Immer mehr Systeme rücken in immer größere Entfernungen von der IT-Mannschaft: Sei es in Home Offices oder Außenstellen – mit der „Turnschuh-Administration“ kommen Systembetreuer heute nicht mehr weit. Lösungen wie die Remote-Desktop-Software AnyDesk sind da willkommene Werkzeuge. Wir haben uns die aktuelle Version 5 von AnyDesk angeschaut.

Um auf entfernte Rechner zuzugreifen, hat sich bei IT-Administratoren mittlerweile der Einsatz von Remote-Desktop-Lösungen bewährt. Microsoft mit dem in Windows enthaltenen Remote-Desktop und den eigenem RDP-Protokoll bietet hierfür zwar durchaus Möglichkeiten, doch für eine Unterstützung über Plattformgrenzen hinweg, sind es vor allen Dingen die Tools zweier deutscher Unternehmen, die sowohl in freien als auch in den professionellen Versionen vielfach zum Einsatz kommen. Neben TeamViewer ist dies die Software AnyDesk, die ganz aktuell in der Version 5.2 für Windows zur Verfügung steht und von der gleichnamigen Softwarefirma aus Stuttgart seit 2014 entwickelt und angeboten wird.

Die Software und die Installation

Die Software steht in einer freien Version sowie in den Ausprägungen Lite, Professional, Power und Enterprise zur Verfügung. Die freie Version ist rein für den privaten Einsatz gedacht und darf im Gegensatz zu den weiteren Versionen nicht kommerziell eingesetzt werden. Allen Versionen ist dabei gemein, dass der Hersteller für sie kostenlose Updates auf neue Releases zur Verfügung stellt. Ansonsten unterscheiden sich die Varianten durch die unterschiedliche Anzahl von Arbeitsplätzen, auf denen sich AnyDesk mit dem entsprechenden Schlüssel freischalten lässt und die unterschiedliche Anzahl der Sitzungen, die der Anwender mit der jeweiligen Lizenz parallel betreiben kann. Ab der Power-Lizenz lassen sich unbegrenzte Sitzungen und Arbeitsplätze mit der Software warten.

Wer nur auf entfernte Geräte zugreifen will, kann diese auch prinzipiell mit der kostenlosen Lizenz betreiben, wenn er auf dem steuernden Gerät die entsprechende Lizenz einsetzt. Laut Anbieter ist die Übertragung bei AnyDesk mit TLS 1.2 gesichert und die Verbindungen baut die Software mit einer asymmetrischer „RSA 2048“-Verschlüsselung auf. Die Server des Unternehmens bauen auf Erlang auf, einer Programmiersprache samt Laufzeitsystem und Bibliotheken, die unter anderem als Middleware zum Bau verteilter, hochverfügbarer Systeme und großer Telekommunikationsnetze dient.

Uns stand die Software in der Professional-Version (Lizenz professional-1 mit drei maximalen Sitzungen und Power Option) zur Verfügung. Die gerade einmal 2,8 MByte große, ausführbare Windows-Datei ist schnell heruntergeladen. Sehr positiv fanden wir, dass der Anbieter hier weder nach Adress- oder gar Kreditkartendaten des Nutzers fragt. So ist es problemlos möglich, die Software zunächst einmal unverbindlich im eigenen Netzwerk zu testen.

Gut gelöst: Auch auf Rechner unter einem aktuellen macOS gelingt der Zugriff problemlos. Der Desktop der entfernten Rechner erscheint dabei immer im Programmfenster von AnyDesk.

Nach dem Download können Nutzer die Software sofort starten und Verbindung zu einem anderen System unter AnyDesk aufnehmen – dort muss die Lösung aktiv sein und im Vordergrund arbeiten, damit eine Verbindung klappt. Das funktioniert sehr einfach, da das System eine nummerische Adresse (AnyDesk-ID) für neue Desktops vorgibt. Anwender können aber auch auf Alias-Namen zurückgreifen, was den Verbindungsaufbau in der Praxis weitaus einfach gestaltet.

Diese enden standardmäßig auf „@ad“. Hat ein Nutzer AnyDesk auf dem System fest installiert, so kann er den String vor dem „@“-Zeichen wie bei einer E-Mail-Adresse frei wählen. Bei den kostenpflichtigen Lizenzen kann der Nutzer das gewählte Alias über das Portal „my.anydesk.com“ einmalig ändern. Für die Professional- und Enterprise-Edition besteht zudem die Möglichkeit, einen eigenen Namensraum dazu zu buchen.

Über dieses Portal, das integraler Bestandteil der Lösung ist, aber in der freien Version nur rudimentäre Einstellmöglichkeiten bietet, lassen sich viele Einstellungen der Professional- und Enterprise-Version vornehmen. So können Administratoren im Unternehmensumfeld dort „ihr AnyDesk-Paket“ konfigurieren und unter anderem auch mit dem eigenen Firmenlogo versehen, herunterladen und dann entweder als exe- oder MSI-Datei verteilen.

