IT-Leiter müssen zahlreiche Aspekte in Betracht ziehen, wenn sie eine Videokommunikationslösung implementieren, um die Zusammenarbeit zwischen Zentrale und Zweigstellen zu verbessern. Es gilt, Netzengpässe und andere Netwerkprobleme zu lösen und auf Leistungsfähigkeit, Verfügbarkeit und Benutzerfreundlichkeit im Bezug auf Netzwerk und Anwendungen zu achten. Fortschritte in der Videokommunikation erleichtern zum Glück heute den unternehmensweiten und -übergreifenden Einsatz. Doch sowohl bei Technik als auch bei den Konzepten gibt es gravierende Unterschiede.Noch vor Kurzem war „Videokommunikation“ äquivalent zu „Videokonferenz“ und wurde meist nur in speziellen Räumen genutzt. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Welt der Videokommunikation jedoch dramatisch verändert. Videoräume wurden mit fortschrittlicher Audio- und Videotechnik ausgestattet und die Benutzerschnittstelle vereinfacht, um für Nutzer eine Telepresence-Erfahrung (also den Eindruck eines Live-Meetings) zu gewährleisten.

Da die Prozessoren herkömmlicher PCs leistungsfähig genug sind, um höhere Videoqualität zu unterstützen, wurden Videoanwendungen (Soft Clients) entwickelt, die SD- und HD-Video (Standard Definition, High Definition) unterstützen. Die heutige Technik erlaubt es, qualitativ hochwertige Verbindungen zwischen Raumsystemen und Soft-Clients aufzubauen, was zu einer weiten Verbreitung der Videokommunikation in Unternehmen geführt hat. Außerdem hat das so genannte „Desktop Video“ dazu geführt, dass Videoinformation nicht nur über LAN-Kabel, sondern auch über Wireless LAN transportierbar ist.

Die neueste Entwicklung auf diesem Gebiet sind Soft-Clients für mobile Kommunikationsgeräte wie zum Beispiel Tablet-PCs, die via WLAN und/oder 3G/4G-Verbindung vernetzt sind. Während die IEEE802.11n-Standards den Großteil der QoS-Probleme (Quality of Service) im WLAN gelöst haben, kann man leider zur Zeit nicht mit QoS in 3G- und 4G-Netzen rechnen. Mobilfunkanbieter offerieren momentan Dienste wie Video-Streaming und Video-Chat, die auch bei unzureichender QoS funktionieren. Für vollwertige Videokommunikation sind allerdings bestimmte QoS-Regeln notwendig, die die Bandbreite für Video reservieren sowie Verzögerungen und Paketverluste beschränken.

Die erweiterte Definition von Videokommunikation beinhaltet auch hochqualitative Audioanwendungen. HD-Videonutzer erwarten, dass die Audioqualität wesentlich höher ist als am Telefon, und auch Freisprechen muss deutlich besser funktionieren. Die Bewegungen im Raum wollen korrekt übertragen sein, damit der Telepresence-Eindruck erhalten bleibt. „HD Voice“ ist in VoIP-Kreisen ein Begriff und wird auch für Videokommunikation verwendet; allerdings ist „HD Audio“ vielleicht eine bessere Beschreibung dieser Funktionalität. Denn Videokommunikation kommt oft für Multimedia-Präsentationen zum Einsatz und muss deswegen nicht nur Sprache, sondern auch Musik und natürliche Klänge (zum Beispiel Atemgeräusche oder Herzklopfen für medizinische Anwendungen) verlustlos übertragen können.

Video bringt viele Vorteile zur Kommunikation am Arbeitsplatz. Es verdeutlicht den Inhalt von Diskussionen besser und erleichtert die Unterhaltung, was Stress und Ermüdung entgegenwirkt. Mitarbeiter in Unternehmen haben schon zahlreiche Anwendungen geöffnet – niemand will nur für Video eine separate Anwendung. Stattdessen ist die Erwartung, dass Video mit etablierten Workflow-Anwendungen wie E?Mail und Kalender, aber auch mit der Sprachkommunikation lückenlos integriert ist. Für eine echte Produktivitätssteigerung muss Video durch eine einfache Benutzerschnittstelle aktivierbar sein – am besten nur mit einem extra Mausklick im laufenden Program.

Die Integration von Video, Sprache, E?Mail und Kalender wird nur durch den Einsatz von Presence-Systemen und unternehmensweiten Verzeichnissen (Directories) erfolgreich. Video-Presence und videospezifische Informationen im Unternehmensverzeichnis sind deswegen kritisch für jede Videoimplementierung. Als echter UC-Bestandsteil (Unified Communications) ist Video hier nahtlos in Sprachanwendungen (Telefonie) und andere UC-Funktionen wie Video-Presence, E?Mail, Kalender und Unternehmensverzeichnisse (Directories) integriert.

Die grundlegende Frage ist: Wie kann sich das IP-Netzwerk für eine bandbreitenintensive Videoübertragung vorbereiten, wenn es gar nicht weiß, wann und wo eine Übertragung erfolgen wird? Diese Information ist normalerweise im Kommunikations-Server verfügbar und kann entweder direkt vor dem Verbindungsaufbau oder aber Tage zuvor kommuniziert werden. Ein Großteil der Videoverbindungen lässt sich planen, sodass zum Beispiel Telepresence-Räume für die virtuelle Sitzung reserviert sind. Telepresence ist auch die Videoanwendung mit den höchsten Anforderungen an Bandbreite und Qualität. IP-Netze, die durch einen Policy-Management-Server gesteuert werden, können diese Information nutzen, um die Ressourcen in Routern und Switches zu sichern. Es gibt schon erste Anwendungen, die die Information vom Kalender über den Kommunikations-Server an das IP-Netzwerk leiten und damit die Netwerkunterstützung für anspruchsvolle Videokommunikation sichern.

