Richard Hartmann ist Projektleiter des RZ-Neubaus von Spacenet in Kirchheim. LANline sprach mit ihm über aktuelle Anforderungen an moderne Rechenzentren und über die Bedeutung der Klassifizierung.

LANline: Herr Hartmann, ist ein RZ-Bau noch mit dem Geschäft von vor zehn Jahren zu vergleichen?

Hartmann: Sicher nicht! Das gesamte RZ-Geschäft hat sich komplett gewandelt. Hauptgesichtspunkte sind heute Energieeffizienz und Redundanzen.

LANline: Was hat sich konkret geändert?

Hartmann: Die Energieeffizienz, gemessen mit dem PUE-Wert, also dem Verhältnis von Nutzstromverbrauch zum Gesamtstromverbrauch inklusive Kühlung, lag früher bei drei bis fünf. Heute ist selbst ein PUE von zwei langfristig nicht wirtschaftlich. Ein PUE um 1,2 ist bei modernen RZ marktüblich. Hintergrund ist einerseits der Klimaschutz, andererseits, dass Deutschland insbesondere bei der Energie ein Höchstpreisland ist. In Finnland zahlen Betreiber pro kW/h ungefähr 0,03 Euro, in Deutschland das Fünffache. Das Teuerste an einem RZ und an dem Betrieb von Servern ist heute der Strom.

LANline: Wie sollten Betreiber darauf reagieren?

Hartmann: Solch niedrige PUE-Werte zu erhalten, ist nur bei entsprechender Skalierung möglich. Selbst große Unternehmen erreichen bessere Kosteneffizienz bei einer Auslagerung. Damit sind wir auch bei einem weiteren Punkt: Auch Verfügbarkeitsklasse 4 ist mit der modernen Kühltechnik nicht mehr wirtschaftlich darstellbar. Viel effizienter – und nach BSI-Grundschutzkatalog auch geboten – ist es, ein zweites RZ in das Betriebskonzept mit einzubinden. Ein RZ nach VK4 ist niedriger eingestuft als zwei RZs nach VK3, die redundant mit Glasfaser verbunden und mindestens fünf Kilometer voneinander entfernt sind. Das sehen alle TÜVs, BSI, Eco sowie das Uptime Institute allesamt übereinstimmend so. Selbst bei Ausfall eines kompletten RZs im Katastrophenfall läuft die gesamte IT reibungslos weiter und dem Kunden entstehen keine teuren Ausfallzeiten. Diesen Abstand können Unternehmen auf dem eigenen Betriebsgelände nicht leisten. Der Schutz der Daten geht bei Spacenet jedoch weiter, als nur vor kurzfristiger Nichtverfügbarkeit oder dem permanenten Verlust vorzubeugen. Mit dem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster vom 22. Juni dieses Jahres ist Spacenet derzeit der einzige Anbieter auf dem deutschen Markt, der nicht ab dem 1. Juli die unserer Ansicht nach gesetzeswidrige Vorratsdatenspeicherung durchführen muss.

LANline: Wie stufen Sie Ihr neues RZ grundsätzlich im Reigen der deutschen Pendants ein?

Hartmann: Wir bauen nach EN 50600, Verfügbarkeitsklasse 3. Damit wird erstmalig Vergleichbarkeit nicht nur in Deutschland, sondern gleich für ganz Europa ermöglicht. Es gibt keinen moderneren Designkatalog. Das sieht man auch daran, dass sich etwa TÜV IT mit dem TSI-Katalog an die EN 50600 anpasst. Da die EN 50600 im Moment auch in ISO 30134 überführt wird, ist die gleiche Entwicklung auch beim Uptime Institute und anderen absehbar. Damit gibt es dann endlich weltweite Vergleichbarkeit.

LANline: Welche Rolle spielt dabei der Standort?

Hartmann: Der Standort ist ein zentrales Designelement. Strom und Datenleitungen sind die Lebensadern eines RZ. Wir sitzen direkt an einem Knotenpunkt mehrerer Leitungen nach München und von Fernleitungen. Auch, dass wir mehr als fünf Kilometer Abstand zu unseren anderen Rechenzentren haben, ist selbstverständlich. Schlussendlich ist auch die Erreichbarkeit mit PKW, LKW und öffentlichen Verkehrsmitteln ein wichtiger Punkt.

LANline: Können Sie die Designelemente präzisieren?

Hartmann: Auch wenn der Begriff vom modularen Datacenter im Moment sehr gern verwendet wird, ist er selten konsequent zu Ende gedacht. Zumindest die Bausubstanz entsteht meist weit vor dem eigentlichen Bedarf. Wir hingegen kapseln unser RZs in einzelne Module, die sich eigenständig produzieren und errichten lassen. Damit sparen wir nicht nur Kosten, sondern stellen auch eine höhere Qualität als beim kompletten Bau vor Ort sicher. Sobald unser erster Abschnitt funktionsfähig ist, können wir weitere Module in rund sechs Monaten vom vorbereiteten Fundament bis zum Abnahmetest bringen. Dass wir dadurch auf einem Grundstück viele voneinander unabhängige Rechenzentren erschaffen, ist ein gewollter Nebeneffekt. Diese können wir sogar als Rechenzentrum-as-a-Service an Einzelkunden vermieten. Das neue Rechenzentrum bindet sich auf diese Weise mehrfach redundant an die anderen Rechenzentren von Spacenet an. Eine weitere Besonderheit ist, dass das neue Rechenzentrum von einer 100-prozentigen Tochter Carrier-neutral betrieben wird. Damit ist sichergestellt, dass auch andere Carrier und Internet-Service-Provider alle relevanten Services in unserem Rechenzentrum anbieten können. Dem dadurch entstehenden – und von uns geförderten – zusätzlichen Wettbewerb sehen wir auf Grund unserer Service-Qualität aber ganz entspannt entgegen.

Richard Hartmann, Projektleiter bei Spacenet: „Das gesamte RZ-Geschäft hat sich komplett gewandelt. Hauptgesichtspunkte sind heute Energieeffizienz und Redundanzen.“

LANline: Welchen Status hat das Projekt derzeit?

Hartmann: Wir sind im Moment in der Realisierungsphase. Zu den wichtigsten Lehren bisher zählt dabei, sich frühestmöglich mit effizienten Kühlkonzepten und der EN 50600 auseinanderzusetzen.

LANline: Welche Erfahrungen können Sie an andere Planer, Erbauer und Betreiber weitergeben?

Hartmann: Die EN50600-2-3 ist im Moment in Überarbeitung und wird in der Versorgung der Kühlmodule die Anforderungen teilweise empfindlich verschärfen. Wer nicht schon in der Bauphase ist, sollte sich sofort mit diesem Thema beschäftigen.

LANline: Und wie geht es weiter?

Hartmann: Der nächste Bau ist noch nicht fix terminiert, aber mit genügend Platz auf dem Grundstück und einer Vorlaufzeit von nur etwa sechs Monaten sind wir nicht auf langfristige Planung angewiesen.

LANline: Herr Hartmann, vielen Dank für das Gespräch.

Dr. Jörg Schröper ist Chefredakteur der LANline.