Trends wie Mobility, Big Data und das Internet der Dinge lassen die Zahl von Rechenzentren nach oben schnellen. Der Ruf nach effizienten Tools, mit denen sich RZ-Funktionen hinsichtlich Service-Qualität, Leistung, Sicherheit und weiteren Merkmalen steuern lassen, wird immer lauter. DCIM-Suiten (Datacenter-Infrastructure-Management) sollen genau dies leisten, aber umfassende Lösungen sind nach wie vor rar. Und Applikationen haben sie nur in seltenen Fällen auf dem Radar. Aber gleichgültig unter welchem Dach: Das Rechenzentrums-Management muss sich neu aufstellen.

Wer sich zum Thema DCIM schlau machen will, findet auch heute noch ein sehr zerklüftetes Bild. Selbst Wikipedia erschöpft sich – zumindest auf seiner deutschen Site – lediglich in der Erklärung des Akronyms mit Verweis auf das Thema „Green IT“, dem DCIM als Teildisziplin zuzuordnen sei. Das Gros der DCIM-Informationen kommt von Herstellern, die das Thema meist sehr einseitig durch ihre eigene Brille darstellen.

Um Nutzer für Apps zu begeistern, müssen diese schnell, stabil und zuverlässig laufen. Deren Schlüsselparameter sind daher über das Infrastruktur-Management permanent zu kontrollieren – gleichgültig, ob die Anwendungen via Internet aus der Cloud oder durch das eigene Rechenzentrum bereitgestellt werden. Bild: Volker Kull, CTO Bell

Um Nutzer für Apps zu begeistern, müssen diese schnell, stabil und zuverlässig laufen. Deren Schlüsselparameter sind daher über das Infrastruktur-Management permanent zu kontrollieren – gleichgültig, ob die Anwendungen via Internet aus der Cloud oder durch das eigene Rechenzentrum bereitgestellt werden.
Bild: Volker Kull, CTO Bell

Der ursprüngliche Ansatz sah vor, die physischen Elemente in einem Rechenzentrumsgebäude über eine Software zu erfassen, steuern und zu optimieren. Aspekte wie das Raumdesign mit Planung der Luftströme für Präzisionskühlung, IT-Rack- und Energie-Management zählen dort zu den essenziellen Aufgaben. Dabei wurde sehr schnell klar, dass sich die klassischen, ehemals strikt getrennten Unternehmensdisziplinen Facility- und IT-Management in geeigneter Weise zusammenschließen oder mindestens koordinieren müssen. Mit der Aufnahme zahlreicher weiterer, vorwiegend aus der IT stammenden Aufgaben in das DCIM hat sich dieser Trend noch deutlich verstärkt.

DCIM-Lösungen haben heute viele Gesichter. Auch Aspekte wie Echtzeit-Monitoring, Alarm- und Ereignismeldungen, Inventar-, Ressourcen-, Änderungs- und Konfigurations-Management, Berichtswesen und Visualisierung sowie Analysen, Simulationen, Vorhersagen und letztlich Optimierung der IT gelten für viele (längst nicht alle) als Disziplinen des DCIM. Eine vollständige Integration aller Funktionen bietet kein einziger Hersteller. Der Grund, warum sich so etwas in der Praxis auch nahezu unmöglich realisieren ließe, liegt im Fehlen standardisierter Schnittstellen für die Integration der unterschiedlichen Rechenzentrumsgewerke in eine einheitliche Management-Plattform. Die am Markt angebotenen Teilintegrationen basieren also fast immer auf hausgemachten Schnittstellen des jeweiligen DCIM-Anbieters. Eine Änderung dieser Situation ist auch auf lange Sicht nicht auszumachen, denn abgesehen von sehr wenigen Bereichen gibt es noch nicht einmal Organisationen oder Initiativen, die sich darum kümmern würden.

