Deutschland in Ciscos Digital Readiness Index auf Platz 14

Digitalisierung: Läuft - langsam, aber läuft

05. Mai 2020, 07:00 Uhr   |  Von Dr. Wilhelm Greiner.

Digitalisierung: Läuft - langsam, aber läuft

Digitalisierungsreife ist relativ: In Ciscos Digital Readiness Index 2019 steht Deutschland schlechter und zugleich besser da als 2018. Die Bundesrepublik verzeichnete im 2019er-Index (trotz der Zahl "2019" der aktuelle Report) einerseits punktuell Fortschritte, kommt nun aber andererseits nur auf Platz 14 - im Vorjahr war es noch Platz 6. Der Absturz ist jedoch nicht so dramatisch, wie es auf den ersten Blick scheint. Dennoch zeigt die Top-Ten-Plus-Position: In puncto Fitness für die digitale Zukunft hat der deutsche Michel noch Luft nach oben.

Ciscos Digital Readiness Index soll den Digitalisierungs-Reifegrad eines Landes international vergleichbar machen und aufzeigen, wo Nachholbedarf besteht. Cisco erhebt den Anspruch, ein umfassendes Bild des Digitalisierungsstatus zu vermitteln. Dazu bewertet der Index technische, wirtschaftliche und soziale Rahmenbedingungen, vom Zugang zu Elektrizität und IT-Services über die Nachfrage nach IT-Produkten bis zur Startup-Freundlichkeit eines Landes.

Der Index, erarbeitet von Cisco zusammen mit Gartner und 2018 vorgestellt, entwickelt sich weiter: Diesmal hat Cisco 141 Länder erfasst, 28 mehr als im Vorjahr - allein deshalb hat die Positionierung eines Landes bestenfalls für den internationalen Vergleich Aussagekraft, nicht aber die Gegenüberstellung zum Vorjahresrang. Für Letzteres hilft nur der Blick auf die Entwicklung der einzelnen Kategorieergebnisse.

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Deutschland liegt in Ciscos Digital Readiness Index 2019 auf Platz 14 von 141 Ländern. Bild: Cisco

Mit dem Index-Wert von 17,85 - die Skala reicht bis 25 - hat Deutschland seinen Digitalisierungs-Reifegrad aus Cisco-Sicht leicht verbessert: um schlappe 0,17 Punkte, aber immerhin. Der Griff zur Schampusflasche wäre allerdings verfrüht, denn andere Länder haben teils deutlich schnellere Fortschritte erzielt. So hat Singapur mit dem Index-Wert 20,26 (Vorjahr: 18,30) die Pole Position erobert.

Zudem drängeln sich digitalisierungsaffine Neuzugänge dazwischen. Neu in den Charts ist zum Beispiel Island: Der Inselstaat konnte sich mit dem Wert 18,16 sofort unter den Top Ten einreihen (auf Rang 9). Das Großherzogtum/Steuerparadies Luxemburg - ebenfalls erstmals berücksichtigt - landete sogar auf Anhieb auf Platz zwei (Index-Wert 19,54). Ciscos Heimatmarkt USA, im Vorjahr noch Spitzenreiter, rutschte auf den dritten Platz ab - nicht nur aufgrund zusätzlicher Konkurrenz, sondern auch aufgrund einer schlechteren Bewertung (19,03 statt vormals 20,10 Punkte).

Hierzulande ein paar Fortschritte

Den größten Fortschritt gegenüber dem Vorjahr machte Deutschland bei den Investitionen und kletterte von Rang 30 auf Rang 11. Dem Lebensstandard der Dichter und Denker attestiert der Index 3,90 von vier möglichen Punkten, den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Digitalisierung 3,76 von vier.

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Die Einstufung laut Index beruht auf den Einzelergebnissen in diversen Kategorien. Bild: Cisco

Als eher so mittelprächtig zeigt sich Deutschland hingegen bei der technischen Infrastruktur: 2,53 von vier Punkten. Zwar entspricht das einem Plus von 0,12 Punkten, für mehr als Rang 8 hat es aber nicht gereicht. In der Kategorie "Umfeld für Startups" erzielte die Bundesrepublik magere 0,68 von drei möglichen Punkten - verbesserte sich aber dennoch von Rang 28 auf Rang 27 (im Hintergrund sehr langsames, vereinzeltes Klatschen).

Nachholbedarf haben wir hierzulande laut Cisco bei der Nachfrage nach digitalen Produkten und Services. Zwar konnte Deutschland seinen Indexwert auch in der Kategorie "Technologienutzung" leicht steigern, steckt aber unverändert auf Platz 18 fest. Spitzenreiter sind hier wie im Vorjahr die USA. Wie volatil Ciscos Indexwerte sind, zeigt das Beispiel Kanada: Das Land rangierte 2018 in dieser Kategorie unter "ferner liefen" (Rang 33), holt hier nun aber plötzlich die Silbermedaille.

Digitalisierung in Pandemiezeiten

Anfang des Jahres hatte eine Umfrage im Auftrag von Cisco ergeben: 75 Prozent der Bundesbürger wünschen sich, Deutschland möge bei der Digitalisierung Weltspitze sein, doch fast ebenso viele (69 Prozent) sehen Schwarzrotgold international eher im unteren Drittel. Der Digital Readiness Index legt dar, dass die Lage doch nicht ganz so ernst ist. Auch die Reaktionen auf die Herausforderungen der Pandemie haben gezeigt: Deutschland "kann" Digitalisierung - mitunter selbst dort, wo es bislang unmöglich schien, Stichwort: "Home-Office". Der Handlungsdruck muss eben nur groß genug sein.

