Den europäischen Ableger seiner Hausmesse Nxtwork nutzte Juniper Networks vor allem zur Rekapitulation seiner wichtigsten strategischen Schritte 2018. Wichtigste Botschaften waren die Stellung Junipers als „Ingenieure der Einfachheit“ und „Verteidiger der Offenheit“ – vor allem im Szenario von Multi-Clouds, die für Juniper als alternativloses IT-Bereitstellungsmodell zukunftsfähiger Unternehmen gelten. Einzige News auf dem Londoner Event: die enge Zusammenarbeit mit dem Hyperkonvergenzspezialisten Nutanix.

Bei keinem Unternehmen der Welt geht es immer nur gerade nach oben. Im Fall von Juniper Networks allerdings mag selbst manch hartgesottenem Analysten schwindlig werden: Das unglückliche Händchen zieht sich durch die gesamte Unternehmensgeschichte – angefangen bei den Firmenübernahmen über strategische Schlüsseltechnologien bis hin zum CEO. Nur einige Beispiele: die Übernahme von NetScreen (Intrusion Detection) 2005 sollte das bei Juniper als entscheidende Querschnittstechnologie identifizierte Thema Security auf ein neues Level heben. Fast zehn Jahre später entdeckte man Backdoors in der NetScreen-Software. Juniper zog die Notbremse und stellte Weiterentwicklung und Verkauf der NetScreen-Produkte sofort ein.

Der Kauf von Trapeze Networks 2010 sollte Juniper in Sachen Controller-gesteuerter WLANs nach vorne bringen. Die Trapeze-Technologie erwies sich jedoch als wenig richtungsweisend, auch hier wurde der Verkauf einige Jahre später (2016) eingestellt.

Eine der schlimmsten strategischen Fehlentscheidungen bei Juniper war sicher die Missachtung der Bedeutung von 100G-Switches. Immerhin: Bei 400G-Switches hat das Unternehmen inzwischen den Faden wieder aufgenommen und spielt hier nun wieder ganz vorne mit.

„Mit Nutanix Prism und Contrail Enterprise Multi-Cloud sind Unternehmen in der Lage, in verschiedenen lokalen und öffentlichen Cloud-Umgebungen als ein einziger, kohärenter Pool von Ressourcen zu agieren“, so Raja Mukhopadhyay, VP Product Management bei Nutanix (rechts im Bild neben Juniper-CTO Koley). Bild: Stefan Mutschler

Mit Shaygan Kheradpir trat 2014 ein CEO bei Juniper an, dessen Geschäftsgebaren sich schon bald als sehr rufschädigend für Juniper erweisen würde. Zunächst deutete mit diversen Rationalisierungs- und Sparmaßnahmen alles auf Performance-Steigerung hin. Doch schon im November 2014 musste Kheradpir unerwartet seinen Hut nehmen, nachdem Junipers Aufsichtsrat eine Überprüfung seines Verhaltens in Verhandlungen mit einem unbenannten Kunden durchgeführt hatte.

Trotz aller Fehlschläge erwies sich Juniper finanziell wie auch technologisch als sehr solide. Und das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass der Anbieter auch ein paar sehr gute Entscheidungen getroffen hat. Eine der wichtigsten davon dürfte die Übernahme des Unternehmens Contrail 2012 gewesen sein, seinerzeit noch unter der Ägide des Kheradpir-Vorgängers Kevin Johnson. Juniper erwarb Contrail im Dezember 2012, um seine Aktivitäten im Bereich SDN (Software-Defined Networks) auszubauen. Im folgenden Jahr entwickelte das Unternehmen unter einer Apache-2.0-Lizenz einen Open-Source-SDN-Controller, OpenContrail. Dieser ermöglicht eine einfache Integration mit der Open-Source-Cloud-Architektursoftware OpenStack. Gegen Ende 2017 hat Juniper die Codebasis für OpenContrail an die Linux Foundation übertragen. Die Contrail-Software ist heute Bestandteil von Junipers vielschichtigem SDN-Portfolio, zu dem die Datacenter-Switches der Serie WX9200 ebenso zählen wie mehrere Fabric-Architekturen (Junos Fusion, Virtual Chassis Fabric, MetaFabric, QFabric) und auch die Traffic-Engineering-Lösung NorthStar.

Contrail: Junipers Megastar

Junipers Multi-Cloud-Strategie und Contrail standen dann auch im Zentrum der Präsentationen auf dem Londoner Juniper-Event. Wie Junipers Chief Technical Officer (CTO) Bikash Koley betonte, hat Juniper bereits im Februar 2018 einen Multi-Cloud-gerechten Unterbau für Rechenzentren wie auch für Campus- und Zweigstellennetzwerke sowie Public Clouds vorgestellt. Mit die wichtigste Ankündigung in diesem Jahr sei die Contrail-Lösung für Enterprise Multi-Clouds im April gewesen. Im Juni ergänzte Juniper seine Contrail-Lösungen um eine Reihe neuer SD-WAN-Funktionen, während man im September die Contrail Edge-Cloud vorstellte, die Juniper Cloud-Lösung für Umgebungen am Netzwerkrand.

