Produktlebenszyklus an. Ergänzend möchte ich hier die Lenovo Engineered Solutions nennen. Dabei handelt es sich um Lösungen, die von Lenovo zusammengestellt und empfohlen werden, jedoch nicht in Form eines fixen Angebots, sondern in Form einer Art Rezept für bestimmte Szenarien. Lenovo bietet Engineered Solutions unter anderem für die Themen Big Data und Analytics sowie Datenbanklösungen.

LANline: Wer sind die größten Konkurrenten?

Stehle: Beim Blick auf die Marktanteile sind HPE und Dell unsere größten Marktbegleiter. Wir konzentrieren uns nach der Vorstellung des neuen ThinkSystem- und ThinkAgile-Portfolios in erster Linie auf unsere eigenen Stärken. In wie weit sich dies in Marktanteilen niederschlägt, werden wir in Zukunft sehen.

LANline: Welche Rolle spielt bei diesem Engagement der deutsche Markt?

Stehle: Der deutsche Markt ist für Lenovo der mit Abstand größte in Europa und spielt damit eine besonders wichtige Rolle. Gerade für deutsche Kunden hat Lenovo in den vergangenen Jahren mehrfach Produkte und Lösungen entwickelt, die anschließend ihren Weg in das Portfolio gefunden haben. Zum Beispiel wurde die Funktionalität unserer Systems-Management-Lösung aufgrund von Anforderungen deutscher Kunden erweitert.

„Lenovo muss im Gegensatz zu anderen Herstellern kein Geschäft mit Lösungen aufrechterhalten, die aus der Vergangenheit stammen,“ so Dieter Stehle.

LANline: Bringt der RZ-Markt Besonderheiten mit sich?

Stehle: Die Art und Weise, wie IT für das Rechenzentrum heute, morgen und übermorgen bereitgestellt wird, verändert sich immer häufiger und schneller. Diese Dynamik erfordert von uns den Mut und die Bereitschaft, Risiken einzugehen. Denn auf der einen Seite muss Lenovo hervorragende Hardware zu einem attraktiven Preis entwickeln, herstellen und liefern. Auf der anderen Seite müssen wir aber auch kontinuierlich unsere Zusammenarbeit mit Technologiepartnern pflegen und ausbauen, damit wir auch in Zukunft unseren Kunden frühzeitig die passenden Software-Defined Lösungen anbieten und diese Service-seitig begleiten können.

LANline: Gibt es dabei besondere Hürden oder besondere Erfolgsaussichten?

Stehle: Wir sind überzeugt, dass wir der ideale Partner im Rechenzentrum sind. Zum einen aufgrund der Breite unseres Lösungsportfolios, zum anderen aufgrund unserer Unabhängigkeit von Legacy-Produkten. Dadurch können wir den Fokus uneingeschränkt auf ein Portfolio richten, das die aktuellen und künftigen Anforderungen an Rechenzentren bestmöglich unterstützt. Lenovo muss im Gegensatz zu anderen Herstellern kein Geschäft mit Lösungen aufrechterhalten, die aus der Vergangenheit stammen.

Diesen Ballast schleppen wir nicht mit uns herum. Daher sind wir in der Lage, unsere Kunden unvoreingenommen zu beraten und individuell die am besten passende Lösung anzubieten, zu implementieren und zu warten. Dies ist ein riesiger Vorteil gegenüber anderen Anbietern. Lenovo bringt noch einen zweiten, großen Vorteil mit, denn traditionell sind wir offen für Partnerschaften, sowohl auf Produkt- als auch auf Strategieebene. Wir arbeiten schon lange mit Unternehmen wie Nutanix, Microsoft, Intel und VMware zusammen.

LANline: Was halten Sie abseits der Technik der Geräte dabei für besonders wichtig?

Stehle: Neben der Technik spielen Dienstleistungen und Services eine wichtige Rolle. Lenovo bietet neben individuell gestalteten Service-Verträgen ein breites Angebot von paketierten Dienstleistungen, die einfach mittels einer Part-Nummer den jeweiligen Hardwarekonfigurationen hinzugefügt werden können. Dieses Angebot bauen wir kontinuierlich weiter aus. Außerdem unterstützen wir unsere Kunden und Partner mit Professional-Services bei der Implementierung von komplexen Hardware-Konfigurationen und Software-definierten Lösungen.

Dienstleitung immer mehr gefragt

LANline: Hat dieses Vorgehen Auswirkungen auf Ihre internen Prozesse?

