Citrix EMEA Work Summit

Home-Office, Sweet Home-Office

Der Citrix EMEA Work Summit war darauf ausgelegt, eine „echte“ Hausmesse online zu replizieren.
Der Citrix EMEA Work Summit war darauf ausgelegt, eine „echte“ Hausmesse online zu replizieren.
© Citrix

„Schön, dass ihr das mit dem verteilten digitalen Arbeiten jetzt endlich kapiert habt, wir predigen das ja auch erst seit...“ (schaut auf die Armbanduhr) „... rund 30 Jahren!“ Es muss Remote-Work-Spezialisten sehr schwer gefallen sein, in Zeiten der Corona-Lockdowns auf derlei Bemerkungen zu verzichten. Diese löbliche Tradition setzte Digital-Workspace-Anbieter Citrix bei seiner Web-Veranstaltung „Citrix EMEA Work Summit“ tapfer fort: Ins Online-Rampenlicht rückte der Konzern vielmehr Berichte von Anwenderunternehmen, Vorträge zu Remote-Work-Strategie, -Umsetzung und -Sicherheit sowie das Trendthema „Zukunft der Arbeit“.

Stellt euch vor, es ist Corona und keiner geht hin: Mit Ausbruch der COVID-19-Pandemie fand das Prinzip „Work from Home“ Verbreitung wie noch nie – wobei allerdings hierzulande noch erhebliches Optimierungspotenzial besteht (LANline berichtete). Einschlägige IT-Ausrüster konnten sich jedoch allerorten über rapide steigende Nachfrage freuen: Notebook-Hersteller, VPN-Spezialisten und Online-Collaboration-Provider ebenso wie die Anbieter von Remote-Work-Technologie, also vorrangig Microsoft, VMware und eben Summit-Gastgeber Citrix.

Zwar hatte der Remote-Work-Vorreiter im Präcoronarium vor allem die Produktivität und die „Employee Experience“ („Mitarbeitererfahrung“) in den Mittelpunkt gerückt, doch die plötzlich sprunghaft gestiegene Bedeutung der Resilienz fügte sich nahtlos in Citrix’ Argumentationskette ein: „Betriebsstörungen können jeden treffen, und sie passieren gerade dann, wenn man sie am wenigsten erwartet“, so Citrix’ Europa-Chef Sherif Seddik in seiner Eröffnungsrede zum EMEA Work Summit. Yepp, das würden Gastronomen, Reisebüros und die Lufthansa sicher so unterschreiben.

„Betriebsstörungen können jeden treffen“, so Citrix’ Europa-Chef Sherif Seddik.
„Betriebsstörungen können jeden treffen“, so Citrix’ Europa-Chef Sherif Seddik.
© Citrix

Sherif Seddik steckte das Terrain der Veranstaltung ab: Um die „drei Rs“ werde es gehen – Resilience, Reinvention und Remote Work. Er prognostizierte, dass jene Organisationen künftig am besten dastehen werden, deren Führungsriege ihre Remote-Work-Vision mit den Bedürfnissen ihrer Belegschaft abzustimmen versteht. Nach kurzer Einleitungsrede überließ er das Wort aber schnell den Anwenderunternehmen: British Gas berichtete, man habe die Zahl der Heimarbeitsplätze innerhalb weniger Wochen von 2.000 auf 15.000 aufgestockt, zudem arbeite man dank Microsoft Azure und Citrix Cloud nun zu 90 Prozent Cloud-basiert und könne neue Nutzergruppen innerhalb von Minuten online bringen. Der Versorger aus dem Vereinigten Außereuropäischen Königreich setzt dazu 600 „Digitization Champions“ ein, also speziell geschulte Mitarbeiter, die ihre Kollegen im Feld bei der Digitalisierung unterstützen.  

