Interview mit Dominic Schulz, IBM

Mit Standups, Bots und Cloud gegen die Krise

04. Mai 2020, 07:00 Uhr   |  Von Dr. Wilhelm Greiner.

Mit Standups, Bots und Cloud gegen die Krise

Coronavirus-Pandemie und Ausgangssperren haben das Geschäftsleben in Deutschland von jetzt auf gleich umgekrempelt. Man arbeitet verteilt von Home-Offices aus und online, wo immer es geht - mitunter sogar dort, wo es bislang verpönt war. Viele Unternehmen, vor allem kleinere, hat dieser Digitalisierungsschub kalt erwischt. Bei einem IT-Konzern und Cloud-Provider wie IBM darf man erwarten, dass die Umstellung glatter verlief - und dass zugleich die Nachfrage nach Cloud-Services gestiegen ist. LANline sprach deshalb mit Dominic Schulz, Vice President Hybrid Cloud DACH bei IBM, über die aktuelle Sondersituation, was sie für IBMs Hybrid-Cloud-Business bedeutet, und wie IBM intern mit der Pandemie umgeht.

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"Bei IBM sind wir vergleichsweise Home-Office-erprobt, flexibles Arbeiten war für uns auch in der Vergangenheit schon normal", so IBM-Manager Dominic Schulz. Bild: IBM

LANline: Herr Schulz, wie haben sich die Coronavirus-bedingten Ausgangsbeschränkungen auf den IBM-Alltag ausgewirkt?

Dominic Schulz: Bei IBM sind wir vergleichsweise Home-Office-erprobt, flexibles Arbeiten war für uns auch in der Vergangenheit schon normal. Dadurch hatten wir keinen so großen Umstellungsaufwand. Dank regelmäßigen Austauschs etwa mittels "Daily Standups" kommt im Home-Office kein Lagerkoller auf. Man muss sich derzeit eben mit der Familie über die Nutzung der Internet-Bandbreite abstimmen, und gelegentlich läuft bei Web-Konferenzen halt mal ein Kind durch?s Bild. Das ist aber alles kein Problem.

LANline: Wie haben sich Ihre Interaktionen mit Kunden verändert?

Dominic Schulz: Bei den Kunden ergab sich abhängig von der Rolle des Ansprechpartners teilweise doch eine größere Umstellung. Das sogenannte "Social Distancing" ist ja vor allem eine physische Distanzierung. Deshalb gibt es nun nicht mehr die Erwartung, dass jeder Termin vor Ort stattfindet. Da die Kunden ebenfalls im Home-Office sind und Gespräche online stattfinden, kann ich oft vier oder fünf einstündige Kundengespräche am Tag führen - eine viel höhere Frequenz als früher. Der Kontakt ist dennoch teils sogar intensiver; man erhält ganz andere Einblicke und führt auch andere Gespräche. Ich sehe hier auch eine Chance, Beziehungen mit unseren Kunden zu intensivieren und gegenseitiges Vertrauen aufzubauen. Generell stelle ich eine große Offenheit für das Thema Digitalisierung und verteiltes Arbeiten fest.

LANline: Die Nachfrage nach vielen Cloud-Services ist gestiegen. Wie macht sich das bei Ihnen bemerkbar?

Dominic Schulz: Unsere Public-Cloud-Angebote werden gut nachgefragt, insbesondere das SaaS-Geschäft (Software as a Service, d.Red.) hat nochmals einen deutlichen Schub bekommen. Da die Unternehmen nun stärker verteilt arbeiten, sind SaaS und PaaS (Platform as a Service, d.Red.) besonders relevant. Uns geht es aber nicht darum, aus der Krise möglichst viel Gewinn zu schlagen, sondern Partner der Kunden zu sein und in schwierigen Zeiten zusammenzustehen. Deshalb haben wir viele Angebote umgestellt: Wo wir früher kleine Testumgebungen angeboten haben, offerieren wir nun Umgebungen für 90 Tage gratis im Produktivbetrieb, auch mit großen Bandbreiten. Zum Beispiel ist unsere Endpoint-Management-Lösung MaaS360 nun für die produktive Nutzung 90 Tage kostenlos. Hiermit wird das Remote-Office abgesichert und wir kommen den Kunden entgegen, um schnell Hilfe zu leisten, ohne in ihre Liquidität einzugreifen.

LANline: Welche Auswirkungen haben Sie bei der Nachfrage nach IT-Infrastruktur für den lokalen Betrieb festgestellt?

Dominic Schulz: On-premises wünschen sich die Unternehmen heute atmende Modelle mit flexibler Lizenzierung. Hierfür sind wir mit unseren Committed Term Licenses gut aufgestellt: Mit ihnen gewähren wir ein zeitlich befristetes Nutzungsrecht, um Rechenpower aus dem cloudifizierten Unternehmens-RZ oder der Public Cloud zu beziehen - und zwar aus der IBM Cloud oder aber von AWS, Google oder Azure. Für uns steht im Vordergrund, die "Cloud-Journey" der Kunden möglichst flexibel zu unterstützen.

LANline: Mussten Sie als Reaktion auf die Krise auch IBM-interne Prozesse umstellen?