Eine der Ausnahmen ist aktuell im Bereich des Patch-Managements, ein Teil des Rack-Managements, zu beobachten: Noch im Lauf dieses Jahres soll die ISO/IEC-Norm 18598 „Informationstechnik – Automatisierte Infrastruktur-Management-(AIM-)Systeme – Anforderungen, Datenaustausch und Anwendungen“ verabschiedet werden. Ziel ist es, die passive Infrastruktur, speziell die Anschlüsse an Racks und Panels im Rechenzentrum in ein lückenloses IT-, beziehungsweise übergeordnetes Gebäude-Management zu integrieren. Auf welche Art und Weise das Anschließen beziehungsweise Lösen eines Patch-Kabels erkannt wird, ist nicht Bestandteil dieser Norm – es geht ausschließlich darum, die proprietären Signale einer AIM-Lösung in eine standardisierte Form zu bringen und über klar definierte Schnittstellen Management-Systemen auf höherer Ebene in Echtzeit zugänglich zu machen.

Eine Reihe von Experten rechnet das Patch-Management nicht dem DCIM zu, sondern unterscheidet zwischen DCIM und einem übergeordneten „Rechenzentrums-Management“. Für Holger Nickel, Geschäftsführer von Aixpertsoft, muss Rechenzentrums-Management wesentlich mehr können als DCIM, darunter beispielsweise Service-Monitoring, Workflow-Integration (ITSM, Asset and Order), Netzwerkverwaltung, Lifecycle-Management sowie das Kabel- und Verbindungs-Management. Ob und inwieweit diese Funktionen künftig ebenfalls unter den Begriff DCIM fallen, ist derzeit noch völlig unklar. Aber wie auch immer man das Kind nennt, die damit verbundenen Aufgaben sind für ein Rechenzentrum essenziell. Ähnliches gilt auch für das Applikations-Management. Auf der „Monitoring Expo“ 2016 in Mainz trat Aixpertsoft erstmals gemeinsam mit seinem neuen Partner Kona Communication auf, der Cloud Accounts konsolidiert und deren Provisionierung, Terminierung sowie Auditierung automatisiert.

App-Economy schleppt sich ins RZ-Management

Was in DCIM- beziehungsweise Rechenzentrumslösungen bislang noch wenig oder gar nicht berücksichtigt wurde, sind Anwendungen (kurz „Apps“). Mit zunehmender Erkenntnis, dass für immer mehr Unternehmen Apps den Kern des Business bilden, rücken Letztere jedoch auch allmählich in das Blickfeld der DCIM-Anbieter. Während der vergangenen Monitoring Expo beispielsweise plädierte Volker Kull, CTO von Bell Computer-Netzwerke, sehr eindringlich für eine freie Sicht auf Applikationen im Rahmen der Netzwerkanalyse. Eine gute Benutzererfahrung mit Apps sei heute maßgeblich für den Geschäftserfolg von Unternehmen verantwortlich. Daher sei es unverzichtbar, die entsprechenden Kriterien wie Verfügbarkeit, Flexibilität, Mobilität, Performance, Sicherheit und weitere über das Infrastruktur-Management permanent messen, darstellen und bewerten zu können – gleichgültig, ob die Anwendungen via Internet aus der Cloud oder durch das eigene Rechenzentrum bereitgestellt werden.

Netzwerkbasierende Analyse-Tools seien dafür das Instrument der Wahl, denn Darstellung und Bewertung der Nutzererfahrung könnten so direkt in das IT-Infrastruktur-Management einfließen. Weitere Vorteile seien ein detailliertes Reporting der Beziehungen zwischen Benutzer und Applikationen (Live und Historie), die Abbildung der eigenen IT-Infrastruktur (Fingerprints), die Integration in Netzwerk- und Security-Management sowie einfache Problemanalyse (Layer-7-Troubleshooting).

Im DCIM Marketscape 2015 von IDC gelten Emerson Network Power, Schneider Electric und Nlyte als Anführer.

Im DCIM Marketscape 2015 von IDC gelten Emerson Network Power, Schneider Electric und Nlyte als Anführer.

Für eine stärkere Beachtung des Themas Applikationen setzen sich natürlich auch auf Application Delivery Controller (ADCs) spezialisierte Hersteller wie beispielsweise F5 ein. Auf seiner vergangenen „Agility“-Konferenz in Wien monierte F5, dass Unternehmen heute 90 Prozent ihres IT-Sicherheitsbudgets in klassische Netzwerk-Perimetersicherheit investieren, Angriffe an dieser Stelle aber nur noch 25 Prozent aller Attacken ausmachen. 72 Prozent der Angriffe zielten vielmehr auf Identitäten und Applikationen, für deren Schutz jedoch nur zehn Prozent des Security-Budgets investiert werden. „Dies ist ein grober Missstand, und Unternehmen sind dadurch weitaus leichter angreifbar, als sie es bei der Höhe ihres Sicherheitsbudgets sein müssten“, so Gary Newe, Director of Systems Engineering bei F5 für den EMEA-Raum.

