In Deutschland ist die Zahl der Anbieter von IoT-Plattformen (Internet of Things) auch 2018 nicht gestiegen. Dies zeigt der Anbietervergleich „ISG Provider Lens Germany 2019 — Internet of Things (I4.0) Platforms, Services & Solutions“. Stattdessen verzeichnet die vom Marktforschungs- und Beratungshaus ISG Information Services Group jährlich durchgeführte Studie hierzulande einige wenige IoT-Plattformen, die ein vielfältiges Ökosystem aus Spezialanbietern vorweisen können. Der Anbietervergleich zeigt auch, dass Edge Computing das am stärksten wachsende IoT-Marktsegment ist. Die ISG-Experten rechnen damit, dass dieser Markt, der aktuell ein Jahreswachstum von durchschnittlich mehr als 30 Prozent aufweist, mittelfristig explodieren wird. Insgesamt haben die Marktforscher im Rahmen der IoT-Studie über 70 Anbieter in neun Teilmärkten untersucht.

„Edge Computing wird sich auch deshalb sehr schnell verbreiten, weil ohne diese Technologie die Digitalisierung kritischer Infrastrukturen kaum möglich ist“, sagt Dr. Henning Dransfeld, Principal Advisor der ISG Information Services Group und Lead Advisor der Studie. „Die Anforderungen an Rechenzentren verändern sich im Zuge der Digitalisierung dramatisch. Vor allem reichen die Antwortzeiten zwischen den Endgeräten und der zentralen IT oft nicht mehr aus. Vielmehr benötigt IoT sehr kurze Latenzzeiten für die Datenverarbeitung. Dies beschleunigt den Bedarf an Edge-Computing-Lösungen immer weiter.“

Dies sei auch der Grund dafür, dass zahlreiche Anbieter ihr Portfolio um vollständige, schlüsselfertige Micro-Rechenzentren erweitert haben oder kurz vor der Einführung stehen. Dabei stehen die Hersteller vor der Herausforderung, dass sie auch beim Edge Computing eine hochsichere Umgebung bereitstellen müssen, die dem eines großen Rechenzentrums entspricht. Um das Problem zu lösen, wählen viele Anbieter den Weg über Partnerschaften, die sich zum Beispiel auf Stromversorgung, Zutrittskontrolle oder Klimatisierung spezialisiert haben, so ISG.

Vom kommenden Mobilfunkstandard 5G erhoffen sich die Marktanalysten eine wesentlich höhere Performance für das IoT. Die zunehmende Virtualisierung von klassischen Rechenzentren steigere außerdem ihre Effizienz und die zunehmende globale Vernetzung die Leistungsfähigkeit der Datenverarbeitung. „Doch angesichts der explosionsartigen Vermehrung datenverarbeitender Geräte und Sensoren ist eine Datenhaltung vor Ort in Form von Edge Computing ein Muss. Nur so lässt sich die zunehmend kritische Last auf zentralen Infrastrukturen und Datenströmen abfedern,“ erläutert Dransfeld.

Analyse von verschiedenen Teilbereichen

Neben den Anbietern für „Edge Computing Services“ und „Edge Computing Solutions“ hat die ISG-Studie sieben weitere Teilmärkte analysiert: „IoT Platforms“, „Industrial IoT Platforms“, „IoT Starter Kits“ sowie die Consulting- und Integration-Anbieter bei „Connected Car Services“, „Building Automation“, „Logistics“ und „Retail“. Dabei kommen die Analysten zu dem Ergebnis, dass die Konsolidierung im Markt der IoT-Plattformen bereits weit fortgeschritten ist. Die führenden Plattformen verfügen laut Studie vor allem über eine robuste Technologiebasis und machen es potenziellen Partnern leicht, neue Applikationen und Services einzubinden. Diese Partner konzentrieren sich wiederum verstärkt auf die Diversifizierung und Skalierbarkeit ihrer Angebote.

