Interview mit Martin Lüst, Nokia Siemens Networks

Neuer Carrier-Ausrüster

18. Juli 2007, 23:46 Uhr   |  Dr. Wilhelm Greiner

Nach der Übernahme der Siemens’schen Carrier-Ausrüstersparte durch Nokia hat mit Nokia Siemens Networks (NSN) ein großer internationaler Anbieter den Marktplatz betreten. Martin Lüst, Chef des Breitbandzugangsgeschäfts von NSN, gab LANline im Interview einen Ausblick auf die Positionierung des neuen Unternehmens und kommentierte den deutschen Breitbandausbau.

Den Start des neuen Carrier-Ausrüsters bezeichnet Martin Lüst, Head of Broadband Access bei NSN,
trotz der durch den Siemens-Bestechungsskandal bedingten Verzögerung um drei Monate als "sehr gut
gelungen". Er gesteht aber zu, dass es ein "gewaltiger Aufwand" sein wird, die zahlreichen
Mitarbeiter zu einer Truppe zusammenzuschweißen – zumal NSN den Personalbestand bis 2010 laut
Presseverlautbarung um 15 Prozent "anpassen" und somit 9000 Mitarbeiter entlassen wird. In Finnland
will NSN bis zu 1700 Stellen abbauen, hier zu Lande 2900 von 13.000. Vor diesem Hintergrund betont
Lüst, Nokias Carrier-Mannschaft passe "kulturell gut" zum Siemens-Pendant, und zudem bestehe in den
fünf Business-Units ein "klarer Blick, wo wir hinwollen".

Erst jüngst hatte Alcatel den Wettbewerber Lucent geschluckt. Bei solchen Übernahmen werfen
Produktredundanzen stets Fragen auf. In NSNs Fixed-Broadband-Access-Segment aber gibt es laut Lüst
wenig Überlappungen: "Das geplante Portfolio sieht vor, dass bis auf die IP-DSLAMS alle Produkte
weitergeführt werden. Beim IP-DSLAM wird eine einzige Plattform weitergeführt." Branchenkenner
betrachten hier die Ex-Siemens-Lösung als technisch ausgereifter.

Im Broadband Access sieht Martin Lüst gleich mehrere Ansatzpunkte für Synergieeffekte: Erstens
könne NSN als End-to-end-Lösungsanbieter für Festnetz- und Mobilfunknetzbetreiber auftreten;
zweitens eröffne die Fusion mit Nokias Carrier-Business neue Optionen im Kundenzugang bei Carriern,
die auf Nokia setzen; des Weiteren ergäben sich Cross-Selling-Möglichkeiten vor allem beim Mobile
Backhaul; und last but not least könne NSN nun auf sehr umfangreiche Skills im
Carrier-Ausrüstergeschäft zurückgreifen.

Statt des zu Siemens-Zeiten üblichen, länderorientierten Vertriebsansatzes werden sich laut Lüst
spezielle Customer-Teams ganzheitlich um die Bedürfnisse eines Netzbetreibers kümmern. Damit rücke
zum Beispiel der Festnetzbereich mit dem der Mobile-Kollegen wesentlich enger zusammen, sodass sich
unter anderem "innovative Produkte wesentlich schneller in den Markt treiben" ließen.

Angesichts der heutigen DSL-Debatte im deutschen Carrier-Markt sieht Lüst VDSL, das die Deutsche
Telekom (DTAG) propagiert, klar im Vorteil gegenüber ADSL2+, wie es die meisten DTAG-Konkurrenten
verwenden: 16 MBit/s seien als IPTV-Basis "eher zu wenig", insbesondere angesichts der Erwartung,
dass Haushalte künftig mehrere IPTV-Streams parallel beziehen werden. Beim Streit um den Zugriff
auf die Access-Glasfaserinfrastruktur sei der Regulator gefragt – aber nicht nur hier: Aus
Kundensicht ist laut Lüst vielmehr auch ein "Unbundling" auf dem IP-Layer wünschenswert, also auf
der Ebene der Services, die über die Faser laufen. Er sieht generell die alternativen Wettbewerber
in gar keiner schlechten Position gegenüber den Incumbents (Ex-Monopolisten), da vor allem letztere
sehr stark in jene Kupferinfrastruktur investiert haben, die durch IPTV zu veralten droht.
Allerdings gelte gerade hier: "Access ist ein Volume Play". Nur über die Masse ist Gewinn zu
erzielen – nach wie vor ein klarer Vorteil für die jeweiligen nationalen Platzhirsche. Für
Unternehmenskunden sieht Lüst Punkt-zu-Punkt-Carrier-Ethernet in Sachen Next Generation Networks
(NGNs) als gute Alternative zu PON (Passive Optical Networks). Auch hier stelle sich wieder die
Frage nach der Vermarktungsstrategie der DTAG – und damit die nach dem Regulierer.

Carrier Ethernet bietet Vorteile

"Nokia Siemens Networks wird sich stärker im Carrier-Ethernet-Markt positionieren", verspricht
Lüst. Als einen ersten Erfolg führt er NSNs Ausrüsterrolle für das NGN der British Telecom an, das
die Unterstützung für Nortels Ethernet-basiertes Transportverfahren PBT (Provider Backbone
Transport) einschließt. Die Pluspunkte von Ethernet to the Core oder auch EoWDM (Ethernet over
Wavelength Division Multiplexing) seien offenkundig: "Die Kostenvorteile von Ethernet liegen auf
der Hand. Zudem bietet Ethernet mehr Flexibilität als Legacy-Verfahren, und vor allem erlaubt es
als einziges Medium die Umsetzung einer vereinheitlichten Infrastruktur."

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