Kann der Netzwerkadministrator ohne Upgrade von Switches und Routern auskommen, wenn immer größere Anteile der Belegschaft über Video kommunizieren? Verbesserte Kompressionstechnik erlaubt es, diese Frage mit „ja“ zu beantworten. Vor 2010 haben Videoanwendungen ausschließlich das H.264 Baseline Profile benutzt, das in dem ITU-T-Standard H.264 beschrieben ist und eine gute Kompressionsqualität liefert. Mit dem H.264 Baseline Profile lässst sich HD-Video über Leitungen mit 1,1 MBit/s übertragen.

Im April 2010 wurden die ersten kommerziellen Implementierungen von H.264 High Profile für Echtzeitanwendungen bekannt gegeben. H.264 High Profile erfordert leistungsfähigere Geräte und reduziert die erforderliche Netzbandbreite für Video drastisch. Mit High Profile lässt sich HD-Video über Leitungen mit nur 512 KBit/s übertragen, die notwendige Bandbreite für Video wurde also halbiert. Bild 2 vergleicht die notwendige Netzwerkbandbreite für Video – komprimiert in Baseline Profile – mit der für die Kompression in High Profile. Die Bandbreite für Sprache ist schon berücksichtigt, nicht aber IP-Overhead.

Videokonferenznetze basieren auf H.323, weil VoIP-Netze SIP oder proprietäre Protokolle benutzen. Die Kommunikation zwischen H.323?, SIP?, und proprietären Segmenten fordert Signalisierungsübersetzer (Signalling Gateways). Unterschiedliche Medienformate erhöhen die Komplexität. Einige Formate sind Standards; die stark zunehmende Videonutzung hat zur Verbreitung weiterer proprietärer Protokolle geführt, zum Beispiel RTV. Die gestiegenen Anforderungen an Übersetzung zwischen Signalisierungs- und Medienformaten haben zum Konzept eines „universellen Übersetzers“ (Universal Bridge) beigetragen.

Fortschritte bei der Audiotechnik

HD Voice findet heute große Verbreitung in der Unternehmenskommunikation. Alle neueren Geräte (Telefone, Soft Clients, Videotelefone und Videosysteme) unterstützen die eine oder andere Form von HD Voice. Einfachere Geräte beschränken sich auf die niedrigsten HD-Voice-Stufe von 7 kHz Audio, leistungsfähigere Geräte beherrschen 14 kHz oder gar 20 bis 22 kHz.

Hochinteressante Entwicklungen sind auch im Telepresence-Bereich zu sehen, wo Stereo- oder mehrere Mono-Audioverbindungen den Sprecher genau identifizieren. Manche Telepresence-Systeme erlauben freie Bewegung im Raum. Solche Bewegungen müssen exakt über Audio nachvollziehbar sein. Genaue Abstimmung zwischen Bild und Klang ist der Eckstein der Telepresence-Erfahrung.

Videokommunikation erfordert eine bestimmte Infrastruktur; diese wird heute meistens im Unternehmensnetz selbst („on Premise“) installiert und von der IT unterstützt. Mit der steigenden UC-Komplexität und durch stagnierende oder schrumpfende IT-Budgets werden Dienste von Internet-Telephony-Service-Providern (ITSPs) populärer, insbesondere für kleinere und mittlere Unternehmen, die über nur wenige IT-Ressourcen verfügen. Die „UC Intelligent Infrastructure“ (dies sind UC-spezifische Server, keine Router oder Switches) befindet sich nicht mehr im Unternehmen selbst, sondern im RZ des Providers. Falls der Dienstleister keine eigene Infrastruktur besitzt, kann er Dienste aus der Cloud nutzen, um zum Beispiel Multi-Punkt-Verbindungen zwischen videofähigen Geräten anbieten zu können.

Checkliste

Diese Kriterien sollte man bei der Auswahl von Videokommunikationslösungen beachten:

Unterstützt die Lösung Industriestandards wie zSIP und H.323? Dies ist wichtig für die Interoperabilität mit Systemen anderer Hersteller sowie anderen Netzwerkgeräten.

Ist die Lösung erweiterbar? Das heißt, lässt sie sich über offene Schnittstellen mit anderen Anwendungen im Netz koppeln, um die Produktivität im Unternehmen zu steigern?

Kann die Lösung (Videosysteme, Telefone, Infrastruktur) das Videosignal effizient komprimieren und so Netzbandbreite sparen?

Ist die Lösung in Presence-Systeme und Verzeichnisse integrierbar?

Hat der Hersteller ein komplettes Portfolio an Geräten, die sowohl mit lokaler Infrastruktur als auch mit Diensten von Service-Providern funktionieren?

Enthält die Roadmap des Herstellers eine Multiprotokoll- und eine QoS-Lösung?

Mittels H.264 High Profile ist deutlich weniger Bandbreite für Video erforderlich. Bild: Polycom

Videodienste spezialisierter Service-Provider bieten eine Alternative zum hausinternen Betrieb von Video-Services. Bild: Polycom

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