Citrix-Studie zum Potenzial von Digital Natives

Das große Missverstehen

27. Mai 2021, 07:00 Uhr   |  Wilhelm Greiner

Das große Missverstehen
© Wolfgang Traub

Anno 1626 kaufte der Holländer Peter Minuit einer Gruppe von Native Americans („Indianer“ sagt man nicht mehr!) die Insel Manhattan ab und gründete dort New Amsterdam, das heutige New York – so steht es in US-Geschichtsbüchern. Allerdings ist mehr als fraglich, ob die teils nomadischen Einheimischen die gleiche Vorstellung von Immobiliengeschäften hatten wie die Einwanderer aus „Old Europe“. Ein ähnliches Aneinandervorbeireden findet man heute zwischen „Digital Natives“ und „Digital Immigrants“, also den in eine digitalisierte Welt hinein Geborenen und den aus der Vor-Internet-Ära dorthin Eingewanderten: Laut einer neuen Citrix-Studie ist das Wirtschaftspotenzial des digital versierten Nachwuchses enorm – doch die oft älteren Vorgesetzten wissen offenbar nicht so recht, wie sie die Eingeborenen aus digitalen Landen an sich binden können.

1,9 Billionen Dollar pro Jahr – so hoch sind laut der Citrix-Studie weltweit die zu erwartenden Mehreinnahmen für Unternehmen, wenn der Anteil der Digital Natives an der Belegschaft auch nur um ein Prozent steigt. Mit „Digital Natives“ gemeint sind hier gut ausgebildete, in Computer- und Internetdingen versierte Arbeitskräfte der Altersgruppen „Millennials“ (geboren zwischen 1981 und 1996) und „Generation Z“ (geboren ab 1997).

Nun sind zwar nicht unbedingt alle unter 40 in digitalen Dingen überdurchschnittlich kompetent. Dennoch herrscht Konsens, dass es im Zeitalter der Datenökonomie und Cloud-First-Strategien hilfreich ist, bereits von Jugend an mit Internet, Cloud, Smartphones und allerlei Apps aufgewachsen zu sein. Und solche Leute kann ein Unternehmen eben gut brauchen, wenn seine Geschicke an der erfolgreichen Ausschöpfung der eigenen Datenvorräte hängen, wie es Marktauguren eifrig beschwören.

Für die Studie „The Born Digital Effect“ ließ Citrix durch das Beratungsunternehmen Oxford Analytica ein fünfstufiges ökonomisches Modell erstellen, um die Korrelation der digital kompetenten „Human Resources“ mit der Profitabilität von Unternehmen abzuschätzen. Auf der Basis dieses Modells taxierte man den Zusammenhang auf Unternehmensebene für 53 Länder und nutzte das als Baseline, um auf Auswirkungen für eine Reihe von Citrix-Kernmärkten zu schließen, genauer für Frankreich, Deutschland, die Niederlande, Großbritannien, Mexiko, die USA, die VAE, China, Indien und Japan. Das Ergebnis: Ein Prozent mehr Arbeitskräfte aus den beiden Nachwuchsgenerationen steigere die Profitabilität in einem Land im Schnitt um 0,9 Prozentpunkte – umgemünzt eben die oben genannten 1,9 Billionen Dollar.

Digitale Nomaden

Das Problem: Der junge digitale Nomade von Welt heuert heute bevorzugt bei einem coolen Unternehmen wie Google, Apple, Microsoft oder – noch besser – einer Games-Schmiede an – wenn er nicht gleich ein eigenes Startup gründet mit dem Ziel, eine maßlos erfolgreiche App zu entwickeln und sich mit 30 als Millionär zur Ruhe zu setzen. Wie man vor diesem Hintergrund den digital versierten Nachwuchs ins eigene Unternehmen lockt und an sich bindet, ist vielen Führungskräften eher schleierhaft. Denn oft haben sie nur recht vage Vorstellungen von den Eigenheiten der digitalen Indianer*innen.

Um den Grauschleier zu lüften, der zwischen Nachwuchs und Unternehmenswelt liegt, ergänzte Citrix für seine Studie die Modellrechnung der wirtschaftlichen Folgen um eine Meinungsumfrage, die das Forschungsunternehmen Coleman Parkes unter 1.000 Führungskräften und 2.000 jungen Wissensarbeitern im Alter zwischen 18 und 39 Jahren in großen und mittleren Unternehmen aus den oben genannten zehn Ländern durchführte. Ein Ergebnis: Häufig reden Führungskräfte und der begehrte Nachwuchs aneinander vorbei.

Angesichts eines unsicheren Arbeitsumfelds – die Pandemie hinterlässt auch in solchen Umfragen ihre Spuren – legen junge Beschäftigte den größten Wert auf Zufriedenheit mit ihrem Job (88 Prozent), Arbeitsplatzsicherheit und Karrierechancen (87 Prozent) sowie auf eine gute Work-Life-Balance (ebenfalls 87 Prozent, Mehrfachnennungen waren möglich). Seitens der Führungskräfte hingegen herrscht weit verbreitet (85 Prozent) die Meinung vor, der Nachwuchs würde vor allen Dingen Wert auf Zugang zu den neuesten Technologien legen, gefolgt von Weiterbildungsmöglichkeiten und erst danach Job-Zufriedenheit.