"In den letzten Wochen haben wir gesehen, wie ein digitales Deutschland aussehen kann", kommentiert Uwe Peter, Deutschlandchef von Cisco. "Wir haben Technologien dazu genutzt, unser Zusammenleben, unsere Wirtschaft sowie unsere Verwaltungs-, Regierungs-, Bildungs- und Gesundheitssysteme aufrechtzuerhalten. Und wir haben gemerkt: Es funktioniert. Das sollte uns Mut machen, den Weg der Digitalisierung noch entschlossener weiter zu gehen." Peter fordert, aus der notgedrungenen Digitalisierungswelle eine Tugend zu machen: "Wenn wir schnell in die Top Ten zurückkehren wollen, muss der digitale Ruck der letzten Wochen eine langfristige Strategie werden."

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"In den letzten Wochen haben wir gesehen, wie ein digitales Deutschland aussehen kann", so Ciscos Deutschlandchef Uwe Peter. Bild: Cisco

Das plötzlich viel stärker verteilte Arbeiten nebst dem gestiegenen Internet- und Medienkonsum in der heimischen sozialen Isolierung haben allerorten den Druck auf die Netzwerke erhöht. Falko Binder, Netzwerkfachmann bei Cisco, berichtete in einer Online-Presseveranstaltung, die Nachfrage nach Ciscos cloudbasiert verwalteter Netzwerkfamilie Meraki habe letzthin um den Faktor vier höher gelegen als im Mittel zuvor. Auch bei der ebenfalls cloudbasierten Security-Lösung Umbrella und der Zwei-Faktor-Authentifizerung mittels Duo habe man hohe Nachfrage verzeichnet - wohl nicht zuletzt dank der erweiterten kostenlosen Testzeiträume, die Cisco krisenbedingt einräumt.

"Ich gehe davon aus, dass wir zur alten Normalität nicht so schnell zurückkehren werden, weil wir noch keine ernsthafte Lösung dafür haben", sagt Binder. Er vermutet deshalb, dass künftig Home-Office, Application-Hosting und Security-Hosting eine große Rolle spielen werden. Zugleich sieht er aufgrund der Pandemie vermehrten Bedarf an Einblicken in das Netzwerkgeschehen und Automatisierung im Netzwerk.

"Vor diesem Hintergrund hat der Begriff Fachkräftemangel noch eine andere Ausprägung", so der Netzwerkexperte. Denn wenn ein Teil des IT-Teams wegen Krankheit ausfällt, müsse das Unternehmen mit dem verbleibenden Teil die Infrastruktur am Laufen halten können. Dabei spiele Automatisierung eine große Rolle. Bei Cisco rät man in diesem Kontext zu den hauseigenen Lösungen wie der Netzwerk-Management- und -Analyseplattfrom DNA Center und Cisco SD-WAN (Software-Defined WAN), um Cloud- und Netzwerkressourcen dynamisch an den Bedarf anpassen zu können.

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"Ich gehe davon aus, dass wir zur alten Normalität nicht so schnell zurückkehren werden", meint Netzwerkexperte Falko Binder. Bild: Cisco

Bei einer Cisco-Umfrage haben sich laut Binder ein Viertel der Befragten unzufrieden mit der Anbindung ans Unternehmensnetzwerk gezeigt. Zur Frage nach der Netzwerk-Performance bei der Home-Office-Nutzung merkte Binder an, in den Backbones habe es keine Engpässe gegeben, lediglich die Verteilung des Traffics habe sich geändert: Traffic-Peaks habe es nicht wie früher "nach der Tagesschau" gegeben, sondern eher am Vormittag, "wenn Mama und Papa in die Web-Konferenz gehen".

"Die Versäumnisse der letzten acht oder 18 Jahre lassen sich nicht in wenigen Wochen ausbügeln", so der Experte. Die Krise werde "Druck auf das Thema Last Mile ausüben", da die Limitationen der Breitband-Infrastruktur nun stärker zutage treten.

Generell muss Deutschland laut Cisco-Einschätzung vor allem beim öffentlichen Zugang zu Daten, den Rahmenbedingungen für Startups und dem Ausbau der Wi-Fi-6- und 5G-Netzwerke noch einen Zahn zulegen. Zudem gelte es, die Aus- und Weiterbildung der breiten Bevölkerung zu digitalen Fragen zu fördern. Der geneigte LANline-Leser kann die Pandemiezeit ja gleich mal dazu nutzen, Oma und Opa zu erklären, was DDoS, Spear-Phishing und Zoombombing ist.

Man darf gespannt sein, wie Deutschland im nächsten Index dasteht. Es gilt, einen weiteren Absturz im internationalen Vergleich zu vermeiden. Denn aufgrund der Pandemie haben Länder in allen Ecken der Welt einen Digitalisierungssprung absolvieren müssen. In vielen dieser Volkswirtschaften wird man das "neue Normal" sicher schnell adaptieren - ohne vorher Monate mit Diskussionen zu verschwenden, ob es einen Rechtsanspruch auf Home-Office-Arbeit geben sollte. Solange Arbeitgebern und Arbeitnehmern hierzulande nicht klar ist, dass flexibles verteiltes Arbeiten mit Blick auf künftige Krisen wie auch auf die Produktivität der Mitarbeiter der Weg in die Zukunft ist, tuckern wir zwar weiterhin eifrig digitalisierungswärts, aber mit angezogener Handbremse.

Ciscos Digital Readiness Index 2019 findet sich hier.

Dr. Wilhelm Greiner ist freier Mitarbeiter der LANline.

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