Stehle: Die größte nach außen hin sichtbare Transformation hat Lenovo mit Gründung der Data Center Group vollzogen, die unter dem Namen Lenovo Global Technology firmiert. Diese bildet eine eigene, dedizierte Business Unit innerhalb von Lenovo. Dadurch hat Lenovo noch einmal die wachsende Bedeutung des Themas für seine Zukunft unterstrichen. Ein weiteres starkes Signal haben wir mit der Vorstellung des neuen Partnerprogramms Lenovo Partner Engage ausgesendet. Erstmals unterscheidet das Programm zwischen Partnern aus dem Bereich PCs und Partnern aus dem Bereich Rechenzentren. Intern hat Lenovo bereits Mitte 2016 verschiedene Prozesse, die zum Beispiel die Lieferkette betreffen, konzernweit vereinheitlicht. Dadurch sind wir heute in der Lage, innerhalb von nur sieben Tagen nach Bestelleingang zu liefern. Vor der Systemumstellung wäre das undenkbar gewesen.

LANline: Wenn Technik immer mehr zur Commodity wird, wie kann sich ein Hersteller oder Anbieter differenzieren?

Stehle: Qualität und Benutzerfreundlichkeit werden sich auch in Zukunft durchsetzen. Davon sind wir absolut überzeugt. Schon heute heben sich unsere Produkte durch außergewöhnliche Zuverlässigkeit, höchste Performance und eine besonders hohe Kundenzufriedenheit vom Wettbewerb ab. Das sagen übrigens nicht wir über uns, sondern unabhängige Studien und Kundenumfragen. Daneben unterscheiden wir uns deutlich vom Wettbewerb durch unser umfangreiches Angebot an Services und Dienstleistungen, unser einfaches und benutzerfreundliches System-Management sowie unsere Offenheit für Partnerschaften, nicht nur bei Software-Defined Lösungen. Last, but not least, unterscheiden wir uns durch die Art der Kooperationen mit unseren Business-Partnern. Wir sind stets bestrebt langfristige Partnerschaften einzugehen. Der Kauf von Hardware markiert meist nur den Startpunkt einer langjährigen, auf Zuverlässigkeit und Vertrauen basierenden Zusammenarbeit.

LANline: Welche Rolle spielen Techniken wie Cloud-Angebote als Konkurrenz?

Stehle: Wir begreifen Cloud-Angebote weniger als Konkurrenz, sondern vielmehr als Chance. Wir arbeiten eng mit Cloud Service Providern zusammen. Mit dem Lenovo Service Provider Program bieten wir eine in dieser Form einzigartige Plattform rund um die Themen Marketing, Kundenakquise und individuelle Finanzierungs- und Beschaffungsmodelle an, die speziell auf die Anforderungen von CSPs und deren Geschäftsmodelle zuge-schnitten sind.

LANline: Was ändert sich durch Software-Defined Computing, Storage und Networking?

Stehle: Dank Software-Defined Lösungen wird die IT bekanntlich flexibler und agiler. Gleichzeitig wird das Management einfacher und der Grad der Automatisierung steigt. IT-Abteilungen können so schnell und präzise auf Anforderungen aus den unterschiedlichen Lines of Business reagieren. Das verändert den Stellenwert der IT für ein Unternehmen. Der Beitrag, den IT zum Erfolg eines Unternehmens leisten kann, steigt, nicht zuletzt deshalb, weil der zeitliche Aufwand für die Wartung der IT-Infrastruktur sinkt. IT-Administratoren müssen seltener als Feuerwehrmänner agieren, sondern rücken näher an die einzelnen Geschäftsbereiche heran, um gemeinsam mit ihnen für das Unternehmen wichtige IT Projekte zu entwickeln und erfolgreich umzusetzen.

LANline: Wie sieht die mittelfristige Roadmap bei Ihren Produkten aus?

Stehle: Im Juli hat Lenovo im Bereich Server die umfangreichste Produktpalette der Firmengeschichte angekündigt. Die Modelle sind unter dem Markennamen ThinkSystem zusammengefasst und basieren auf der neuen Intel-Purley-Technologie. Zeitgleich haben wir auch unser Storage-Portfolio erneuert und erweitert. Außerdem haben wir mit den ThinkAgile-CX-Produkten die ersten Converged-Lösungen angekündigt. Auf diesem Weg werden wir voranschreiten und unser Portfolio mit zahlreichen Innovationen weiter ausbauen.

LANline: Spielt die nationale Herkunft eines Herstellers heute eine Rolle?

Stehle: Das müssen Sie wahrscheinlich eher unsere Kunden und Partner fragen. Im Ernst, Lenovo versteht sich selbst als ein globales Unternehmen mit chinesischen Wurzeln, nicht als ein nationales Unternehmen. Das wird auch dadurch deutlich, dass wir zwei Hauptsitze haben, einen in Morrisville, USA, und einen in Bejing, China. Wir vertreiben unsere Produkte rund um den Globus und unsere Mitarbeiter – auch auf Führungsebene – stammen aus aller Herren Ländern von allen fünf Kontinenten.

LANline: Welche Position will Lenovo im Markt mittelfristig erreichen?

Stehle: Lenovo ist kein unbescheidenes Unternehmen. Mittelfristig streben wir als Ziel an, die Nummer 2 im weltweiten Markt für Rechenzentren zu werden.

LANline: Herr Stehle, herzlichen Dank für das Gespräch.