Was wirklich wichtig ist

Den Eindruck der Technikverliebtheit der Digital Natives hat sicherlich nicht zuletzt die IT-Industrie selbst befördert, predigt sie doch seit Jahren, die Unternehmen müssten mehr in innovative Technik investieren, wenn sie für die digitalen Eingeborenen interessant bleiben wollen. Auch die vorliegende Citrix-Studie fragte wieder nach der IT-Ausrüstung am Arbeitsplatz: Nach Ansicht von zwei Dritteln (67 Prozent) der Digital Natives habe die Pandemie gezeigt, dass ihr Unternehmen mehr in digitale Technik investieren muss.

Ist der Arbeitsplatz einmal gesichert, legen die jüngeren Beschäftigten offenbar mehr Wert auf einen gesunden, ausgeglichenen Lebensstil als frühere Generationen: 90 Prozent der heutigen Führungskräfte stellen die Rentabilität ihres Unternehmens an die Spitze ihrer Prioritätenliste; dem gegenüber gaben 83 Prozent der Digital Natives an, sie würden dem Wohlbefinden der Belegschaft Priorität einräumen, wenn sie die Führungsebene erreichen. Man darf gespannt sein, wie sich dies eines Tages darstellt, sobald Gewinnerwartungsdruck und Quartalszahlen auf ihren Schultern lasten.

Führungskräfte überschätzen erheblich, wie attraktiv das gute alte Büro für jüngere Beschäftigte ist: 90 Prozent der Digital Natives wollen nach der Pandemie nicht wieder in Vollzeit ins Büro zurück, gut die Hälfte (51 Prozent) möchte lieber meistens oder gar permanent von zu Hause aus arbeiten. Dem gegenüber glauben laut der Umfrage aber 58 Prozent der Führungskräfte, dass junge Arbeitnehmer meist oder immer im Büro arbeiten wollten.

Digital Natives und Führungskräfte sind unterschiedlicher Ansicht darüber, wo und wie es sich am besten arbeiten lässt.
© Citrix

Digital Natives und Führungskräfte sind unterschiedlicher Ansicht darüber, wo und wie es sich am besten arbeiten lässt.

Bei den IT-gestützten Arbeitsweisen bewegen sich junge Beschäftigte und ihre Führungskräfte mitunter auf zwei Kontinenten, die nur durch eine dünne Landbrücke verbunden sind: Zwar ist bei beiden Gruppen der Einsatz von E-Mail, Online-Videokonferenzen, Notebooks und Smartphones weit verbreitet, es gibt aber markante Unterschiede. So nutzen 81 Prozent der Digital Natives Instant-Messaging-Apps zu Arbeitszwecken, aber nur 21 Prozent der Führungskräfte. Zugleich setzen Digital Natives am liebsten Technik ein, die sie bereits besitzen: 78 Prozent bevorzugen dies laut der Umfrage, gegenüber ebenfalls nur 21 Prozent in der Chefetage.

Diese Diskrepanz mag nicht so dramatisch sein, wie die Zahlen es vermuten lassen, sie zeugt aber von grundlegend unterschiedlichen Herangehensweisen an die IT-Nutzung. Ein Beispiel: Vor Jahren erzählte mir Christian Reilly, damals ein hohes Tier bei Citrix, von einer Gruppe Praktikanten, denen man gesagt hatte, sie sollten sich untereinander nach Belieben abstimmen. Ihnen standen dafür sämtliche Hilfsmittel eines modernen IT-Unternehmens zur Verfügung: alles von Telefonie und E-Mail über Slack bis hin zu Online-Collaboration-Tools und Video-Conferencing. Als Reilly nach ein paar Tagen fragte, wie sich die Gruppe austauscht, erfuhr er überrascht: mit zwei WhatsApp-Gruppen, einer für Privates, einer für Berufliches. Man kommunizierte also mittels einer Consumer-App, die zu privaten Zwecken eh schon auf dem Smartphone war – die Business-Tools einschließlich Slack galten dem Nachwuchs nach kurzem Ausprobieren als zu wenig nutzerfreundlich. Die Bedeutung dieser „Consumerization“ ist auf Unternehmensseite offenbar noch nicht ganz angekommen.

Ein paar interessante Details der Umfrage zum Thema Hardware- und Softwaregebrauch: Alle Führungskräfte (100 Prozent) nutzen sowohl PCs oder Notebooks als auch Smartphones oder Tablets. Bei den jüngeren Beschäftigten hingegen verwenden nur 85 Prozent PCs/Notebooks beruflich, nur 76 Prozent wiederum Smartphones/Tablets; und auf Mobilgeräte-Apps bauen laut der Umfrage 60 Prozent der Führungskräfte, aber nur 44 Prozent der Digital Natives – hier hätte man wohl eher ein umgekehrtes Verhältnis erwartet. Digital Workspaces – Citrix’ Kerngeschäft – sind bei 33 Prozent der Digital Natives und bei 56 Prozent der Führungskräfte im Einsatz.

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