Weiterhin bekommen User der Professional-Version auf dem Portal auch Informationen dazu angezeigt, welche Teilnehmer mit einer AnyDesk-Lizenz verknüpft sind. Der Administrator findet sie unter dem Reiter „Teilnehmer“ mit ihrer ID, dem Alias-Namen und der Zeit, die der entsprechende Arbeitsplatz online ist, aufgelistet. Wichtiger Hinweis: Wer AnyDesk nur testet oder nach einer gewissen Zeit nicht mehr nutzen will, sollte an dieser Stelle gut aufräumen. Wir fanden zu unserem Erstaunen alle Testdaten von 2016 noch in diesem Portal abgespeichert, obwohl wir AnyDesk seit dieser Zeit nicht mehr eingesetzt haben.

Neuheiten in AnyDesk Version 5

Wer AnyDesk schon in früheren Versionen eingesetzt hat, wird zunächst die neue Oberfläche bemerken, die durch ihr Design und den verwendeten Widgets einen aufgeräumten Eindruck macht. Dadurch gestaltet sich auch die Bedienung leicht und logisch. Eine neue Funktion ist darüber hinaus der integrierte AnyDesk-Drucker, der sich in ein Windows-System einfügt. Er ermöglicht es dem Anwender, auf seinem ferngesteuerten Gerät über einen lokalen Drucker ein Dokument auszudrucken. In unserem Testnetzwerk funktioniert diese Art des „Ferndruckens“ ohne Probleme.

Überarbeitet haben die Entwickler aus Stuttgart zudem das Adressbuch, in dem die Nutzer nun ihre Einträge auch per Drag and Drop in verschiedenen Adressbüchern ordnen können. Weiterhin stehen neue Schnellwahltasten und ein Whiteboard zur Verfügung. War der Zugriff auf die Liste der bisherigen eigenen Sitzungen bei früheren Versionen nur über das Portal „my.anydesk.com“ möglich, so zeigt die Software diese nun direkt im Startfenster an.

Ebenfalls neu bei den Einstellungen: Der TCP-Tunnel, mit dessen Hilfe nun auch die Netzwerkkommunikation in ein anderes lokales Netz sowie der Betrieb eines VPNs möglich sind. Als Standardanwendungen gibt der Hersteller dabei SSH oder das Ansteuern eines internen Web-Servers an, die über entsprechend gesetzte Regeln eingehende Datenpakete an einen bestimmten Port an eine Adresse im entfernten Netzwerk leiten. Wer „Custom-Clients“ verteilen will, die er im Portal konfiguriert, kann diesen nun auch feste Passwörter mitgeben. Auf diese Weise wird gleich bei der Verteilung zum Beispiel die Möglichkeit konfiguriert, eine unbeaufsichtigte Fernwartung (kein Nutzer muss vor Ort die Anfrage bestätigen) durchzuführen – eine Funktion, die sich in der professionellen Fernwartung und Betreuung gut einsetzen lässt.

Von Linux bis Android

Wer heute professionell IT-System betreut, muss sich in der Regel auch auf den verschiedensten Plattformen bewegen können. Die Nutzer verlangen von ihrer IT, dass sie sowohl Probleme auf den Windows- als auch auf den macOS- und den Linux-Systemen anschauen, begutachten und beheben kann. Darüber hinaus sollen die IT-Profis dann zumeist auch noch auf die mobilen Systeme unter Android und iOS „einen Blick werfen“ können. AnyDesk stellt neben der Windows-Version auch jeweils Versionen für verschiedenste Linux-Derivate in der 32- und 64-Bit-Ausprägung bereit. Wer in seiner IT-Umgebung mit der massiven Divergenz der Linux-Systeme zu kämpfen hat, kann über die AnyDesk-Seite auch ältere Versionen der Software für die unterschiedlichen Systeme herunterladen.

Wir haben für diesen Test ein Fedora-Linux in der aktuellen Version 30 eingesetzt. Die Installation der AnyDesk-Software (ein Betrieb ohne Installation wie auf den Windows-Systemen ist hier nicht vorgesehen) erfolgt – ungewohnt aber angenehm – auch auf den Linux-Systemen via Doppelklick auf die heruntergeladene Software. Nach dem Start präsentiert sich AnyDesk im gleichen Look and Feel wie auf der Windows-Plattform. Allerdings konnten wir zunächst keine Verbindung vom Windows-10-Desktop zu unserem Linux-System aufbauen: AnyDesk meldete uns, dass der Display-Manager nicht unterstützt würde. Erst nachdem wir bei unserem Linux den Display-Server von „Gnome“ auf „Gnome Classic“ umgestellt hatten, baute die Software die Verbindung auf, sodass wir mit und auf dem Linux-System arbeiten konnten.