A propos Champion: Deutschland liegt im Rennen um die Digitalisierung der Arbeitswelt nicht gerade an der Pole Position. So ergab eine jüngst vorgestellte Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), durchgeführt im vierten Quartal 2020 unter 1.200 Unternehmen: „Zwei Drittel der Firmen haben nicht vor, ihren Beschäftigten nach der Coronakrise mehr Home-Office als vor der Krise zu ermöglichen“. Dabei könnte stärker verteiltes Arbeiten nicht nur die Produktivität und die Work-Life Balance vieler Werktätiger deutlich verbessern, sondern zudem sogar bares Geld sparen, da der Bedarf an Büroflächen sinkt – allein: „Ungeachtet des Home-Office-Booms wollen lediglich 6,4 Prozent der Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten ihre Bürofläche reduzieren“, so die IW-Umfrage. Vielleicht könnte British Gas seine Digitalisierungsaufklärer bei deutschen Firmenchefs vorbeischicken? Nur mal so’n Vorschlag.

Digitalisierungsrennen

„Daten sind das Lebenselixier unseres Sports“, sagt Zoe Chilton von Aston Martin Red Bull Racing (rechts oben) – hier: eine Simulation des Luftstroms.
„Daten sind das Lebenselixier unseres Sports“, sagt Zoe Chilton von Aston Martin Red Bull Racing (rechts oben) – hier: eine Simulation des Luftstroms.
© Citrix

Doch zurück zu Citrix’ EMEA-Konferenz: Den größten Raum in der Keynote erhielt Zoe Chilton, ihres Zeichens Head of Partnerships bei Aston Martin Red Bull Racing. Auf Formel-1-Rennställe als Kunden verweisen IT-Anbieter immer gerne – nicht nur wegen der Faszination, die schnelle Autos auf das automobile Fußvolk ausüben, sondern auch, weil der (normalerweise) weltweit tingelnde Schnellstfahrzirkus nicht nur aus den Fahrzeugen, sondern damit auch aus seinen Daten das Äußerste herausholen muss (LANline  berichtete).

„Daten sind das Lebenselixier unseres Sports“, fasste es Zoe Chilton in ihrem Vortrag zusammen. Denn im digitalen Zeitalter heißt Formel 1: Wer sein Fahrzeug am schnellsten auf neue Daten – über die Fahreigenschaften, die Rennstrecke, die Witterung etc. – abstimmen kann, der gewinnt. Während man im Rennsport früher auf gut Glück Fahrzeugteile austauschte, um dann per Stoppuhr einen etwaigen positiven Effekt zu ermitteln, passen die Renstallbetreiber heute ihre Fahrzeuge laufend an neue Erkenntnisse an: „Jede Evolution und Veränderung ist datengetrieben“, sagt Chilton. Das hauseigene Ingenieursteam nehme pro Saison 30.000 Designänderungen vor – unter anderem anhand von Sensordaten, die während der Rennen anfallen.

Dazu sind beim Team von Aston Martin Red Bull laut Chilton 80 bis 100 Leute mit 45 Tonnen Fracht und einem kompletten mobilen Datacenter von Rennstrecke zu Rennstrecke unterwegs. Gerade die schnelle Taktung der Rennen sei eine Herausforderung, fänden diese doch mitunter mit lediglich zwei Wochen Abstand statt. Der Rennstall nutze standortübergreifend 500 Citrix-Workspaces „in jeder Abteilung unseres Business“, bis hin zu den Ingenieuren, die mittels CFD (Computational Fluid Dynamics, numerische Strömungsmechanik) die Aerodynamik des Fahrzeugs optimieren.

Diese können laut Chilton in ihren Workspaces zwischen Windows- und Linux-Maschinen wechseln und hochauflösende Visualisierungen der Luftströme begutachten. Das Ingenieursteam im Kontrollzentrum wiederum erhalte die Echtzeitdaten vom mobilen RZ an der Rennstrecke. Diese standortübergreifende Zusammenarbeit habe es ermöglicht, dass ein Rennwagen beim Grand Prix in Ungarn letztes Jahr nach einem Unfall während der Proberunde nach 40 Minuten wieder einsatzfähig war und regulär an den Start gehen konnte. Aufgrund des Lockdowns, so Chilton, habe man 2020 eine ganze Werksbelegschaft nach Hause geschickt, doch selbst die CAD-Ingenieure seien in der Lage gewesen, „vom Küchentisch aus“ weiterzuarbeiten.