Im Durchschnitt würden Unternehmen in Europa heute gut 200 Apps nutzen – und dies meist ohne klar zu realisieren, wie sehr der Geschäftserfolg von deren reibungslosem Funktionieren abhängig ist. „Mehr denn je konzentrieren wir uns daher darauf, Applikationen sicher, schnell und ständig verfügbar zu machen“, so Newe. Möglicherweise erscheinen ADC-Anbieter künftig ebenfalls in den Rankings von DCIM-Software – immerhin sind Apps letztlich das, worum es in Unternehmen geht, und die Qualität von Apps hängt von zahlreichen physischen Parametern ab.

Aktuell ist eine so weite Auslegung von DCIM jedoch noch nicht der Fall. Sowohl bei IDC als auch Gartner als einschlägigen Marktanalysten stehen ganz andere Hersteller im Fokus. Bei IDC beispielsweise gelten Unternehmen wie Emerson Network Power, Schneider Electric und Nlyte als Anführer von DCIM, dicht gefolgt von Panduit, Commscope (mit Itracks) und Sunbird Software. Siemens zählt bei IDC als Jungeinsteiger bereits zu den „wichtigen Playern“, zusammen mit anderen Anbietern wie FNT, ABB, Cormant und weiteren. Der „magische Quadrant“ von Gartner reflektiert zwar ein sehr ähnliches Bild, Siemens erscheint dort aber noch nicht. Gleiches gilt für CA Technologies, dieser Hersteller hat es bei IDC – wie Siemens – bereits in das Feld der wichtigen Player geschafft.

CA gehört ebenfalls zu den Anbietern, die klar die Applikationen im Visier haben. Die neuen Funktionen von „CA Unified Infrastructure Management“ (CA UIM) unterstützen Administratoren dabei, Cloud- und Hybrid-IT-Infrastrukturen einzuführen. Die Anwendung beobachtet nun auch die Leistung von Docker-Containern, „Pure Storage“-Arrays, hyperkonvergenten Nutanix-Systemen sowie von Openstack-Cloud-Umgebungen. „In der heutigen Application Economy sind Unternehmen oft gezwungen, eine Reihe unterschiedlicher Cloud- und dynamischer Infrastrukturen zu nutzen. Die Kosteneffizienz und Agilität dieser Techniken gehen aber verloren, wenn IT-Operations-Teams dafür eine Vielzahl von unterschiedlichen Monitoring-Anwendungen einsetzen müssen, um potenzielle IT-Leistungsprobleme zu identifizieren“, erklärt Ali Siddiqui, General Manager, Agile Operations, CA Technologies.

„Da CA UIM Transparenz in die Leistung aller IT-Ressourcen innerhalb eines Unternehmens über eine einzige einheitliche Ansicht bietet, können Administratoren die passende Kombination moderner Cloud-Techniken auswählen und monitoren, die für das Unternehmenswachstum erforderlich sind“, so der CA-Mann.

Top-Player im DCIM-Markt

Schneider verdankt seine Erwähnung als Anführer im DCIM-Markt bei IDC und Gartner seiner Software „Struxureware for Datacenters“. Die vergleichsweise umfassende DCIM-Lösung liefere die Schlüsselfähigkeiten für ein vorausschauendes, IT-gestütztes Rechenzentrum. Laut IDC Marketscape bietet sie Managern eine Sicht auf alle Aspekte der physischen Infrastruktur von Rechenzentren.

Der Report hebt auch die Fähigkeit von Schneider Electric hervor, ähnliche Verkaufsmodelle bei Wettbewerbern zu beeinflussen, und identifiziert die weltweiten Services des Unternehmens als Stärke.

