Einerseits lässt sich die strukturierte Verkabelung sowohl für Kupfer als auch für Glasfaser und Coax im Hinblick auf ihre Übertragungseigenschaften wie etwa ihre maximale Bandbreite unterteilen. Andererseits gilt dies auch in Bezug auf den Einsatzort und Umgebungsbedingungen. In der Vergangenheit fiel die Auswahl der richtigen Komponenten oft schwer, da es keine allgemein gültige Klassifizierung der Umgebungsbedingungen gab. Hilfe bieten heute in vielen Fällen die MICE-Klassen.

Mit der Einführung der MICE-Klassen (Mechanical, Ingress, Climatic, Electromagnetic) haben Cenelec- und ISO-Normen ein System etabliert, das es dem Anwender ermöglicht, leichter geeignete Produkte für den jeweiligen Anwendungsbereich auszuwählen. Die ersten Formen der MICE-Klassifizierung erschien bereits 2007 in Form des Technical Reports TR29106:2007 und des zugehörigen Amendements 1 von 2012. Mit den neuen Ausgaben der ISO/IEC 11801 Serie Ende 2017 und der EN 50173 Serie im Jahr 2018 sind die MICE-Parameter nun in den internationalen Normen spezifiziert.

MICE (in Anlehnung an „CATs“ für die Kategorien) steht für vier grundlegend wichtige Charakteristika der Verkabelung. Jedem der vier Buchstaben ist ein Index zugeordnet, der die Stufe der jeweiligen Eigenschaft spezifiziert. Eine vollständige MICE-Klassifizierung sieht beispielsweise so aus: M2I2C1E3.

Tabelle 1. Überblick über MICE-Klassen.

Mechanical: Mechanische Eigenschaften. Mit „M“ können Anwender spezifizieren, welche mechanischen Anforderungen ein Produkt erfüllen soll. Aus Sicht der mechanischen Stabilität ist es ein großer Unterschied, ob ein Verkabelung in einer Büroumgebung fest in der Wand installiert ist oder frei in einer Werkshalle liegt. Zu den mechanischen Eigenschaften gehören Schock, Vibration, Torsionsfestigkeit und Schlagfestigkeit.

Ingress: Eigenschaften zum Schutz vor Eindringen von Gegenständen oder Feuchtigkeit. Mit „I“ kann der Nutzer spezifizieren, wie dicht die Verkabelung sein soll. Wird zum Beispiel eine Verkabelung einer Überwachungskamera im Außenbereich installiert, sollte diese inklusive aller Steckverbindungen wasserdicht sein. Üblicherweise ist diese Eigenschaft auch als IP-Schutzklasse (DIN EN 60529) angegeben. Ingress wird zum einen an der Größe von Gegenständen gemessen und zum anderen an der Widerstandsfähigkeit gegen Wasser.

Climatic: Klimatische und chemische Eigenschaften. „C“ gibt an, wie beständig ein Produkt gegen jegliche klimatischen Einflüsse wie Temperatur und Sonneneinstrahlung ist und welchen chemischen Einflüssen durch Stoffe wie Säuren und Öle es widersteht. Es ist dabei etwa wichtig, ob eine Verkabelung geschützt in einem Bürogebäude liegt oder im Außenbereich einer Ölbohrinsel zum Einsatz kommt. Klimatische Einflüsse sind im Detail Temperatur, Feuchtigkeit, Sonneneinstrahlung, Öle, Seifen, Salze, Schwefel-, Chlor- und Wasserstoff-Verbindungen, Ammoniak, Ozon und Stickoxyde.

Electromagnetic: Elektromagnetische Eigenschaften. „E“ gibt die Störfestigkeit gegen jegliche elektromagnetische Strahlung an. Jedes elektrische Kabel und jedes Gerät ist ein potenzieller Störsender elektromagnetischer Strahlung. Je näher strukturierte Verkabelungen an diesen Störern liegen, umso besser sollte die Verkabelung gegen diese geschützt sein. Elektrische Einflüsse im Detail sind elektrostatische Entladung über Luft und Kontakt, Hochfrequenz-Strahlung über Luft und Material sowie Festigkeit gegenüber einem elektrischen Schlag.

Den Grad der Schutzklasse gibt eine Indexzahl an, wobei vereinfacht gilt:

1: keine bis niedrige Anforderungen,

2: mittlere Anforderungen und

3: hohe Anforderungen.

Mischung von MICE-Klassen

Hinter jeder einzelnen Klasse steht eine Reihe von detaillierten Spezifikationen, deren Darstellung den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. An dieser Stelle sei lediglich auf die genannten Normen für weitere Details verwiesen. Typischerweise reicht für eine normale Büroverkabelung im Gebäude ohne besondere Umgebungsansprüche M1I1C1E1 aus. An einer Rohrschweißstraße wäre dagegen eher eine M3I3C3E3-Verkabelung geeignet.