 

Jenseits der Resilienz

Rät zu dynamischer Planung: Citrix-Strategieberater Sasa Petrovic.
Rät zu dynamischer Planung: Citrix-Strategieberater Sasa Petrovic.
© Citrix

Digital Workspaces eigenen sich als Resilienzmechanismus selbst für High-End-Anwender, das hat sich inzwischen herumgesprochen. Längst aber ist Citrix bestrebt, das Thema Remote Work vom eher taktisch-reaktiven Resilienzdenken auf die Ebene der Business-Strategie zu heben – das ist mit „Reinvention“ (Neuerfindung) gemeint. Den Weg dorthin diskutierte Sasa Petrovic, Solution Strategist bei Citrix in Zürich, in seinem interessanten Vortrag „Why your remote work strategy is not sufficient“ (Warum Ihre Remote-Work-Strategie nicht ausreicht). Vor dem Hintergrund, dass Gartner weltweit mit einem Anstieg der Remote-Belegschaft um 80 Prozent rechnet, rät Petrovic zu einer Pestel-Analyse (das Akronym steht für die Strategieaspekte Political, Economic, Sociocultural, Technical, Environmental und Legal).

Hier seien vor allem die Auswirkungen auf die Belegschaft zu berücksichtigen. Interaktion und Zusammenarbeit haben sich, wie Petrovic ausführte, durch die starke Verbreitung von Remote Work grundlegend geändert; deshalb müsse es nun darum gehen, eine neue virtuelle Arbeitskultur zu schaffen. Er rät hier zu Mitarbeiterbefragungen, um die Bedürfnisse der Arbeitnehmer zu ermitteln. Die IT eines Unternehmens befinde sich hier in einer Vorreiterrolle und sei somit aufgefordert, den technischen und kulturellen Wandel voranzutreiben. Für die Umsetzung rät er – ähnlich der Vorgehensweise bei der agilen Programmierung – zu dynamischer Planung, um beim Auftreten von Problemen schnell und flexibel auf alternative Vorgehensweisen ausweichen zu können. Und nicht zuletzt gelte: „Nutzererfahrung und Security müssen in der Balance sein.“

Fragen der Absicherung digitaler Arbeitsplätze diskutierten die Fachleute Javier Lopez Santacruz und Michael Gustafsson in ihrem Vortrag. Als Basis für sichere Remote-Arbeit sehen sie einen zentralen Zugriffspunkt mit kontextbezogenem Zugang, Monitoring und Analysefunktionalität (was – wenig überraschend – Citrix Workspace bietet). Sie betonten die Bedeutung eines VPN-losen Zugriffs: Das klassische VPN – also netzwerkbasierte Zugangssicherheit – eigne sich nicht für eine moderne Security-Architektur.

Wichtig seien vielmehr Single Sign-on (SSO) mit Mehr-Faktor-Authentifizierung (MFA) und flexibler Auswahl des Identity-Providers (Azure AD, Google, Okta etc.), zudem Anwendungssicherheit, Datenschutz- und kontextbezogene Zugriffsrichtlinien, Schutz vor Keyloggern und Screen-Capturing-Malware sowie Policies für sicheres Surfen per Browser-Isolation. Dies alles gelte es auch auf Endgeräten zu gewährleisten, die nicht im Unternehmensbesitz sind – sprich: auf Privatgeräten der Belegschaft.

Arbeitswelt 2035

Diskutierten im Dialog über die Zukunft der Arbeit im Jahr 2035: Citrix-CMO Tim Manahan und Safi Obeidullah, Field Chief Technology Officer bei Citrix.
Diskutierten über die Zukunft der Arbeit im Jahr 2035: Safi Obeidullah, Field Chief Technology Officer bei Citrix, und Citrix-CMO Tim Manahan.
© Citrix

