Jessica Hübert ist Geschäftsführerin und Gesellschafterin von PowerRZ in Siegen, einem Newcomer im Umfeld von Rechenzentrumsplanung und -bau. Im LANline-Gespräch verdeutlicht sie ihre Sicht auf ein vernünftiges Dienstleistungsportfolio speziell für kleinere und mittlere Unternehmen. Zudem wirbt sie für einen höheren Frauenanteil in der Branche.

LANline: Rechenzentrums-Betreiber spüren heute Druck von vielen Seiten: Kostensenkung allgemein, teure Energie, effizienterer Betrieb, Green IT. Wo liegen die Hauptansatzpunkte Ihrer Arbeit?
Hübert: Die größte Herausforderung liegt darin, alle Aspekte von Ausfallsicherheit und Verfügbarkeit mit Green IT und Betriebskostensenkung miteinander zu vereinen. Der daraus hervorgehende gewerkeübergreifende Entwurf muss dann noch in Einklang mit dem jeweiligen Budget gebracht werden. Und hierbei wird in der Regel kein Neubau betrachtet, sondern eine gewachsene Struktur aus unterschiedlichen Systemen mit mehreren Bauabschnitten.

LANline: Wann greifen Sie ein?
Hübert: Meine Hauptaufgabe liegt hier in der objektiven Beratung zu den unterschiedlichen Möglichkeiten und deren jeweiligen Vor- und Nachteilen. Schlussendlich muss die finale Konzeption die individuellen Anforderungen des Kunden erfüllen. Es gibt nicht den einen Lösungsansatz – richtig oder falsch, sondern sehr viel dazwischen. Aber genau das macht das Themengebiet so spannend.

LANline: Auf welche Probleme treffen Sie in Ihren Projekten am häufigsten?
Hübert: Das Hauptproblem ist, dass in der Regel die Entscheider nicht die Rechenzentrums-Betreiber selbst sind. Die IT-Verantwortlichen kennen die potenziellen Schwächen ihrer Infrastruktur in der Regel sehr gut, ebenso wie das Risiko und die Folgen eines Ausfalls des Rechenzentrums. Zu letzteren gehören neben einem Imageschaden vor allem die finanziellen Einbußen, die um ein Vielfaches über der regelmäßigen Ertüchtigung der Infrastruktur liegen.

LANline: … und die andere Seite?
Hübert: Die meisten Geschäftsführer, die in der Regel auch die Entscheider über Investitionsmaßnahmen sind, haben hierfür leider gar kein Verständnis. Dies liegt natürlich zum einen an deren abweichenden Aufgabenbereich in Verbindung mit fehlender Information. Hinzu kommt häufig aber auch die generationsbedingte Einstellung älterer Geschäftsführer, die der IT nicht die tatsächliche heutige Relevanz beimessen.

LANline: Sind diese Zeiten nicht längst vorbei?
Hübert: Leider nicht! Aussagen wie: „Da ist doch noch nie etwas passiert“ gehören tatsächlich immer noch zum Regelfall. Zusätzlich unterschätzen die Beteiligten häufig die tatsächlichen Betriebskosten und konzentrieren sich allein auf die Invest-Kosten. Die meisten RZ-Betreiber kennen sogar ihren Stromverbrauch überhaupt nicht. Dabei besteht hier das Potenzial, die Invest-Kosten innerhalb kürzester Zeit durch die Stromersparnis zu amortisieren.

LANline: Was machen Sie dabei als relativ junges Unternehmen anders als andere?
Hübert: Kurz: Individualität und persönliche Beratung – insbesondere für den Mittelstand. Ich identifiziere mich immer persönlich mit den Kunden und kann somit optimal auf die jeweilige Situation eingehen, wie ich es aus der Kundenperspektive auch erwarten würde. Daher lege ich insbesondere auf die objektive und herstellerneutrale Beratung wert und stelle dem Kunden transparente, bedarfsgerechte Kostenermittlungen ohne versteckte Überraschungen zusammen.

LANline: Wen wollen Sie in erster Linie erreichen?
Hübert: Meine Hauptzielgruppe sehe ich im Mittelstand, da dieser aufgrund erforderlicher Beratung und individueller Lösungen von den großen Marktbegleitern oft gewissermaßen als zu arbeitsintensiv erachtet wird und sie ihn mit Standardplanungen versorgen oder gar nicht erst betreuen wollen. Meine jahrelange Erfahrung im Rechenzentrumsbau teile ich gerne mit den Kunden und arbeite aktiv mit ihnen zusammen. Insbesondere der persönliche Kundenkontakt, die Beratung und natürlich auch die Projektbegleitung als zuverlässiger Partner machen einen wichtigen Unterschied aus. Ich bin persönlich für meine Kunden da.