Für die Apple-Systeme unter macOS (bei uns kam die Version 10.14.6 Mojave zum Einsatz) wird ebenfalls eine aktuelle Version der Lösung angeboten. Sie wird als DMG-Paket für die Installation zur Verfügung gestellt. Eine Überraschung erlebten wir beim ersten Zugriff vom Windows-Desktop auf das MacBook Air: Wir hatten vergessen, auf der Seite des macOS-Betriebssystems das Recht für die Fernsteuerung freizugeben und konnten deshalb zunächst nicht auf den macOS-Desktop zugreifen. Nach der Freigabe klappte es dann ohne Probleme. Auch der Zugriff vom Apple-System auf den Windows-Desktop funktionierte tadellos.

Zugriff auch auf das Smartphone: Die Verbindung vom Windows-Desktop auf ein Android-Gerät und umgekehrt gelingt schnell und einfach. Einzig die Display-Größe kann es erschweren, das Windows-System auf dem Smartphone zu bedienen.

Schließlich ist es mit AnyDesk auch möglich, eine Verbindung mit mobilen Systemen unter Android oder iOS aufzubauen. Wir haben dies mit einem Nokia-7-Plus-Smartphone unter Android 9 (Pie) getestet. Nach dem Download der AnyDesk-App aus dem Google „Play Store“ verlief die Einrichtung einfach, und das Smartphone konnte die anderen AnyDesk-Systeme im Netz sofort finden. Wir haben das Telefon dabei über das WLAN eingebunden.

Auf dem Android-System bekamen wir zudem noch eine Sicherheitswarnung, die uns mitteilte, dass AnyDesk alle auf dem Bildschirm angezeigten Aktivitäten aufnimmt. Der Nutzer hat an dieser Stelle die Wahl, dies zuzulassen oder abzulehnen und sich in einem verlinktem Hilfebeitrag zu informieren. Lehnt der Anwender die Aufzeichnung des Bildschirms ab, funktioniert AnyDesk jedoch nicht.

Die App bietet dem Nutzer außerdem einen interaktiven Hilfekurs an, mit dessen Hilfe er sich in die Bedienung einarbeiten kann. Diese ist auch auf dem mobilen Endgerät übersichtlich und logisch, obwohl unserer Meinung nach selbst ein Smartphone mit 6-Zoll-Display für die Bedienung eines Windows-Desktops grundsätzlich nur sehr bedingt geeignet ist. Zudem steht eine Fernsteuerung auf Android-Systemen aktuell nur für Samsung-Geräte bereit – immerhin drehte sich der Bildschirm im AnyDesk-Fenster auf dem Windows-Desktop schon mit, wenn wir das Nokia-Telefon gedreht haben.

Fazit: Schneller Einsatz und praxisnahe Features

Die Software AnyDesk hat bei diesem aktuellen Test einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Wir hatten sie zuletzt im Jahr 2016 in unserem Netzwerk in der Version 2.6 verwendet. Mit der aktuellen Version 5.2 unter Windows haben es die Entwickler geschafft, die schon damals ausgeprägten, guten Eigenschaften beizubehalten und dabei die Software sinnvoll weiterzuentwickeln. Die nun überarbeitete Oberfläche gibt der Lösung nicht nur ein besseres Aussehen, sondern erleichtert durch die klare Strukturierung die Bedienung.

Wer das Kachel-Design nicht mag, kann immer noch die bewährte Listendarstellung wählen. Schnell war AnyDesk schon immer, und so erwies sich auch diese Version während der Testphase als schnell und zuverlässig. Ob der Nutzer unbedingt einen Remote-Drucker benötigt, hängt vom jeweiligen Einsatzszenario ab. Die Software fragt bei der Installation danach, ob es diese Funktion hinzufügen soll.

Uns gefällt es sehr gut, dass die Nutzer AnyDesk nach dem Herunterladen sofort und ohne weitere Angaben einsetzen können. In der Praxis bewährt es sich, dass der IT-Profi am Helpdesk dem Nutzer einfach bittet, die Software herunterzuladen und zu starten – ohne dass dieser sich zunächst Gedanken machen muss, ob er die Software auf seinem System installieren will oder nicht.


Der Administrator kann dann später die Schaltfläche für das Installieren auswählen. Ein Detail, das gerade in Stresssituationen bei der Betreuung entfernter Arbeitsplätze entlastend sein kann. Weiterhin sind es die plattformübergreifenden Möglichkeiten, die einen guten Eindruck hinterlassen: Auch wenn es eher mühselig ist, ein Windows-System via Android-Smartphone zu bedienen, bietet sich diese Option durchaus an, wenn ein Administrator zum Beispiel schnell einen Blick auf ein problematisches Windows-System werfen muss.

Ein weiteres Lob sprechen wir für die gute Dokumentation aus: Das Handbuch im PDF-Format steht in deutscher Sprache bereit, beantwortet viele Fragen und ist auf dem aktuellen Stand.

Thomas Bär und Frank-Michael Schlede.