Schon letztes Jahr hatte Citrix sein Studienprojekt „Work 2035“ vorgestellt, in dem der Konzern mittels Expertenanalysen und Umfragen der Zukunft der Arbeit nachspürte (LANline berichtete). Die Ergebnisse dieses Projekts diskutierten Citrix-Chefmarketier Tim Manahan und sein Kollege Safi Obeidullah, Field Chief Technology Officer bei Citrix, im Online-Dialog. Ein Kernpunkt: die Rolle künstlicher Intelligenz für die Zukunft der Arbeit – denn das Gros der Entscheider setzte in der Citrix-Umfrage große Hoffnungen auf KI, viele Arbeitnehmer wiederum sorgten sich um die künstlich-intelligente Konkurrenz. „Hier gibt es ziemlich viel Paranoia“, berichtete Obeidullah, manch einer kaufe der „Hollywood-Maschine“ hier zu viel ab. „KI ist nur die nächste Iteration der Technologie, die wirklich das Potenzial hat, Menschen produktiver zu machen und ihnen zu ermöglichen, ihre beste Arbeit zu leisten“, beschwichtigte er. Hier gleiche die digitale Revolution ihrer Ahnin, der industriellen Revolution: Einfache, repetitive Tätigkeiten entfallen, während zugleich neue Jobs entstehen.

Sein Kollege Minahan ergänzte, man befinde sich an der Schwelle zum Zeitalter des „Augmented Workers“, also des Mitarbeiters, dessen Arbeitsweise durch IT-Hilfsmittel wie etwa Augmented Reality (Mischung digitaler und realer Welt) unterstützt wird. Minahan berichtete von Befürchtungen seitens der Arbeitnehmer, dass in der Zukunft Menschen mit implantierten Mikrochips einen unfairen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt haben werden. Zugleich habe die Umfrage ergeben, dass beinahe jeder zweite Arbeitnehmer bereit sei, ein solches Implantat vornehmen zu lassen, wenn es die Karrierechancen fördert. Dies sei längst keine Science Fiction mehr, so Minahan mit Bezug auf die „Biohacking“-Szene in Schweden, wo Implantate zum Beispiel für die Zugangskontrolle im Unternehmen bereits Verwendung finden.

Laut der Citrix-Umfrage, so Minahan, wollen 80 Prozent der Führungskräfte Remote-Arbeit zum festen Bestandteil ihrer Personalstrategie machen. Vor diesem Hintergrund spekulierten die beiden Redner über eine Zukunft digitaler Nomaden, die von jedem beliebigen Ort aus arbeiten können – reizvoll vor allem für gebildete und ungebundene „Digital Natives“. Ein weiteres Umfrageergebnis: 60 Prozent der Arbeitnehmer erwarten, dass Festanstellungen im Jahr 2035 rar sein werden; man sieht also das Zeitalter der „Gig Economy“ (Arbeit auf Einzelauftragsbasis) am Horizont aufziehen – mit all seinen Vor- und Nachteilen. Künstliche Intelligenz, so die beiden Citrix-Vordenker, könne beiden Seiten hilfreich zur Seite stehen: Arbeitgebern wie Arbeitnehmern – und zugleich werde KI dazu beitragen, Hierarchien abzubauen, weil nämlich manche Entscheidungsebene entfallen dürfte.

Jenseits des Status quo

In seinem EMEA Work Summit zeigte Citrix Möglichkeiten für den Weg in eine mobilere, agilere und resilientere Arbeitwelt auf – auch weit jenseits des rein pandemiebedingten „Arbeitens am heimischen Schreib-, Küchen- oder Sofatisch“. Der Summit replizierte nach dem Stand der Technik das Prinzip Hausmesse als Online-Veranstaltung (siehe Bild oben) in Zeiten von Social Distancing und Remote Work. Die vorproduzierten und untertitelten Präsentationen waren informativ und zudem laut Citrix mit bis zu 4.500 gleichzeitigen Teilnehmern (während der Keynote) gut besucht. Man darf gespannt sein, ob sich das Prinzip Online-Hausmesse etablieren kann und wie es sich weiterentwickeln wird – vor allem nach den Pandemiezeiten, in denen große Teile des Online-Publikums nur hoffen, endlich wieder ins gute alte Büro zurückkehren zu dürfen.


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