LANline: Welche Erfahrungen haben Sie für Ihr Unternehmen aus diesen Projekten gewonnen?
Hübert: Ganz klar: Es gibt nicht die eine Universallösung für alle, sondern viele verschiedene individuelle Wege zum Ziel.

LANline: Eine extreme Meinung in der Branche ist, dass Unternehmens-RZs fast komplett verschwinden werden und die IT-Rechenlast in die Cloud wandern wird. Stimmen Sie zu?
Hübert: Ich denke, dies ist derzeit noch Zukunftsmusik. Die Cloud hat insbesondere für kleinere Unternehmen enorme Vorteile, da sie keine eigene IT-Abteilung vorhalten und sie sich nicht um Infrastruktur­themen kümmern müssen. Der bestehende Datennetzausbau in Verbindung mit erforderlichen Reaktionszeiten, zum Beispiel für autonomes Fahren, Finanzgeschäfte, Betrieb sensibler Maschinen, Forschungsarbeiten etc., ist aktuell noch eines der größten Hindernisse für eine Entscheidung für die Cloud. Hinzu kommen die fehlende Transparenz der Anbieter und Unwissenheit der Kunden, wie ein Weg in die Cloud oder auch wieder aus ihr heraus aussehen könnte.

LANline: Was sagen konkret Ihre Kunden?
Hübert: Die Meinungen pro und kontra gehen hier sehr weit auseinander. Häufig ist es eine Philosophiefrage oder schlicht persönliche Überzeugung. Oft besteht aber auch gar nicht die Möglichkeit zur Auslagerung in die Cloud.

LANline: Gibt es spezielle Branchenanforderungen oder andere Kriterien für Unternehmen dazu, warum das eigene RZ weiter eine wichtige Rolle spielt?
Hübert: Teilweise haben die Nutzer die Anforderung, ein eigenes Rechenzentrum vorzuhalten. Insbesondere kritische Infrastrukturen sind hier in der Verantwortung, oft auch öffentliche Institutionen. Natürlich beeinflusst häufig auch die deutsche Mentalität die Entscheidung, die Daten im eigenen Haus und der eigenen Verantwortung zu lassen. Vielen Kunden fehlt das Vertrauen, ihre eigene Forschung und Innovation in fremde Obhut zu geben. Aber auch in diesem Punkt hat sich in den letzten Jahren ein entscheidender Imagewandel abgespielt.

LANline: Bemerken Sie diesen Wandel konkret?
Hübert: Natürlich ist aktuell ein enormer Wandel auf dem Markt sichtbar. Viele haben sich inzwischen komplett für Cloud-Lösungen entscheiden, andere wiederum lehnen diese Lösung aus verschiedenen vorgenannten Gründen komplett ab. Auch das Image der Cloud-Lösungen hat sich stark verbessert. Ich schätze, eine hybride Struktur kann sehr sinnvoll sein und hilft unter anderem auch, die gemäß BSI geforderte Georedundanz mit nunmehr 200 Kilometern Abstand von zwei Rechenzentrumsstandorten relativ einfach umzusetzen. Bewegung ist generell ein gutes Zeichen.

LANline: Ein ganz anderes Thema: Viele Experten fordern, dass der Frauenanteil in der IT größer werden sollte. Wie nehmen Sie die Rollenverteilung im RZ-Umfeld wahr?
Hübert: Vorweggenommen, ich bin überhaupt kein Freund von Frauenquoten. Jeder sollte wegen seinen Fähigkeiten, seinen Stärken und Interessen eine Position bekleiden. Daher sehe ich den Ansatzpunkt zur Erzielung eines Wandels in der Information und Begeisterung von Frauen für das Themengebiet, damit sie die spannende IT-Welt für sich entdecken können.