Bei den IoT-Plattformen für die Fertigungsindustrie liegt der Schwerpunkt laut ISG auf der Automatisierung von Prozessen. Zu diesem Zweck haben Fertigungsbetriebe vor allem Datenquellen miteinander verbunden, etwa SAP- und MES-Systeme. Die ISG-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Zahl der industriellen IoT-Plattformen zuletzt weiter zugenommen hat. So kommen IoT-Lösungen vor allem bei der Optimierung von Lieferketten sowie für das Tracking von Produktionsgütern zum Einsatz.

Das Segment von schlüsselfertigen IoT-Starter-Kits wird hingegen weiterhin von einigen wenigen Anbietern geprägt, so die Studie. Zwar bestehe eine unüberschaubare Zahl solcher Starter-Kits für technische Programmierer. Diese eigenen sich nach Einschätzung von ISG jedoch nicht für Geschäftskunden, die ganze IoT-Szenarien implementieren wollen. Dazu müssten die führenden Anbieter Lösungen bieten, die sich ohne größeren Integrationsaufwand einsetzen lassen und zum Festpreis erhältlich sind.

Im „Leader“-Quadranten des Marktsegments „Edge Computing Services“ konnten sich fünf Anbieter positionieren. Bild: ISG

Bei den Connected-Car-Szenarien stellt die Studie einen fundamentalen Wandel fest: Statt einzelner Lösungen, etwa zur Wartung von Autos, Infotainment-Systeme oder für automatisiertes Parken, stehe dieser Markt 2019 im Zeichen der Integration dieser Szenarien. Anbieter, die solche integrierten Lösungen anbieten können, werden nach Meinung der Marktforscher einen Wettbewerbsvorteil haben.

Der Markt für kommerzielle Gebäudeautomatisierung stellt laut der Studie hingegen ein Feld dar, dass zahlreiche Anbieter aus unterschiedlichen Branchen bespielen wollen. IoT-Lösungen auf diesem Markt beschränken sich zudem nicht mehr nur auf einzelne Funktionen wie Heizungs-, Ventilations- und Klimaanlagen, sondern integrierten Angebote wie Beleuchtungssteuerung, Schließanlagen, Garagen oder den Aufzugsbetrieb. Aus diesem Grund agieren viele IoT-Anbieter in diesem Segment als Integratoren und arbeiten mit entsprechenden Spezialistenfirmen zusammen, so ISG.

In der Logistikbranche hat es einen Wandel von der Güternachverfolgung hin zur Fahrzeugautomation gegeben. IoT-Lösungen für die Logistik beschränken sich demnach nicht mehr auf das bloße Nachverfolgen, Überwachung und Kontrollieren, sondern umfassen das komplette Flotten-Management für Schiffe, LKWs und Züge, so die Marktanalysten. Zukunftsszenarien wie komplett automatisierte Fahrzeuge stehen nun vor dem Politeinsatz in realen Umgebungen. Ebenso kommt bei führenden Anbietern die Blockchain-Technik für die Verfolgung und Rückverfolgung von Waren zum Einsatz.

Im Retail sind ebenfalls IoT-Lösungen gefragt, um beispielsweise die Kundenbindung und das Kauferlebnis zu verbessern. Smarte Regale mit Verbindungen zu den Lieferketten, Beacon-Technik für die Kundenavigation in Läden oder Roboter, die Warenregale wiederauffüllen, sind einige solcher IoT-Anwendungen, die führende Anbieter dem Handel in Deutschland bereits zur Verfügung stellen.

Weitere Informationen zur Studie, inklusive einer Liste der bewerteten Anbieter, findet sich unter research.isg-one.de/research/studien/isg-provider-lenstm-study-internet-of-things-i40-platforms-services-solutions-2019/ueberblick.html?tx_ttnews%5Btt_news%5D=

Timo Scheibe ist Redakteur bei der LANline.