Citrix will den Unternehmen den Weg von PC-Infrastrukturen in die Cloud-Zukunft ebnen, die CEO Mark Templeton als „3PC-Ära“ bezeichnete: Public Cloud, Private Cloud und Personal Cloud. Im Fokus der Hausmesse Synergy in Barcelona standen damit Cloud-Plattformen, Online-Collaboration und die mobile Nutzung von Applikationen und Daten.Unter Templetons Führung weitet Citrix sein Kerngeschäft – Anwendungen und Daten jederzeit abrufbar bereitzustellen – konsequent ins Cloud-Zeitalter aus. Dazu akquirierte man 2007 den Virtualisierungsanbieter Xensource, diesen Sommer folgte Cloud-Infrastrukturspezialist Cloud.com. Wie Xensource, so hat auch Cloud.com einen Open-Source-Hintergrund, was hilfreich ist für die Akzeptanz in Provider-Kreisen. Damit positioniert sich Citrix effektiv gegenüber Konkurrent VMware, der aus dominanter Position im Enterprise-Virtualisierungsmarkt die Cloud-Service-Provider angeht. Citrix entwickelt sich immer stärker zum Cloud-Spezialisten, für den virtualisierte Desktops und Applikationen letztlich nur noch Services sind, die auf der hauseigenen Cloud-Infrastuktur laufen. Dieser Wandel ist durchaus konsequent – wurde aber auf der Synergy durch allgegenwärtiges Cloud-Marketing teils vernebelt.

Cloud, Cloud und Cloud

So postulierte Templeton die „3PC-Ära“: Neben den allerorts diskutierten Public und Private Clouds positioniert er die „Personal Cloud“. Gemeint ist der On-Demand-Zugriff des Anwenders auf seine Anwendungen und Daten („Follow-me Apps“, „Follow-me Data“). Dieser Zugriff erfolgt im Citrix-Szenario entweder per Unternehmens-PC oder beliebigem mobilem Endgerät – kaum eine Präsentation kam ohne Ipad-Bilder aus. Fluchtpunkt dieser Entwicklung ist IT als Cloud-Service, sei es der zentral gehostete Arbeitsplatz (Desktop as a Service, DaaS), Infrastruktur (IaaS) oder Software as a Service (SaaS).

Der universelle Client für Cloud-Services ist bei Citrix der hauseigene Receiver. Dieser ist laut CEO Templeton heute auf 1,5 Milliarden Endgeräten installiert, der neue Receiver für Apple IOS biete deutlich kürzere Ladezeit. Auch die Virtual-Desktop-Software Xendesktop mache große Fortschritte: Für Xendesktop gebe es nun bereits 75 Kunden mit über 10.000 Lizenzen und rund 1.000 Kunden mit über 1.000 Lizenzen. Allerdings ist anzumerken, dass Citrix eine Lizenzwandlungsinitiative durchgeführt hat, um Kunden von der SBC-Software Xenapp auf Xendesktop zu migrieren, in welchem Xenapp enthalten ist. Es ist also unklar, wieviele Xendesktop-Kunden tatsächlich mehr nutzen als SBC-Funktionalität.

Mit großem Applaus begrüßte das Publikum Templetons Nachricht, Citrix habe App-DNA akquiriert. Der Spezialist für die Migration von Applikationen auf zentrale virtualisierte Plattformen offeriert Lösungen für eine schnelle Analyse des Softwarebestands, eine Knowledge-Base-basierte Anleitung, welche Applikation sich wie am besten zentralisiert bereitstellen lässt, und eine automatisierte Paketierung von Anwendungen zum Beispiel für das Application Streaming. US-Konkurrent Quest hatte fast zeitgleich mit Changebase ein ähnliches Unternehmen gekauft.

Eine nützliche Neuerung: Xenserver 6 lässt sich jetzt mittels Microsoft System Center (SCVMM und SCOM) aufsetzen und verwalten. Zudem biete die Virtualisierungsplattform nun verbesserte SR-IOV-Unterstützung; damit stehe jeder VM die gesamte Hardware-Performance des Servers zur Verfügung. Wichtig ist dies vor allem auch für Citrix’ Applikationsbechleuniger (ADC) Netscaler SDX: Dieser konsolidiert 40 virtualisierte ADCs für Lastverteilung, SSL-VPN, Application Firewall und WAN-Optimierung auf einer Appliance. Zudem werde die Partnerschaft mit Cisco intensiviert: So will man Cisco-Netzwerke für Citrix’ Übertragungsprotokoll HDX optimieren, zudem soll es künftig Cisco-Thin-Clients mit vorinstalliertem Receiver geben.

Ausnahme als Regel

„Die Ausnahme von heute wird künftig die Regel“, mahnte Mark Templeton. Als Beispiele dafür nannte er Mobile Computing, die Nutzung privater Endgeräte, WLAN (statt LAN), Cloud Computing, „mikrozentrische“ (statt monolithischer) IT sowie App Stores. Um Unternehmensmitarbeitern die mobile Arbeitsweise samt „Follow-me Data” zu erleichtern, hatte Citrix kurz vor der Synergy die Übernahme von Sharefile angekündigt. Der Anbieter stellt File-Hosting und -Sharing-Angebote bereit, laut Templeton hochsicher und für Unternehmen konzipiert, inklusive Integration in Outlook, anpassbarem Look-and-Feel und sicherer Fernlöschung von Daten – „Dropbox für Unternehmen“, oder, was Templeton vorzog, „Icloud for Business“. Ein sehr wichtiges Detail: Eine API soll die Funktionalität für Applikationen von Drittherstellern zugänglich machen – die Citrix-Infrastuktur würde damit zur „Follow-me Data Fabric“ der Personal Cloud.

