Anders als die französische Konzernmutter Orange zielt deren Business-Tochter Orange Business Services (OBS) ausschließlich auf große Unternehmenskunden: Unter Leitung des Österreichers Helmut Reisinger unterstützt OBS multinationale Unternehmen mit Netzwerk-, IT-Security-, Cloud- und Data-Analytics-Services bei der Digitalisierung. Damit will der Service-Provider sich als Marktführer im „Internet of Enterprise“ positionieren.

LANline: Herr Reisinger, welche Rolle spielt OBS innerhalb der Orange-Gruppe, also der ehemaligen France Telecom?

Helmut Reisinger: Die Orange-Gruppe hat 2017 rund 41 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Im Consumer-Markt ist Orange in 28 Märkten aktiv, vor allem in Europa und Afrika. In Afrika hat Orange rund 130 Millionen Mobilfunk-Endkunden, Orange Money ist in diesen Ländern ein wesentliches Vehikel für Finanzdienstleistungen. In Europa wiederum hat Orange 24 Millionen Haushalte an sein Glasfaser-Netzwerk angeschlossen. Ein Drittel ihres Umsatzes macht die Gruppe im B2B-Markt, davon wiederum rund 50 Prozent mit KMU in Ländern, in denen Orange als Netzbetreiber auftritt, neben Frankreich etwa in Polen, Spanien und der Slowakei. Die restlichen 50 Prozent des B2B-Umsatzes, rund 7,3 Milliarden Euro Umsatz in 2017, stammen aus dem Enterprise-Geschäft von Orange Business Services. Diesen Geschäftsbereich leite ich seit Mai letzten Jahres.

LANline: Wie ist OBS geografisch und personell aufgestellt?

Helmut Reisinger: Wir sind Marktführer in Frankreich und beschäftigen 24.000 Mitarbeiter in über 100 Ländern, davon über 50 Prozent der Mitarbeiter außerhalb Frankreichs. Netzwerke betreibt OBS in rund 200 Ländern. Zum Beispiel haben wir 1.500 Siemens-Standorte weltweit vernetzt, darunter 100 Standorte in China.

LANline: Gilt diese weltweite Abdeckung auch für die Support-Organisation?

Helmut Reisinger: Wir verfolgen den Ansatz „Global vision, local care“. Dazu unterhalten wir mehrere Helpdesk-Center rund um die Welt – natürlich in Frankreich, aber auch in Mauritius, Indien, Brasilien etc. So können wir nach dem „Follow the sun“-Prinzip Support leisten.

LANline: Auf welche Bereiche konzentriert sich OBS?

Helmut Reisinger: Unser Fokus liegt neben den globalen Software-Defined-Netzwerken auf drei Wachstumsgebieten: Cyber Defense, Cloud-Services sowie Digitalisierung, ein Segment, das wir „Data Analytics and Digital“ nennen.

LANline: Der Markt für Security-Services ist hart umkämpft. Wie will sich OBS hier von anderen MSSPs (Managed Security Service Provider) abheben?

Helmut Reisinger: Mit Orange Cyber Defense verfügen wir über 1.300 Experten und bieten Managed-Security-Services bis hin zu IAM as a Service (Identity- und Access-Management). Für die beiden Themen Bedrohungsabwehr und Fast Remediation (schnelle Beseitigung von Angriffen oder Betriebsstörungen, d.Red.) haben wir in den letzten Jahren zwei Anbieter akquiriert. Mit Atheos kam 2014 ein französischer Spezialist für Advanced-Threat-Management an Bord, der ein eigenes epidemiologisches Lab betreibt, um Tausende von Malware-Samples in diversen Konstellationen auf ihr Verhalten zu testen. Mit Lexsi ist ein führender Threat-Intelligence-Anbieter seit 2016 Teil von OBS. International betreiben wir vier Cyber-SOCs (Security Operations Center, d.Red.). Hier konnten wir einen exzellenten Pool an Personalressourcen gewinnen und halten. Laut Forrester sind wir der am besten aufgestellte europäische MSS-Anbieter.

Von seinen Helpdesk-Centern rund um die Welt leistet OBS den Anwendern Support nach dem „Follow the sun“-Prinzip. Bild: Orange Business Services

Von seinen Helpdesk-Centern rund um die Welt leistet OBS den Anwendern Support nach dem „Follow the sun“-Prinzip. Bild: Orange Business Services

LANline: Noch schärfer ist allerdings der Wettbewerb im Cloud-Services-Markt…

Helmut Reisinger: Im Cloud-Segment sind wir nicht der größte Anbieter, aber wir behalten unsere Strategie konsequent bei. Unser Fokus liegt hier auf Multi-Cloud- und Integrations-Services. So betreiben wir zum Beispiel eine Private Cloud für die ESA (European Space Agency), aber auch für eine Reihe von Multinationals.