Kann man zum Beispiel M1I1C1E1- und M2I3C2E3-Produkte mischen? Die Antwort lautet: Es kommt auf die Anwendung an! Es ergeben zwar nicht alle Kombinationen Sinn. Mischungen kommen aber durchaus vor und können unter bestimmten Bedingungen dazu dienen, Kosten zu sparen. Ist etwa eine Produktionsstraße an ein Rechenzentrum angeschlossen, ergibt es keinen Sinn, die komplette Verkabelung in einer hohen MICE-Klassifizierung auszuführen, nur um den Anforderungen der Produktionsstraße zu genügen. Es reicht in diesem Beispiel aus, die Verkabelung im Rechenzentrum in einer niedrigen MICE-Klasse und lediglich den Teil der Verkabelung, der durch die Fertigung führt, in einer hohen Klasse auszuführen. Gegebenenfalls lässt sich die Installation auf dem Weg durch die Fertigung nochmal splitten und erst direkt am Schweißroboter in einer hohen MICE-Klasse realisieren.

Wer definiert jedoch, welche MICE-Klasse genau zu verwenden ist? Grundsätzlich sollte derjenige, der eine Verkabelung plant, sich auch mit den Umgebungsbedingungen für diese Verkabelung auseinandersetzen, da diese Bedingungen unter Umständen sehr großen Einfluss auf die Störanfälligkeit und Lebenszeit der Verkabelung haben. Fällt die Verkabelung aus, hat dies oft einen lawinenartigen Effekt, da dann die angeschlossene IT oder die Fertigung stillsteht. Die MICE-Klassifizierung hilft dabei, eine äußerst detaillierte Liste an Spezifikationen in eine einfache und unmissverständliche Kennung zu übersetzen, also etwa M1I1C1E1. Mit der Einführung der dritten Ausgabe der ISO 11801 und der EN-50173-Serie entsteht dazu eine gute Grundlage, um die MICE-Klassen im Feld einzusetzen.

Norm oder Gesetz?

Die MICE-Klassen sind lediglich normativ definiert, also kein Gesetz oder Bauvorschrift wie etwa die Brandschutzklassen. Sind die MICE-Klassen allerdings in einer Leistungsbeschreibung definiert und damit Teil eines Auftrags, werden sie bindender Vertragsbestandteil.

Für Planer und Errichter von Anlagen gilt: Für die Abnahmemessung der Verkabelung mit einem Zertifizierer haben die MICE-Klassen keine direkten Auswirkungen. Die Abnahmemessung muss folglich wie gewohnt separat nach einer der Leistungsklassen der einschlägigen Verkabelungsnormen wie etwa der EN 50173 Klasse EA spezifiziert sein. Errichter und Installateure der Anlage sollten jedoch dennoch darauf achten, ob MICE-Klassen in einem Auftrag spezifiziert sind. Sind diese definiert, müssen sie auch eingehalten werden.

Dabei ist speziell darauf zu achten, dass alle Klassen erreicht werden. Ist etwa an einer Stelle ein M2I3C2E1-Produkt definiert und das gelieferte Produkte entspricht M2I2C2E2, dann ist die Spezifikation nicht erfüllt, da die Anforderungen für Ingress-Klasse 3 nicht erfüllt sind. Dann hilft es auch nicht, dass das Produkt ansonsten besser als gefordert ist (E2 anstatt E1). Speziell ist auch auf eine Mischung von MICE-Klassen zu achten. Fällt die Anlage im Beispiel aus, weil eine Steckverbindung nicht dicht genug war, so haftet der Errichter, da ein ungenügendes Produkt installiert ist.

Fazit

Die Einhaltung der MICE-Klassen sieht auf den ersten Blick kompliziert aus, ist jedoch allemal einfacher als eine lange Liste von Einzelspezifikationen oder die Prüfung jedes Datenblatts jedes Verkabelungsprodukts auf alle Spezifikationen. In Zeiten des IoTs (Internet of Things) wachsen IT-Verkabelungen aus der gewöhnlichen Büroumgebung heraus und umfassen immer öfter Verkabelungen zu Geräten im Außenbereich oder in Fertigungsanlagen. In der normalen Büroumgebung reicht zwar in der Regel M1I1C1E1 aus, ist also oft gar nicht erst spezifiziert. Wegen des erweiterten Verwendungsspektrums ist jedoch damit zu rechnen, dass die Errichter von Anlagen in Zukunft mehr mit MICE in Verbindung kommen werden.

Konstantin Hüdepohl ist Product Manager bei Softing IT Networks, www.softing.com.