Energiewende, Versorgungssicherheit, Green IT

Der Spagat

03. August 2021, 07:00 Uhr   |  Dominik Weyland und Joachim Bohn/jos

Der Spagat
© Wolfgang Traub

Der Strombedarf von Rechenzentren ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen und wird dies aufgrund der fortscheitenden Digitalisierung (5G, E-Mobility, Industrie 4.0, Cloud- und Streaming-Dienste etc.) weltweit auch weiter tun. Verfügbare Prognosen lassen dazu keinen anderen Schluss zu.

Allein Frankfurts Rechenzentren haben mittlerweile in Summe einen deutlich höheren Stromverbrauch als der Frankfurter Flughafen. Für Rechenzentren bedeutet dieser Zuwachs eine Chance, neue Wege zu gehen. Es gilt, die vorgegebenen Ziele (EU Green Deal) und die selbst gesetzten Ziele (zum Beispiel den Pakt für klimaneutrale Rechenzentren bis 2030) zu erreichen. Besonders bei neuen Projekten lassen sich innovative Konzepte umsetzen, was stets einfacher ist als im Bestand.

Frankfurt ist aufgrund des Internetknotens DE-CIX einer der wichtigsten und begehrtesten Standorte für Rechenzentren. Dabei sind die Flächen in und um das Stadtgebiet zunehmend knapp. Die Standortwahl gestaltet sich außerordentlich schwierig. Zusätzlich kommt erschwerend hinzu, dass die wichtigste eingesetzte Ressource, der Strom, kaum in der notwendigen Größenordnung zur Verfügung steht.
Die Frage nach der in dieser Branche kritischen Versorgungssicherheit stellt sich somit akut und mit Blick auf die kommenden Jahre zunehmend. Dies betrifft die Netzinfrastruktur, mithin die Frage nach verfügbarer Netzanschlusskapazität, aber auch die Frage nach verfügbarer Kraftwerksleistung. Dabei sind die Auswirkungen der deutschen Energiewende kaum hinreichend bewertet. Die zunehmenden Restriktionen kommen für manchen Player gar überraschend. Aus Sicht der Energiewirtschaft ist die zunehmende Verknappung absehbar gewesen. Dabei kommen einerseits bestehende Risiken der Energiewende zum Tragen, die sich aus der massiven Veränderung im Kraftwerkspark ergeben. Ausstieg aus Kernenergie und fossiler Erzeugung sowie die zunehmende Erzeugung von Windenergie im Norden sorgen bereits seit Jahren für erhebliche Herausforderungen in den Übertragungsnetzen.

Unter großen Investitions- und Umsetzungsrisiken erfolgt dabei eine Transformation, die sich zunehmend auch auf die Verteilnetze erstreckt. Diese Transformation trifft auf eine Nachfrage, die im Fall von Frankfurt am Main zu einer deutlichen Cluster-Bildung führt. Verantwortliche in der Politik auf allen Ebenen haben diese Entwicklung offenbar nicht kommen sehen. Da Netzbetreiber regulatorisch zu einem effizienten Netzausbau angehalten sind, können auch sie absehbare Marktentwicklungen durch eigene Investitionsentscheidungen nicht einfach vorwegnehmen. Sie müssen mit hinreichender Bestimmtheit auf Entwicklungen verweisen können, um Investitionen von den Regulierungsbehörden genehmigt zu bekommen. Da entsprechende Projekte allerdings viele Jahre dauern können, kommt es mithin zu einer mittlerweile systematischen zeitlichen Friktion zwischen Angebot und Nachfrage, die auf Basis des aktuellen Regulierungsrahmens kaum aufzulösen ist. In der Konsequenz ist die Branche bereits heute zu Zugeständnissen bei der Versorgungssicherheit bereit, die noch vor Jahren undenkbar gewesen sind. Insbesondere die Frage nach zumindest temporär reduzierter, redundanter Versorgung wird heute in Einzelfällen aufgrund des vorherrschenden Mangels anders beantwortet. Die Regulierung reagiert mit weitgehenden Eingriffen in die Erzeugung, da bei einer herrschenden Verknappung der Regelungsbedarf deutlich ansteigt. Dies zeigt sich insbesondere im Redispatch 2.0, bei dem weite Teile des deutschen Kraftwerks-parks bis auf eine Ebene von 100 kW Erzeugungsleistung erfasst werden, um im Mangelfall durch die Netzbetreiber gesteuert werden zu können.

Es ließen sich weitere Beispiele im aktuellen Regulierungsrahmen anführen, die durch Abnahme von Planungssicherheit und Erhöhung von Kosten investitionsfeindlich wirken und aus Sicht der Betreiber dazu aufrufen, alternative Lösungen zu suchen.

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