LANline: Wie sieht Ihre Expansionsstrategie im Cloud-Markt aus?

Helmut Reisinger: Im Sommer 2018 haben wir den norwegischen Cloud-Anbieter BaseFarm akquiriert, einerseits mit Blick auf die geografische Erweiterung, andererseits ergänzt BaseFarms Plattform für das Hybrid-Cloud-Management mit AWS-Integration unser Cloud-Portfolio sehr gut. Mit BaseFarm haben wir zugleich auch deren deutsche Tochter The unbelievable Machine Company übernommen. Orange Cloud for Business kann damit heute ein umfassendes Cloud- und Integrationsportfolio bieten. Zudem besteht hohe Expertise zu Data Analytics – dies beherrscht The unbelievable Machine Company sehr gut, zum Beispiel wenn es darum geht, ein Hadoop-Cluster für Connected Cars darstellen zu können.

LANline: Das führt uns zum dritten Thema, der Digitalisierung von Geschäftsprozessen. Hier hat OBS Ende 2017 das Unternehmen Business & Decision übernommen. Was war der Hintergrund dieser Akquisition?

Helmut Reisinger: Mit Business & Decision haben wir unser Segment „Data Analytics and Digital“ um 2.400 Datenexperten verstärkt, darunter 160 Data Scientists. Diese große Zahl ist wichtig, weil man in diesem Markt Experten mit tiefem Fachwissen zur jeweiligen Branche benötigt. Denn bei den Datenanalysen geht es mal darum herauszufinden, warum eine Fischfangflotte in Wladiwostok einen extrem volatilen Treibstoffverbrauch hat, mal will man das Geschäftspotenzial eines Standorts für eine Restaurantkette ermitteln. Wir können hier – national wie auch global – die gesamte „Data Journey“ abdecken, also um alles von der Datensammlung über den Transport, die Speicherung und die Analyse der Daten bis hin zur Ermittlung des konkreten Geschäftsnutzens.

LANline: Hier geht es mitunter um Dinge, die sehr nah am Kerngeschäft des jeweiligen Unternehmens liegen. Wieso lagern Unternehmen derart Geschäftskritisches an externe Dienstleister aus?

Helmut Reisinger: Ein Grund für das Outsourcing kann ein Skill-Delta sein, zum Beispiel wenn eine Bank ihre Kernapplikationen im Hause betreibt, für neue Services aber auf die Cloud umsteigen will. Ein anderer Grund kann in der Time-to-Market liegen, etwa wenn ein Rohstoffunternehmen mittels Big-Data-Algorithmen den kommenden Verbrauch besser vorhersagen will, um seinen Einkauf zu verbessern. Die Nachfrage ist stets durch konkrete Projekte getrieben, wir liefern dann maßgeschneiderte Antworten auf der Basis unserer Datenmodelle und Managed Services.

LANline: Bei Orange kennt man beide Seiten: Wie unterscheidet sich die Digitalisierung der Consumer-Welt von der im B2B-Bereich?

Helmut Reisinger: Der Hauptunterschied: Im Consumer-Markt geht es um Emotion Sharing, in der Geschäftswelt um Knowledge Sharing. Außerdem ist der Consumer-Bereich „mobile-driven“ (vom Mobilfunk geprägt, d.Red.) – hier spielt Orange gut mit – und B2B vor allem vom „ecosystem-driven“ (von Ökosystemen geprägt, d.Red.). Für die Datenermittlung der Fischereiflotte in Wladiwostok zum Beispiel bauen wir die Sensoren natürlich nicht selbst, diese liefert uns ein Partner zu.

LANline: Wie will sich OBS in dieser Ökosystemwelt differenzieren, und welche Ziele verfolgen sie dabei?

Helmut Reisinger: Wir vereinen die Verlässlichkeit eines Carriers mit IT- und Integrationsdienstleistungen bis hin zu Data-Analytics-Services. Unser Ziel ist es, der Marktführer im „Internet of Enterprise“ zu werden. Wir werden dazu unser Wachstum in den drei genannten Kernbereichen Defense, Cloud und Analytics weiter forcieren. Wir haben bereits 2013 begonnen, uns auf die digitale Transformation zu konzentrieren, mittlerweile haben wir unser Portfolio angepasst und offerieren Digital Inside Solutions ebenso wie ein Outside Solutions Enablement. Künftig werden wir immer stärker in einzelne Lösungsgruppen hineingehen, etwa bei Connected Cars. Dazu haben wir – auch in Deutschland – bereits Ankerpunkte geschaffen, mit der Akquisition von BaseFarm ebenso wie zum Beispiel mit einem Competency Center in Bratislava mit 350 Mitarbeitern.

LANline: Herr Reisinger, vielen Dank für das Gespräch.

Dr. Wilhelm Greiner ist freier Mitarbeiter der LANline.