Compliance- und Performance-Anforderungen verlangen oft nach dedizierten Servern – und das, obwohl das Konzept eigener Hardware für bestimmte Zwecke wie aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Ein neues Konzept namens „Virtual Locations“ soll hier die Brücke zur Cloud schlagen.

Dedizierte Server und die Cloud müssen sich nicht zwangsläufig ausschließen. Die scheinbar so gegensätzlichen Welten lassen sich unter dem Begriff Virtual Locations kombinieren. In einem solchen Konzept ist der Server virtuell, sodass er sich aus der Sicht der Nutzer nicht von gewöhnlichen Cloud-Servern unterscheidet und sich auf dieselbe Weise anfordern, konfigurieren und bedienen lässt. Dediziert bleibt der Server aber, weil sich hinter der Softwareschicht tatsächlich eine einzelne Maschine mit vorher spezifizierten Parametern verbirgt. Das Konzept der Virtual Locations ist also ein Kompromiss aus virtuell und dediziert: Es verbindet „Look and Feel“ virtueller Infrastrukturen mit dedizierter Hardware.

Sind dedizierte Server in Cloud-Infrastrukturen zu integrieren, treten Hürden auf, die den IT-Teams einiges abverlangen. Für Anbieter von Cloud-Services ist es deshalb eine naheliegende Idee, Angebote zusammenzustellen, die das Beste aus beiden Welten kombinieren und die Schwierigkeiten von Standard-Infrastrukturlösungen umgehen. Möglich ist das, wenn die virtuelle Infrastruktur auf mehrere Rechenzentren und dort auf ausreichende Hardware-ressourcen verteilt ist. Dies lässt 100 Prozent Verfügbarkeit zur Wirklichkeit werden und vermeidet die Nachteile eines geringeren Service-Levels. Virtual Locations bieten eine direkte Verknüpfung zwischen dem vom Nutzer gebuchten Server und den darunter liegenden Hardwareressourcen.

Dabei ordnet man dem virtuellen Gerät ein entsprechend großes physisches Gerät zu. Diese Ressourcen lassen sich über eine einfache Benutzeroberfläche des Infrastrukturanbieters parallel zu den herkömmlichen virtuellen Servern buchen und arbeiten nahtlos mit ihnen zusammen. Sie stehen auf der bekannten Benutzeroberfläche mit denselben Automatisierungsfunktionen wie ein herkömmlicher virtueller Server bereit. Lediglich bei der Buchung kann es Unterschiede geben – beispielsweise durch eine tagesgenaue statt einer minutengenauen Abrechnung.

Hybridlösund aus Cloud und dediziertem Server

Dass etwas technisch möglich ist, bedeutet jedoch noch nicht zwangsläufig, dass es auch in der Praxis sinnvoll ist. Gibt es also tatsächlich Bedarf an einer solchen Hybridlösung, die ein dediziertes Server-Setup mit Cloud-Services in Verbindung bringt? Allerdings. Denn schon allein die hoch regulierten Branchen sind unter anderem aufgrund der heiklen Daten, mit denen sie hantieren, oftmals gezwungen, für einzelne Workloads eigene Server zu nutzen, gleichzeitig aber möglich effizient und kostensparend zu arbeiten. Zudem sind hier häufig zeitkritische Aufgaben mit hoher Priorität zu erledigen.

Virtuelle Locations haben gegenüber den typischen virtuellen Servern einige Vorteile, die sie für Unternehmen mit speziellen Anforderungen an Datenhoheit und Compliance attraktiv machen: Sämtliche Ressourcen (CPUs, RAM, Storage) sind lediglich einem speziellen Anwenderunternehmen zugeordnet. Dieses muss sie nicht erst hochfahren und zuordnen, sondern sie stehen jederzeit bereit. Compliance-Anforderungen sind dadurch abgedeckt. Zugeordnete Ressourcen erfüllen unter Umständen Aufgaben, die ein virtueller Server nicht beherrscht, zum Beispiel „Number Crunching“ mit der dafür notwendigen sehr hohen Rechenleistung.

Virtual Locations mit High-Performance-Servern können so die Verarbeitung rechenintensiver Aufgaben erheblich beschleunigen. Ebenfalls wichtig: Den „Noisy Neighbor“-Effekt im Cloud Computing (eine datenhungrige Applikation blockiert Ressourcen für andere Apps) bewältigen auch die aktuellen Hypervisoren der Provider nicht vollständig. Ein System von Virtual Locations hingegen ist davor gefeit: Es nutzt die gesamte Rechenleistung und ist somit nicht durch hohe Auslastung geteilter Ressourcen gestört. Virtual Locations und virtuelle Server arbeiten zudem problemlos in einer Infrastruktur zusammen. Ausfallsicherheit lässt sich in diesem Szenario durch die Erweiterung der Virtual Location auf mehrere physische Server erreichen.

Als Cloud-Adaption eines klassischen Root-Servers können Virtual Locations für die Nutzer im Vergleich zu einem virtuellen Server auch bestimmte Nachteile mit sich bringen. Ein bedenkenswerter Aspekt sind die Kosten: Durch die reservierte Hardware entstehen im Vergleich zu virtuellen Servern höhere Stückkosten sowie höhere Gesamtbetriebskosten (Total Cost of Ownership, TCO), da es keine minutengenaue Abrechnung gibt. Zudem müssen die Nutzer auf den schnellen Start des Servers verzichten. Lediglich herkömmliche virtuelle Server lassen sich sofort starten, ansonsten ist mit einer gewissen Wartezeit zu rechnen.

Henrik Hasenkamp ist CEO von Gridscale, www.gridscale.io.