Interview mit Nabil Bukhari, Extreme Networks

Netzwerk-Zwillinge in der Cloud

28. Juni 2022, 7:00 Uhr | Wilhelm Greiner
Connect, Extreme Networks
© Extreme

Auf seiner Anwenderkonferenz Connect kündigte Extreme Networks kürzlich eine Erweiterung seines ExtremeCloud-Portfolios an: Man kann nun digitale Zwillinge von Netzwerk-Equipment erstellen. Dies soll es IT-Organisationen erleichtern, Implementierungen zu beschleunigen und ihre Netzwerke zu optimieren. LANline diskutierte die Möglichkeiten und Grenzen von Digital Twins im Netzwerk mit Nabil Bukhari, CTO und CPO bei Extreme Networks.

LANline: Herr Bukhari, Extreme hat vor ein paar Wochen Digital-Twin-Funktionalität für das Netzwerk-Management vorgestellt (LANline berichtete). Was genau geht damit nun besser oder einfacher, als es vorher möglich war?

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„Networking muss nicht komplex sein“, betont Nabil Bukhari, CTO und CPO von Extreme Networks.
„Networking muss nicht komplex sein“, betont Nabil Bukhari, CTO und CPO von Extreme Networks.
© Extreme Networks

Nabil Bukhari: Zunächst: Die beiden großen Themen für uns bei Extreme Networks sind Universal Networking und die Cloud. Alles, was wir heute herstellen, wird über die gleiche Cloud verwaltet, inklusive des SD-WAN-Angebots aus der Ipanema-Akquisition letztes Jahr. Es geht dabei aber nicht nur um „Single Pane of Glass“ für das Netzwerk-Management – das ist nur der kleinste gemeinsame Nenner. Dorthin bewegen sich derzeit die Anbieter, aber wir denken schon darüber hinaus. Denn ist einmal alles per Cloud verwaltet, stellt sich die Frage: Welche neuen Möglichkeiten eröffnet das? Hier kommt der Digital Twin ins Spiel. All unsere großen Kunden führen vor einem Netzwerk-Deployment eine Phase mit Staging und Verifizierung durch. Es ist zeitraubend sowie personal- und kostenintensiv, ein Staging-Netzwerk aufzusetzen und es dann zu testen, anzupassen, zu verifizieren und letztlich zu installieren. Der Vorgang kann ein paar Tage, aber auch bis zu mehreren Monaten dauern, je nach Netzwerk. Unser Mantra hingegen lautet: Networking muss nicht komplex sein! Denn das verursacht nicht nur Kosten, sondern auch Risiken. Digital Twins sind kein neues Konzept, in der Luftfahrtindustrie zum Beispiel gibt es sie schon lange. Wir haben nun das Digital-Twin-Konzept mit der Power der Cloud zusammengeführt. So können unsere Kunden einen digitalen Zwilling jedes unserer Geräte mit jeder beliebigen Firmware per Knopfdruck aufsetzen, und es verhält sich exakt so wie ein physisches Gerät. Mit einem weiteren Knopfdruck lässt sich dies dann in den Produktivbetrieb übernehmen. Ohne eine einheitliche Cloud-Ebene wäre das nicht möglich. Das Schöne daran: Im Digital Twin läuft exakt der gleiche Code, es geht also nicht nur um einen Simulator. Und das ist nur der erste Schritt.

Digital Twins – im Bild das digitale Doppel eines 5520er-Switches – sollen unter anderem den Rollout von Extreme-Netzwerkgeräten erleichtern.
Digital Twins – im Bild das digitale Doppel eines 5520er-Switches – sollen unter anderem den Rollout von Extreme-Netzwerkgeräten erleichtern.
© Extreme Networks

LANline: Wohin soll diese Reise gehen?

Nabil Bukhari: Unsere Vision ist es, dass man auf diese Weise die komplexesten globalen Netzwerke in der Cloud simulieren kann, und dass dabei der digitale Zwilling exakt den gleichen Zustand hat wie das physische Netzwerk. In der ersten Phase geht es nur um das Staging von Geräten, aber unser Ziel ist es, das gleiche Prinzip live im globalen Netzwerkbetrieb zu nutzen, zum Beispiel für das Security-Management oder um Drift (Abweichungen vom Sollzustand im Alltagsbetrieb, d.Red.) zu erkennen.

LANline: Viele Ihrer Anwenderunternehmen haben sicher nicht ausschließlich Extreme-Equipment im Einsatz, sondern betreiben ein Multi-Vendor-Netzwerk, eventuell verfolgen sie sogar eine Multi-Vendor-Strategie. Ein digitaler Zwilling impliziert nun, dass er die komplette Umgebung abbildet. Deshalb die Frage: Unterstützt Extremes Digital-Twin-Technik auch Geräte von Drittherstellern?

Nabil Bukhari: Das Ideal ist sicher, dass der digitale Zwilling das gesamte Netzwerk abbildet. Technologie ist aber leider nie in einer Weise öffentlich zugänglich, die dies ermöglichen würde. Wir haben jede gute Absicht, dafür zu sorgen, dass Anwender auch digitale Zwillinge anderer Geräte nutzen können. Dies betrifft übrigens nicht nur Netzwerkgeräte, insbesondere am Edge. Da geht es um IoT-Geräte, Handhelds etc. – hier scheint der wahre Nutzen des digitalen Zwillings auf. Dritthersteller-Geräte und Geräte jenseits des Netzwerks sind also definitiv Teil unserer Strategie. Eine erste Vereinbarung in dieser Richtung haben wir mit Zebra getroffen, dem Weltmarktführer für digitale Handheld-Geräte wie etwa Scanner. Wir können die Daten von Zebra-Geräten in unsere Cloud übertragen, dort mit den WLAN-Daten abgleichen und den Anwenderunternehmen so ein viel detailliertes Bild ihrer Umgebung liefern. In Zukunft werden wir Geräte weiterer Hersteller, insbesondere jenseits des Netzwerks, hinzufügen.

LANline: Gibt es denn standardisierte Daten, die Sie für digitale Zwillinge der Geräte anderer Netzwerkhersteller nutzen können, oder geht es dabei ausschließlich um Extreme Networks?

Nabil Bukhari: Im Moment geht es ausschließlich um Extreme Networks. Denn um einen digitalen Zwilling zu erstellen, brauchen Sie den genauen Code des Geräts. Sonst wären lediglich Simulationen möglich, die gibt es schon seit geraumer Zeit, aber um das geht es uns eben nicht.

LANline: Sind denn branchenweite Kooperationen am Horizont sichtbar, die digitale Zwillinge vollständiger Netzwerke ermöglichen könnten?

Nabil Bukhari: Das hoffe ich sehr. Diese Technologie ist ja noch jung. Man wird sehen, wie die Anwenderunternehmen sie einsetzen. Meine Vision ist eine Welt, in der es eine Zusammenarbeit zwischen Anbietern über die Domänengrenzen hinweg gibt – zwischen Netzwerkanbietern, Security-Anbietern, Endgeräte-Anbietern usw. –, um es den Unternehmen zu ermöglichen, umfassende und datenreiche digitale Zwillinge ihrer Umgebungen zu erstellen. Aus meiner Sicht wäre das fantastisch. Aber das ist eine Vision. Wie schnell sich der Markt in diese Richtung bewegt, bleibt abzuwarten.

LANline: Herr Bukhari, vielen Dank für das Gespräch.


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