Deutschlands „digitaler Reifegrad“ ist offenbar weitaus besser, als viele Kritiker vermuten. Die Bundesrepublik erreicht im internationalen Digital Readiness Index unter 118 Ländern Platz 6. Innerhalb Deutschlands zeigen sich dabei regionale Unterschiede. Für den Digital Readiness Index haben Cisco und die Marktforscher von Gartner den digitalen Reifegrad von 118 Ländern international vergleichbar untersucht. Deutschland erreicht 17,68 von insgesamt 25 möglichen Punkten und liegt damit ganz klar in der Spitzengruppe. Nur die USA, die Schweiz, Singapur, die Niederlande und Großbritannien erzielen höhere Werte.

Damit gehört Deutschland zu den 26 Ländern, die sich in der Intensivierungsphase, befinden – der höchstentwickelten Phase der Digitalisierung. 40 Länder mit geringem Reifegrad befinden sich in der Aktivierungsphase. Dies gilt etwa für viele Nationen in Afrika. In die darauf aufbauende Beschleunigungsphase fallen 52 Nationen vor allem aus Osteuropa oder Lateinamerika.

Das ganzheitliche Bewertungsmodell basiert auf sieben Kategorien, für die international standardisierte Daten verfügbar sind. Es betrachtet sowohl Technikaspekte wie die Infrastruktur als auch Maßnahmen zum Bürokratieabbau, die Fachkräfte- und Weiterbildungssituation, Investitionen von Unternehmen und Staat, den allgemeinen Lebensstandard und die wirtschaftlichen Bedingungen für Startups. Die jeweiligen Daten stammen aus renommierten Quellen wie der Weltbank, dem Weltwirtschaftsforum, von Gartner und den Vereinten Nationen. Dies soll die internationale Vergleichbarkeit gewährleisten. Aus der Summe der Kategorienwerte ergibt sich der Index, der zwischen 0 und 25 liegt.

Besonders gut schneidet die Bundesrepublik bei den Lebensstandards (3,89 bei einem Maximalwert von 4) und den allgemeinen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab (3,80 von 4). Bei der Startup-Umgebung und der technischen Infrastruktur erreicht Deutschland die Mitte der Skala. Bei der Infrastruktur zählt die Bundesrepublik damit aber immer noch zur Spitzengruppe, was zeigt, dass die technische Weiterentwicklung alle Nationen noch vor große Aufgaben stellt. Verbesserungspotenzial hat Deutschland insbesondere bei der Nachfrage nach digitalen Produkten und Services sowie bei Investitionen von Politik und Wirtschaft.

Reifegrad der Bundesländer unterscheidet sich

Der Digital Readiness Report betrachtet aber nicht nur die Nationen insgesamt, sondern auch den Reifegrad einzelner Regionen. Die Bundesländer lassen sich dabei in drei Gruppen mit unterschiedlichem Reifegrad einteilen. Vier Bundesländer liegen näher an der unteren Grenze der Internsivierungsphase, acht in der Mitte und vier Bundesländer weisen signifikant höhere Werte auf.

Es handelt sich dabei nicht um reine Nord-Süd- oder Ost-West-Unterschiede: Die vier Bundesländer mit den höchsten Werten sind Baden-Württemberg, Bayern, Berlin und Hamburg. Diese Bundesländer haben gemeinsam, dass sie bei der Bewertung der Kategorie Fachkräfte-Weiterentwicklung überdurchschnittlich gut abschneiden. Die Flächenländer Baden-Württemberg und Bayern punkten zudem bei Lebens- und Wirtschaftsstandards sowie bei Investitionen. Die Stadtstaaten Hamburg und Berlin liegen dafür beim Start-up-Ökosystem vorn.

Der größte Teil der Bundesrepublik fällt in die mittlere Intensivierungsphase. Hier finden sich Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Bremen, Sachsen und Thüringen (in dieser Reihenfolge).

Die vier Bundesländer mit etwas niedrigeren Werten sind das Saarland, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Dies liegt vor allem an schlechteren Werten in den Kategorien Investitionen und Start-up-Umgebung.

Interessant ist der Vergleich mit den Ergebnissen der Cisco-Umfrage „So digital ist Deutschland wirklich“, die untersucht hat, wo die Deutschen Digitalisierung im Alltag erleben und wie sie diese Themen empfinden. Dabei zeigt sich nicht nur, dass Hamburgs hervorragendes Abschneiden bei den Voraussetzungen für Startups zur ausgeprägten Digitalneugier in der Hansestadt passt. Es zeigt sich auch, dass Deutschland besser dasteht, als viele Bundesbürger denken.

Deutschland ist besser aufgestellt, als die Deutschen selbst oft glauben

Platz 6 im internationalen Ranking belege einmal mehr, dass Deutschland weit besser aufgestellt ist, als die Deutschen selbst oft glauben, so Cisco. Denn auf die Frage, wo die Menschen Deutschland bei der Digitalisierung im internationalen Vergleich einordnen würden, sah nur etwa ein Viertel der mehr als 5.000 Befragten Deutschland im stabilen Mittelfeld. Knapp 40 Prozent sahen die Bundesrepublik im unteren Drittel, fast ein Viertel ordnete sie sogar in die Schlussgruppe ein.

„Die Rahmenbedingungen für Digitalisierung in Deutschland sind gut: Ein starker Standort, hervorragend ausgebildete Menschen und exzellent aufgestellte Unternehmen bilden die Basis, um die digitale Zukunft zu gestalten. Wir sehen aber auch: Wir brauchen mehr Mut und mehr Willen zu Innovation. Und es ist klar, dass Deutschland investieren muss. Genau das ist auch unser Ziel mit Deutschland Digital: Digitalprojekte starten, bündeln, vorantreiben und skalieren“, sagt Bernd Bönte, Leiter Deutschland Digital bei Cisco.

Im Rahmen der 2016 gestarteten Initiative investiert das Unternehmen nach eigenen Angaben über mehrere Jahre hinweg 500 Millionen Dollar, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts und vor allem die Lebensqualität für die Bundesbürger zu erhöhen. In den Schwerpunkten Innovation, Sicherheit und Bildung trägt Cisco dazu bei, die Digitalisierung in Deutschland voranzutreiben.

Den Report und eine Infografik finden Interessierte auf www.cisco.de/digitalreadiness-deutschland.

Dr. Jörg Schröper ist Chefredakteur der LANline.