Ebenfalls nützlich für reisende Mitarbeiter ist die Online-Collaboration-Lösung Gotomeeting, die nun über Mac-OSX-artige „Workspaces“ verfügt. Der Anwender könne damit kontextbezogene Umgebungen schaffen und direkt von hier aus Inhalte teilen oder Videokonferenzen anstoßen, so Dr. Bernd Christiansen, CTO Online Services. Doch nicht nur die Daten sollen ständig im Zugriff sein: „Ihre Apps folgen Ihnen, wohin Sie auch gehen“, erklärte Templeton im Hinblick auf den Receiver. Dieser, so brachte es Analyst Simon Bramfitt auf den Punkt, werde „in aller Stille vom Endpunkt des Unternehmensnetzes zum Dreh- und Angelpunkt der Personal Cloud transformiert.“

Receiver-Funktionalität soll künftig auch auf Endgeräten nutzbar sein, die keine lokale Client-Installation unterstützen, so auf Googles Chromebook. Hier kommen die zahlreichen Cloud-Lösungen ins Spiel, die Templeton präsentierte: Cloudgateway soll als universeller Cloud-Service-Broker den Receiver per Web-Zugriff verfügbar machen, sodass die gewohnten Unternehmensapplikationen auch auf Endgeräten wie Chromebook oder Ipad laufen – „Windows as a Service“ mit sicherem Zugriff und zentraler Kontrolle durch den Administrator. So genannte „Storefront Services” des Cloudgateways verbinden den Receiver mit der Identity- und Access-Management-Infrastruktur, während „Content Controller” dazu dienen, beliebige Services und Inhalte anzubinden. Cloudgateway Express, so Templeton, erlaube die Nutzung des Windows-Desktops unabhängig vom Endgerät und sei gratis, eine Enterprise Edition samt Einbindung von Mobile Apps und Drittherstelleranwendungen werde in Kürze folgen. Mit Cloudportal könne ein Unternehmen oder Provider Services bereitstellen, Cloudbridge wiederum diene der Verknüpfung der Private und Public Clouds. Die Basis bildet Citrix’ Cloudstack.

SoC und Touch-Bedienung

Dank flexibler Zugriffsmethoden, Personalisierungstechnik von Ringcube (einer weiteren Akquisition aus jüngster Zeit) und BYOD könne ein Virtual Desktop schon im ersten Jahr nur halb so teuer sein wie ein klassischer PC, rechnete Templeton vor. Als Kostensenkungsfaktor stellte er zusammen mit Ncomputing das Design eines Zero Clients als „System on a Chip“ (SoC) vor – sehr zum Ärger des Platin-Sponsors Wyse, dessen SoC-Referenzdesign nicht genannt wurde. Eine Demo zeigte den Receiver für das Windows-8-Interface Metro: eine Piano-App, per Multi-Touch gesteuert, aber im entfernten Data Center gehostet. „Alles bewegt sich in Richtung Touch“, so Templeton zur Interface-Frage in einer „Welt, in der sich alles um die Cloud dreht“. Zuguterletzt gab es eine Demo des Receivers for Facebook – wobei man fragen muss, ob der Anwender wirklich Unternehmensapplikationen aus Facebook heraus starten will, oder ob es nicht viel nützlicher wäre, direkt von einer Business-App aus Informationen auf Facebook, Google+, Twitter, Linkedin und Xing posten zu können.

Templetons Keynote ließ für die „Super-Session“ seiner CTOs am Folgetag nur wenig Spektakuläres übrig. Dr. Bernd Christiansen präsentierte Gotomeeting in HD mit Panorama-Ansicht und eine App für Linkedin. Sheng Liang, CTO Cloud Platforms, betonte die Vorteile der hauseigenen Scale-out-Architektur gegenüber VMwares „altmodischem“ Scale-up-Modell und skizzierte DaaS als „riesigen unerschlossenen Markt“. Martin Duursma, Chef der Citrix-Labs, beschloss die Session mit einer beeindruckenden Demo des Software Development Kits für das Xenapp 6.5 Mobility Pack. Damit lassen sich Smartphone-Features wie GPS-Daten und Bewegungssensor künftig für Unternehmensapplikationen nutzen.

In der Solutions Expo zeigten 44 Aussteller wie Appsense, Cisco, Dell, HP, RES und Wyse ihre Neuerungen. So präsentierte RES mit Workspace Manager Express ein kostenloses Profil-Management-Tool, HP zeigte die neuen Thin Clients t5335z, t5565z sowie t5740e, und Appsense kündigte die Integration seines User-Managements in den Citrix Cloudportal Services Manager an. Alles in allem war die Synergy in Barcelona ein spannendes Event, das die Vielfalt des Citrix-Portfolios und -Ökosystems eindrucksvoll veranschaulichte.

Der Autor auf LANline.de: wgreiner

Dr. Bernd Christiansen, CTO Online Services bei Citrix, gab einen Ausblick auf das Web-Conferencing von morgen. Bild: Dr. Wilhelm Greiner

Citrix-Chef Mark Templeton ließ sich im Rahmen seiner Synergy-Keynote demonstrieren, wie der Citrix Receiver künftig Windows 8 unterstützen wird. Bild: Dr. Wilhelm Greiner

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