LANline: Wie lief dies bei Ihnen?
Hübert: Ich selbst habe Architektur studiert, was nicht direkt mit Rechenzentrumsbau artverwandt ist. Nach dem Studium war ich zunächst im Wohnungsbau tätig, danach im Industriebau und Brandschutz. Beides hat mich nicht richtig gefordert, wenn nicht sogar gelangweilt. Ich hatte sogar bereits ein weiteres Studium mit völlig anderer Fachrichtung in Betracht gezogen, als ganz zufällig angesprochen und zu einem Vorstellungsgespräch überredet wurde. Zuvor hatte auch vollkommen andere Vorstellungen vom Themengebiet Rechenzentrumsbau, aber die Praxis hat mich sehr schnell überzeugt und begeistert. Es gibt immer Neues zu erleben, durch Neuentwicklungen und Erfahrungsberichte ständig in allen Gewerken dazulernen – ein spannendes Spektrum, das sich ständig weiterentwickelt und neu erfindet. Leider ist der Frauenanteil aktuell in der gesamten IT-Welt immer noch extrem niedrig.

LANline: … an dieser Stelle also kein Wandel?
Hübert: Doch, durchaus! Zumindest in den IT-Abteilungen kann ich inzwischen einen deutlichen Zuwachs des Frauenanteils erkennen, aber bei der Rechenzentrums-Infrastruktur sind Frauen mit tiefergehendem technischem Wissen leider immer noch die Ausnahme. Dabei kann ich persönlich in der männerdominierten Branche durchweg fast nur von sehr positiven Reaktionen berichten. Kunden arbeiten sehr gerne mit mir zusammen und stehen technischen, gewerkeübergreifenden Planungskonzeptionen offen gegenüber. Von Kollegen wurde mir berichtet, dass der generelle Umgang deutlich entspannter und freundlicher ist – bemerkenswert in der sonst hart umkämpften Branche.

LANline: Sie haben also keine schlechten Erfahrungen gemacht?
Hübert: Leider gibt es doch ein paar wenige negative Ausnahmen, über die man mit der Zeit aber einfach hinwegsieht. „Wann kommt denn Ihr Kollege?“ als Frage zur Einleitung eines Termins wird nach einer Stunde Gespräch und einer Tasse Kaffee in der Regel durch „Wann kommen Sie denn wieder?“ widerlegt. Bei einem ersten Kennenlernen wurde mir auch schon einmal gesagt, dass die Frauen dort normalerweise nur die Brötchen und den Kaffee bringen würden und nicht an technischen Projektabwicklungen teilnehmen. Davon darf man sich nicht beeinflussen lassen, schließlich weiß ich sehr genau, wie es um meine persönliche Expertise bestellt ist. Aber dies sind zum Glück nur seltene Ausnahmen. Ich persönlich fühle mich sehr wohl in der Branche und könnte mir nie wieder etwas anderes vorstellen.

LANline: Wie verhält sich die Branche in puncto Ausbildung und Weiterbildung?
Hübert: Die meisten Kollegen im Rechenzentrumsbau kommen aus einer ganz anderen Fachrichtung und sind mehr oder weniger durch Zufall zur Branche gekommen. Ich kann hier aus eigener Erfahrung sprechen, schließlich gibt es keinen Lehrberuf „gewerkeübergreifender Rechenzentrumsbau“. Man muss sich, motiviert durch ein persönliches Eigeninteresse, das meiste selbst beibringen, etwa durch den Besuch von Fortbildungen und Messen, Austausch mit Fachkollegen oder Online-Recherche zu Neuerungen. Bislang standen alle Arbeitgeber sehr offen dem Thema Weiter- und Fortbildung gegenüber. Man muss einfach offen für Neues und lernbereit sein.

LANline: Was ist schwierig, was ist leicht in diesem Umfeld?
Hübert: Schwierig ist es, den ersten Schritt zu wagen. Einfach ist es hingegen, eine Stelle mit Fortbildungsmöglichkeiten zu finden. Da die Branche immer weiter wächst, es aber gleichzeitig viel zu wenige Nachwuchskräfte gibt, stehen hier jedem alle Türen offen – auch Frauen oder insbesondere Frauen. Der Markt steht dem sehr offen gegenüber, jedoch fehlen die Bewerberinnen. Selbstbewusstsein und Charakter sollte man mitbringen, um im Wettbewerb beim Kunden bestehen zu können, ebenso eine Fähigkeit analytischen Denkens und Interesse an Neuem. Ich persönlich fühle mich in der recht kleinen und schnelllebigen Branche sehr wohl, wie auch fast alle anderen, die es einmal ausprobiert haben. Ich kann also nur dazu ermutigen, es auszuprobieren. Ich würde mich freuen, zukünftig nicht immer die einzige Frau zu sein.

LANline: Frau Hübert, herzlichen Dank für das Gespräch!

Dr. Jörg Schröper ist Chefredakteur der LANline.