Spätestens mit dem Internet of Things (IoT) entstehen große Datenmengen auch außerhalb des Rechenzentrums. Oft ist es nicht sinnvoll oder in der gebotenen Antwortzeit möglich, alles an einen zentralen Verarbeitungsort zu senden. Der Aufbau von Edge-Rechenzentren löst das Problem nur zu einem kleinen Teil, denn viele Anwendungen lassen sich schlicht an keinem Ort festmachen. Also muss das Rechenzentrum dynamisch immer dorthin, wo die Daten tatsächlich entstehen. Das war eine der Kernbotschaften auf der Cisco Live Europe 2019, die dieses Jahr in Barcelona stattfand. Dort präsentierte der Netzwerkriese unter anderem auch Pläne und Lösungen, mit denen sich diese Problematik mit Hilfe der Cloud lösen lässt.

Noch ist das „allgegenwärtige“ Rechenzentrum aus der Cloud eine Vision — doch schon ab dem zweiten Quartal 2019 soll es zunächst bei Amazon (AWS), dann bei Microsoft (Azure) und im Laufe des Jahres auch bei Google und weiteren Public-Cloud-Anbietern für jedermann verfügbar sein. Mit der Anbindung an ein übergreifendes, konsistentes Cloud-Management sollen sich Performance und Sicherheit der Cloud-Rechenzentren genauso steuern lassen, wie im eigenen Rechenzentrum.

Die technische Grundlage für das Rechenzentrum aus der Cloud bildet eine Reihe von Neuerungen in der Netzwerkarchitektur von Cisco, die das Unternehmen nun in Barcelona vorgestellt hat. Den Kern bildet eine neue Cloud-Version der Application-Centric Infrastructure (ACI) des Netzwerkausrüsters, mit der sich AWS und Microsoft Azure nahtlos an eine bestehende ACI-Umgebung anbinden lassen sollen. Mit dem ACI Multisite Orchestrator und Cloud ACI Controller erfährt ACI hier zwei wesentliche Erweiterungen. Aufgabe des ACI-Controllers ist die Übersetzung der ACI-Regeln für die jeweilige Ziel-Cloud. Hier dürfte in der Praxis eine große Herausforderung liegen, denn jeder Cloud-Anbieter folgt seinem eigenen Regelwerk und nicht immer lassen sich Regeln eins zu eins übersetzen.

In der Cisco-Rechenzentrumsarchitektur bilden Security, Multi-Cloud und Automation grundlegende Funktionen über alle Ebenen hinweg. Die Neuheiten für das Rechenzentrum aus der Cloud betreffen CloudCenter, ACI und HyperFlex. Bild: Cisco

Cisco will dieses Problem aber gelöst haben — wichtige Voraussetzung für die Funktion von ACI-Erweiterung Nummer zwei, dem ACI Multisite Orchestrator. Dieser behandelt die Public-Cloud-Region als eine normale ACI-Site und verwaltet sie auf die gleiche Weise wie eine ACI im eigenen Rechenzentrum. So sollen sich nun automatisierte, sichere und redundante Netzwerkverbindungen über Multi-Cloud und Multi-Site hinweg realisieren lassen. Zudem bietet das Konstrukt laut Cisco einheitliche Richtlinien zur Segmentierung von Anwendungen in der Multi-Cloud und an mehreren Standorten.

Auch bei der virtuellen ACI-Version (Virtual ACI) hat Cisco nachgelegt: Als reine Software-Version erlaubt sie, ACI-Netzwerke vor Ort auf entfernte Standorte, Bare-Metal-Clouds, Co-Location-Anbieter und Brownfield-Umgebungen zu erweitern. „Unternehmen sollten Anwendungen auf Basis ihrer Bedürfnisse bereitstellen können, und dabei nicht von ihren Technologien eingeschränkt werden“, sagte Roland Acra, Senior Vice President und General Manager, Data Center Business Group bei Cisco. „Sie möchten Daten über viele Plattformen hinweg verwalten, von On-Premises bis zur Cloud. Nun helfen wir unseren Kunden, ihre Reichweite in jede Cloud, jedes Rechenzentrum und jede Niederlassung zu vergrößern.“

Hyperkonvergente Infrastrukturen (HCI) am Edge

Eine weitere Hauptkomponente in Ciscos Szenario des allgegenwärtigen Rechenzentrums ist HyperFlex 4.0 beziehungsweise „HyperFlex Anywhere“. Hier geht es im Wesentlichen darum, den bisher oft sehr aufwändigen Prozess der Installation und Einrichtung von Servern und Speichern in Außenstellen zu vereinfachen und zu beschleunigen. Die HyperFlex-Edge-Knoten werden direkt von der Zentrale an die Edge-Standorte verteilt, zusammen mit den Konnektoren für Cisco Intersight in der Cloud. Die Inbetriebnahme erfolgt automatisch und berührungslos. „HyperFlex Anywhere“ soll es Cisco-Kunden ermöglichen, die Einfachheit der Hyperkonvergenz vom Kern bis zum Rand ihrer Netzwerke zu erweitern und eine Vielzahl von Workloads und Anwendungsfälle zu bewältigen“, erläuterte Kaustubh Das, Vice President, Strategy and Product Development, Storage Computing Systems Product Group bei Cisco. „Unser neues HyperFlex-4.0-Release und unsere Intersight-Innovationen wurden entwickelt, um die speziellen Anforderungen für den Einsatz hyperkonvergenter Infrastrukturen in Edge- und entfernten Büro-Umgebungen zu erfüllen, auf globaler Ebene und mit überlegener Leistung.“

Auf Verwaltungsebene wird der neue Ansatz des Rechenzentrums aus der Cloud durch Erweiterungen der CloudCenter Suite gestützt. Diese umfasst nun neue Tools für das Application-Lifecycle-Management, Workflow-Automatisierung, Kostenoptimierung und Governance. Die Kostenoptimierung beispielsweise läuft über eine Netzwerksimulation, an Hand derer sich genau ablesen lassen soll, wie sich welche Änderungen am Netzwerk kostentechnisch auswirken. Die Nutzung der CloudCenter Suite hat Cisco durch gestaffelte Preise und ein neues SaaS-Angebot vereinfacht.

Für Vereinfachung beim Kauf von Rechenzentrumstechnologien soll ein neues Enterprise Agreement von Cisco sorgen. So gibt es jetzt einen standardisierten drei- oder fünfjährigen Lizenzvertrag für sieben Suiten, darunter ACI, HyperFlex, Intersight und Tetration. Neu ist auch die Lizenzportabilität über physische, virtuelle oder Cloud-basierte Installationen hinweg.

Die Neuerungen, die Cisco in Barcelona gezeigt hat, gestalten sich im Detail sehr komplex und sicher nicht einfach verständlich. Für die strategische Einordnung sorgte David Goeckeler(siehe Bild oben), Executive Vice President und General Manager für das Cisco Networking und Security Business: „Digitalisierung und das Internet of Things sorgen für eine gewaltige Verschiebung der Anwendungslasten — traditionelle Netzwerke sind dafür einfach nicht gebaut. Seit 18 Monaten erfindet Cisco daher das Netzwerk völlig neu, und was wir hier und heute vorstellen, ist ein großer Meilenstein auf unserem Weg dorthin“.

Stefan Mutschler.