Laut Multi-Cloud-Consultants entscheidet sich das Gros deutscher Cloud-Interessenten nicht für die Microsoft Cloud Deutschland, sondern für Microsofts weltweit verfügbares Standard-Cloud-Angebot Azure. Diese Wahrnehmung wird unterfüttert durch Pressemeldungen wie zum Beispiel im Handelsblatt („Zu limitiert und teuer – keiner will in die deutsche Cloud“) oder Microsofts Ankündigung vom März, eigene deutsche Rechenzentren in der weltweiten Microsoft Cloud anzubieten.

2016 hatte Microsoft zusammen mit T-Systems als RZ-Betreiber und Datentreuhänder sein Azure-Deutschland-Angebot aus der Taufe gehoben. Die offenbar bestehende zögerliche Akzeptanz dieses Angebots dürfte im Wesentlichen an drei Faktoren liegen: an der Aktualität und dem Umfang der Office-365-Applikationen, dem Compliance-Umfang der globalen Microsoft Cloud und nicht zuletzt dem Preis.

Verfügbarkeit von Applikationen

In der Microsoft Cloud Deutschland gibt es eine Reihe von Applikationen, die entweder nicht verfügbar sind (zum Beispiel Teams) oder in der Versionierung zurückliegen. Dazu zählen unter anderem:

  • Microsoft Teams und Yammer,
  • Outlook for iOS und Android,
  • PSTN Calling und Conferencing, etwa für Skype for Business,
  • Azure Information Protection,
  • Advanced Security Management,
  • Information Rights Management,
  • Cloud PBX, Delve-Profile sowie
  • StaffHub und Sway.

Was bedeuten diese fehlenden Applikationen für eine Entscheidungsfindung? Microsoft Teams (Unternehmens-Chat und Web-Conferencing à la Slack) löst in den nächsten Jahren Skype for Business ab. Skype for Business ist mehr oder weniger abgekündigt und damit ein Pferd, auf das man nicht mehr setzen möchte. Teams und Yammer (Social Networking im Unternehmen, unter anderem mit Integration in Office 365, OneNote und SharePoint) werden mit hoher Wahrscheinlichkeit keinen Einzug in die Microsoft Cloud Deutschland erhalten. Dvelve, Yammer und Co. sind Dienste mit einer tiefen Integrationsmöglichkeit in SharePoint. Wer also auf Innovation und Integration von SharePoint in Office 365 im modernen Gewand Wert legt, findet diese nicht in der Microsoft Cloud Deutschland. Wer wiederum gerne Skype for Business die nächsten Jahre weiter verwenden möchte, findet in der Microsoft Cloud Deutschland keine klassischen Telefon-Einwahlfunktionen (PSTN Calling und Conferencing) vor. Wer mit mobilen Endgeräten auf iOS und Android den Microsoft Outlook Client benutzen will, bleibt ebenfalls auf der Strecke.

Nicht verfügbare Office-Komponenten in der Office 365 Microsoft Cloud Deutschland. Bild: Oliver Klünter

Zudem gibt es weitere Faktoren, die bei der Entscheidung gegen Microsofts Deutschland-Angebot eine wichtige Rolle spielen können. So stehen in der globalen Microsoft Cloud neben Deutsch und Englisch 17 Sprachen über alle Zeitzonen zur Verfügung – relevant bei international agierenden IT-Abteilungen. Bei der Zusammenarbeit und der Freigabe von Dokumenten mit externen Partnern ist zudem Teamarbeit aus der Microsoft Cloud Deutschland mit Teilnehmern aus der globalen Microsoft Cloud derzeit nicht möglich.

Insgesamt beeinflusst der geringere Umfang und das Gefühl, die Microsoft Cloud Deutschland sei nicht komplett, die Entscheidungsfindung der Unternehmen offenbar zugunsten der globalen Microsoft Cloud. Auf seiner Web Page „Weitere Informationen zu Office 365 Deutschland“ künfigt Microsoft eine Vielzahl der oben fehlenden Anwendungen als „in Kürze verfügbar“ an. Es bleibt abzuwarten, wann diese Neuerungen tatsächlich zur Verfügung stehen.

Microsoft hat sehr früh das Thema „Datenschutz und Datensicherheit“ in seine Cloud-Referenzarchitektur eingeführt: Der Konzern aus Redmond bietet den größten Umfang an Compliance-Informationen und -Zertifizierungen gegenüber allen Hyperscaler-Mitbewerbern im Markt. Das schließt die Einhaltung von Normen wie ISO 27001/27018, FedRAM, FERPA, HIPAA/HITECH und SOC Typ 1/2 mit ein.

Für den Zugang zu diesen Informationen sind im Bereich „Office 365 Security und Compliance Center“ umfangreiche technische und organisatorische Kontrollmöglichkeiten vorhanden. Dem Compliance-Verantwortlichen im Unternehmen stehen in Echtzeit umfangreiche Ad-hoc-Informationen und Reports im entsprechenden Portal von Microsoft zur Verfügung. Dazu zählen:

  • granulare (geografische) Darstellung von Verstößen gegen Unternehmens-richtlinien,
  • E-Mail-Volumen und geblockte Nachrichten mit Auflistung der Malware-Typen,
  • Sicherheitszustand der eingesetzten Endgeräte sowie
  • optionale Darstellungen und Reports bezogen auf den Benutzer.

Mit der globalen Cloud positioniert sich Microsoft als seriöses und nachhaltiges Unternehmen im Bereich Datenschutz, Betriebsprozesse und Einhaltung von Compliance-Richtlinien. Den bisherigen Erfolg unterstreicht Microsoft mit einer Vielzahl an Referenzen aus dem Finanzbereich. Damit entfällt ein Teil der Vorteile, mit denen eine deutschlandspezifische Cloud eigentlich punkten kann.

Office 365 Security and Compliance Center bietet umfangreiche Kontrollmöglichkeiten zu Sicherheits- und Compliance-Fragen. Bild: Microsoft

Die Preise für die Abonnements in der Microsoft Cloud Deutschland liegen im Schnitt 25 Prozent höher als bei der globalen Microsoft Cloud. Ein Beispiel für 1.000 Benutzer bei einem „Office 365 E3“-Plan: Bei der Microsoft Cloud Deutschland kostet diese Variante 1.000 × 24,60 Euro, somit 24.600 Euro pro Monat. In Microsofts globaler Cloud ist dieses Angebot hingegen schon für 19.700 Euro pro Monat zu haben. Die deutsche Cloud ist damit über drei Jahre gerechnet 176.400 Euro teurer. Das gibt in den Unternehmen Anlass zur Diskussion, ob dieser Mehrpreis gegenüber dem vermeintlichen Risiko sein Geld wert ist.

Diese genannten Punkte führen derzeit bei den meisten Untrenehmen zu einer Entscheidung für die weltweite Microsoft Cloud. Da hilft auch der Umstand nicht, dass die Kunden in der Microsoft Deutschland Cloud über den Treuhänder Deutsche Telekom beziehungsweise T-Systems International sicher sein können, dass die Unternehmensdaten vor einem eventuellen Zugriff durch amerikanische Behörden geschützt sind. Die Vorteile bei der Nutzung aller Office-365-Applikationen sowie die hohen Compliance-Standards und der deutlich attraktivere Preis der globalen Microsoft Cloud gewinnen bisher fast immer gegenüber dem Unternehmensrisiko. Ob sich die Entscheidungsfindung mit der Verfügbarkeit der fehlenden Office-365-Applikationen und -Funktionen in der Microsoft Cloud Deutschland grundlegend ändern wird, muss sich erst noch zeigen.