„Durch eine eklatante Fehlgewichtung ihrer Security-Ausgaben sind Unternehmen weitaus leichter angreifbar, als sie es bei der Höhe ihres Sicherheitsbudgets sein müssten“, so Gary Newe, Director of Systems Engineering bei F5 für den EMEA-Raum. Bild: Stefan Mutschler

„Durch eine eklatante Fehlgewichtung ihrer Security-Ausgaben sind Unternehmen weitaus leichter angreifbar, als sie es bei der Höhe ihres Sicherheitsbudgets sein müssten“, so Gary Newe, Director of Systems Engineering bei F5 für den EMEA-Raum.
Bild: Stefan Mutschler

Als Top-Player ist in den DCIM-Reports beider Marktanalysten Emerson Network Power mit seiner Trellis-Suite genannt. Seit Kurzem gibt es die Software in der Version 4.0. Neben der Entwicklung seiner Software engagiert sich das Unternehmen auch sehr stark um Aufklärung in Sachen DCIM. Ein vor wenigen Monaten erschienenes E-Booklet beispielsweise will mit den am meisten verbreiteten Mythen rund um DCIM aufräumen. Unter anderem widerlegt dort Emerson die offensichtlich verbreitete Annahme, dass die Bereitstellung von DCIM-Lösungen grundsätzlich komplex sei und zu viel Zeit in Anspruch nehme. Im Zweifelsfalle schlägt Emerson hervor, dass Unternehmen DCIM-Systeme in einzelnen Phasen implementieren sollen. Durch die Priorisierung von Anforderungen könne eine schrittweise Implementierung erfolgen, bei der sich alle operativen Bereiche des Rechenzentrums abdecken lassen. Durch die Aufteilung auf mehrere kleinere Projekte entstehe nur ein minimaler Zeit- und Kostenaufwand.

IoT-Einfluss auf DCIM

Unternehmen wie Paessler haben keinerlei Chance auf Nennung in den einschlägigen DCIM-Marktstudien – dessen Rechenzentrumslösung „PRTG Network Monitor“ ist zu sehr auf das Monitoring beschränkt. Allerdings hat sich Paessler – wenn auch nur für den eng umrissenen Bereich des Netzwerk-Monitorings – bereits intensiv mit dem Einfluss des Internets der Dinge (IoT) beschäftigt. Dieses Thema hat auch erheblichen Einfluss auf DCIM- beziehungsweise Rechenzentrums-Management-Lösungen, wird dort aber noch sehr oft stiefmütterlich behandelt. „Mit klassischen IT-Infrastrukturen kennen wir uns bestens aus; aber wie steht es um industrielle Systeme oder, genauer gesagt, um das Internet of Things?“, so Sebastian Krüger von Paessler. „Der Begriff der Industrie 4.0 ist in diesem Zusammenhang in aller Munde und längst Realität. Doch wie passt dies alles zusammen? Welche Aufgabe hat Netzwerk-Monitoring in diesem Zusammenhang? Und welche Herausforderungen muss eine gute Software heutzutage meistern?“ Mit einem Referat auf der vergangenen Monitoring Expo lieferte Krüger dazu wichtige Antworten.

„Mit klassischen IT-Infrastrukturen kennen wir uns bestens aus; aber wie steht es um industrielle Systeme oder, genauer gesagt, um das Internet of Things?“, so Sebastian Krüger von Paessler. Bild: Paessler

„Mit klassischen IT-Infrastrukturen kennen wir uns bestens aus; aber wie steht es um industrielle Systeme oder, genauer gesagt, um das Internet of Things?“, so Sebastian Krüger von Paessler.
Bild: Paessler

Auf derselben Veranstaltung präsentierte Paessler auch den Industrieroboter von Kutzschbach Electronic. Anhand des Roboters zeigte Paessler, wie sich per PRTG Network Monitor Daten aus dem analogen Bussystem des Roboters auslesen und anschließend in PRTG anzeigen lassen – beispielsweise Betriebsdaten wie Geschwindigkeit, die Anzahl der Werkstücke oder historische Daten zur Auslastung.

Fazit

Rechenzentrums-Management erhält derzeit von vielen Seiten neue Impulse. Langfristig durchsetzen werden sich aber nur Lösungen, die die damit verbundenen Aufgaben vereinfachen und möglichst weit automatisieren. Dies aber ist nur möglich, wenn die einschlägigen Hersteller – gleichgültig aus welcher Ecke – die Integration der vielen Teilaspekte anpacken und den Rechenzentrumsbetreibern den Umgang mit komplexem Stückwerk abnehmen.

Stefan Mutschler.