In allen Fällen sieht sich der Konzern gerne als Architekt oder Ingenieur der Einfachheit. Der entscheidende Punkt: Kontrolle und Management einer Multi-Cloud-Umgebung über eine einzige zentrale Konsole zu realisieren. Bisher müssen Organisationen im Normalfall zwei oder mehr Controller oder Management-Systeme einsetzen, um Overlay, Underlay und Netzwerkgeräte zu managen. Contrail Enterprise Multicloud, so der CTO, verfüge über Multi-Domain-Orchestrierungs- und Analysefunktionen, mit denen ein Unternehmen jede Workload von einer einzigen Konsole aus managen und kontrollieren könne. Unternehmen, die sich in einer Multi-Cloud-Umgebung bewegen – entweder Public, Private oder beides – sollen so eine durchgängige Multi-Cloud-fähige Infrastruktur erhalten. Anders als bei den Mitbewerbern lege die Lösung den Nutzer keine Ketten an, sondern integriere alle marktrelevanten Public Clouds, unterstütze jede Art von Workload und funktioniere in jeder Implementierungform. So positioniert Juniper Contrail Enterprise Multicloud als offene Alternative zu Ciscos Application-Centric Infrastructure (ACI) und VMwares NSX.

Aufbau eines Unternehmensrechenzentrums mit Juniper- und Nutanix-Technik. Bild: Juniper

Die neue Contrail Edge Cloud ist eine Softwarelösung, die im Vergleich zu Angeboten der Mitbewerber über den größten Funktionsumfang bei geringstem Platz- und Energiebedarf verfügen soll. Das Wichtigste sei aber, dass Contrail Edge Cloud die komplette Bandbreite an Orchestrierung, Automatisierung, Security und Analytics als Kernelement der Contrail-Lösungen zum Netzwerkrand hin erweitert. Damit sollen sich Anwender- und Unternehmensdienste kosten- und ressourcensparend einsetzen lassen. Die neue Applikation stützt sich auf die SDN-Funktionen von Contrail Networking und Contrail Security mit Kubernetes und OpenStack.

Juniper und Nutanix

Die Multi-Cloud ist laut Juniper kein reines Netzwerkangebot. Vielmehr erfordere sie eine entsprechende Infrastruktur, die sich auch über Rechenzentren und Storage-Systeme erstreckt. Deshalb führe der Weg zur Multi-Cloud über ein Ökosystem kooperierender Hersteller, um die gesamte Unternehmens-IT voranzubringen. Vor diesem Hintergrund kündigte Juniper in London eine neue Zusammenarbeit mit Nutanix an, um die Lösungen der beiden Unternehmen für ein automatisiertes Multi-Cloud-Ökosystem zu integrieren.

Die auf Nutanix Enterprise Cloud basierende Integration der Juniper-QFX-Switches und der Contrail Enterprise Multi-Cloud biete Netzwerktransparenz und Analysen für virtualisierte Workloads. Zusätzlich ermögliche es die Integration von Junipers Multi-Cloud-Lösung mit Nutanix Prism/Acropolis und AHV den Unternehmen, nicht nur ihre eigene Private Cloud aufzubauen, sondern auch Workloads frei zwischen mehreren Public Clouds und ihrer privaten Cloud zu verschieben.

„IDC ist beeindruckt von Junipers Leistung in Europa, die zu einem großen Teil auf das Wachstum des Unternehmens und der Services zurückzuführen ist“, so Chris Barnard, Vice President IDC European Telecoms & Networking, im Gespräch mit LANline. „Die jüngste Veranstaltung in London unterstrich die Bedeutung dieser Elemente für die Gesamtstrategie in einer Multi-Cloud-Welt. Gleichzeitig sollte Juniper den grundlegenden Veränderungen in der breiteren Services-Landschaft, insbesondere der Umstellung auf den Customer-Lifecycle, besondere Aufmerksamkeit schenken, um sicherzustellen, dass das Unternehmen in diesem Bereich von entscheidender Bedeutung bleibt.“

Den unerwarteten Abgang von Shaygan Kheradpir verkraftete Juniper besser als von vielen Analysten prophezeit. Mit ein Hauptgrund dafür dürfte sein, dass das Unternehmen beim Nachfolger, der bis heute im Amt ist, offenbar eine erheblich bessere Wahl getroffen hat: Rami Rahim begann seine Karriere bei Juniper 1997 und arbeitete als Ingenieur – an der Seite des inzwischen in den Ruhestand gegangenen visionären Firmengründers Pradeep Sindhu – am ersten erfolgreichen Juniper-Produkt, dem Core-Router M40. Rahim übernahm im Laufe der Jahre verschiedene technische und Führungspositionen bei Juniper.

„Wachstum bringt in der Regel Komplexität“, so Juniper-CEO Rami Rahim. Bild: Stefan Mutschler

Während seiner Keynote in London philosophierte er zwar recht allgemein über das Thema Unternehmenswachstum und wie die damit verbundenen Herausforderungen zu meistern seien, aber der Rückhalt in der Belegschaft war deutlich zu spüren. Natürlich spannte er in seiner Rede den Bogen von der mit dem Wachstum einhergehenden Komplexität zum Konferenz-Leitthema „Einfachheit“, das Juniper beispielsweise mit seiner Contrail-Produktreihe wegweisend abdecke. Damit lenkte er gleichzeitig geschickt von einem ganz anderen Wachstumsproblem im eigenen Hause ab: Zwar wächst die Sechs-Milliarden-Dollar-Company in prozentual vergleichbaren Größenordnungen wie Erzkonkurrent Cisco, besitzt aber nur einen Bruchteil von dessen Marktgröße. Umsatztechnisch liegt Juniper weit näher an Arista, einem weiteren Hauptkonkurrenten – dessen Wachstum geht aber derzeit in Größenordnungen um 40 Prozent durch die Decke. Potenziell ein anderes Dilemma in diesem Zusammenhang: Sechs Milliarden Dollar Umsatz sind sicher ein Pfund, es reicht aber nicht, um den großen Mitbewerber ernsthaft zu gefährden. Allerdings ist es zu viel, um noch selbst übernommen werden zu können. Immerhin ist eines damit sicher: Juniper bleibt Juniper.