Dominic Schulz: Die Corona-Pandemie ist auch für uns als IBM ein ungeplanter Stresstest. Neben den geschäftlichen Notwendigkeiten steht für uns vor allem der Schutz der Mitarbeiter im Vordergrund, zudem der Schutz von deren Familien und auch der Kunden. Deshalb haben wir unsere Niederlassungen zu weiten Teilen als mitarbeiterfreie Zonen ausgewiesen, abseits klar definierter kritischer Ressourcen, zum Beispiel für die Cloud-Administration. Aktuell haben wir zudem ein besonderes Augenmerk auf die Supply Chain unserer Hardwareprodukte, aber eben auch auf die Software-Appliances. Dabei nutzen wir für uns die eigene Technologie Sterling sehr erfolgreich, mit der man Transparenz über die Lagerbestände bekommt und die Lieferketten überprüfen kann. Eine weitere Umstellung gab es zudem im Bereich unserer Veranstaltungen. Einige geplante Events werden nun digital stattfinden, so zum Beispiel die Think Digital Anfang Mai.

LANline: Musste IBM aufgrund der Pandemie die Public-Cloud-Infrastruktur skalieren?

Dominic Schulz: Unsere Public Cloud ist großzügig ausgelegt, wir waren auf die aktuelle Situation im weltweit verteilten Cloudverbund mit deutlich über 50 Rechenzentren gut vorbereitet. In Frankfurt zum Beispiel unterhalten wir Instanzen an mehreren Standorten und können zudem flexibel Ressourcen aus anderen Rechenzentren zuweisen. Deshalb mussten wir bei unserer Public-Cloud-Infrastruktur nicht anbauen, es gab keine Kapazitätsengpässe.

LANline: Wie vermeiden Sie, dass das verteilte Arbeiten, das plötzlich vielerorts zum Dauerzustand geworden ist, sich negativ auf die Unternehmenskultur auswirkt?

Dominic Schulz: Im Vertrieb sind wir es gewohnt, an unterschiedlichen Orten zu arbeiten, am Flughafen oder jetzt zu Hause, um die E-Mail-Flut unterwegs zu bewältigen. In der aktuellen Zeit ist Kommunikation alles, sozialer Austausch ist das Zauberwort. Unsere Daily Standups per WebEx nutzen wir deshalb auch für das gemeinsame virtuelle Kaffeetrinken. Wir sprechen über aktuelle Themen, da merkt man, ob alle still sind oder reger Austausch herrscht. Hinzu kommen Online-Meetings, für die wir interessante Personen zu Interviews einladen. Das gibt den Mitarbeitern das Gefühl, Teil des Ganzen zu sein. Dazu kommt natürlich sehr viel offene Kommunikation, All-Hands Calls, Virtual Receptions oder auch sogenannte "Garage Cafés", also virtuelle Kaffeerunden mit Kunden für das Brainstorming oder die Themenvorstellung.

LANline: Welche konkreten Maßnahmen hat IBM getroffen, um mit Covid-19 im Unternehmen umzugehen?

Dominic Schulz: Wir haben in unserer Zentrale in Ehningen einen Krisenstab eingerichtet, der auch den Ärztestamm des Unternehmens umfasst und von einem Kollegen mit vielen Jahren Projekt-Management-Erfahrung geleitet wird. Involviert sind hier auch die Kommunikations- und Markting-Teams. Der Krisenstab stimmt sich mehrmals täglich ab, schafft eine gemeinsame Datenbasis und berichtet dem Management detailliert über den Gesundheitszustand im Unternehmen. Er organisiert auch Dinge wie die Versorung der Mitarbeiter mit Gesichtsschutzmasken und erstellt Anleitungen, wie man mit dem Mundschutz umgeht, auch das will schließlich kommuniziert sein.

LANline: In der IT-Branche findet man häufig die Erwartung, die aktuelle Krise werde die Digitalisierung in Deutschland beschleunigen. Teilen Sie diese Ansicht?

Dominic Schulz: Was man über längere Zeit genutzt und für gut befunden hat, das führt man weiter und fragt sich: Warum habe ich das nicht längst schon früher so gemacht? Unser Arbeitsalltag wird sich durch die Pandemieerfahrung sicher ein Stück weit ändern. Man wird künftig sicher stärker online mit Kunden kommunizieren und Flugzeug oder Auto höchstens für den Ersttermin nutzen. Ähnliches gilt für Automatisierungsprozesse. Die Fluggesellschaften zum Beispiel haben derzeit viele Umbuchungen zu stemmen, das bedeutet viel Aufwand, aber nicht mehr Gewinn. Hier können unsere Robotics-Lösungen sinnvolle Dienste leisten. Infobots, Chatbots oder Voicebots sind dann eine ideale Ergänzung. Ein Watson Voicebot klingt sehr menschlich, man kann sogar die eigene Sprachmodulation hinterlegen. Wenn solche Abläufe funktionieren, warum sollte man sie nach der Krise wieder abstellen? Auch wenn derzeit die akute Hilfestellung im Vordergrund steht, keimen hier Projekte für die Zeit nach der Krise.

LANline: Herr Schulz, vielen Dank für das Gespräch.

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Mit digitalen Hilfsmitteln wie Chatbots und Voicebots lassen sich Abläufe wie etwa die Bearbeitung von Call-Center-Anrufen automatisieren. Bild: IBM

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Mit digitalen Hilfsmitteln wie Chatbots und Voicebots lassen sich Abläufe wie etwa die Bearbeitung von Call-Center-Anrufen automatisieren. Bild: IBM

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