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Migration in die digitale Arbeitswelt

New Work, New Work

14. Januar 2021, 07:00 Uhr   |  Dr. Wilhelm Greiner

New Work, New Work
© LANline

Auffällig viele Orte in den USA sind „Neu“-Städte: New York, New Jersey, New Brunswick (erraten: das soll „Neu-Braunschweig“ heißen), New Orleans etc. Denn die Menschen, die sich einst in der „neuen Welt“ niederließen, waren zwar bereit, sich ins Unbekannte zu stürzen, suchten dann aber doch immer wieder den Rückgriff auf Vertraut-Altbekanntes. So gibt es in den USA gleich mehrere Berlins, im kanadischen Nova Scotia (erraten: der lateinische Name von „Neuschottland“) sogar ein East- und West-Berlin. Was aber bedeutet das allzu menschliche Amalgam aus Innovationsfreude und Nostalgie für das „neue Normal“ mobiler digitaler Arbeit?

„Old habits die hard“, wie der Amerikaner sagt: Alte Gewohnheiten halten sich hartnäckig. Das gilt erst recht für deutsche Chefetagen. Droht aber eine Pandemie mit tödlicher Infektion, dann geht’s plötzlich doch – Beispiel Remote Work: Laut ifo-Umfrage vom Juli haben drei Viertel der hiesigen Unternehmen pandemiebedingt zumindest Teile der Belegschaft ins heimische Virenvermeidungsbüro geschickt. Immerhin 54 Prozent gaben an, das Home-Office dauerhaft stärker etablieren zu wollen. Und so verkünden die Anbieter von Remote-Work-Technik – von Citrix, Microsoft und VMware bis hin zu Lokalmatadoren wie Matrix42 – erfreut, die Pandemie habe ein „neues Normal“ geschaffen und verhelfe modernen Arbeitskonzepten endlich zum Durchbruch.

Dabei ist das Prinzip Heimbüro alles andere als neu: Laut Bitkom-Zahlen von 2019 erlaubten es immerhin 39 Prozent der deutschen Unternehmen schon vor Corona, zumindest tageweise. Das Home-Office ist ebenso wenig die Zukunft der Arbeit, wie regelmäßiges Lüften die Zukunft des Schulunterrichts ist. Denn bei den Konzepten, die zum Thema „New Work“ oder „Future of Work“ kursieren, geht es nicht um Arbeiten von zu Hause aus, sondern vielmehr um Arbeitsweisen, die weder orts- noch zeit- oder gerätegebunden sind: Es geht um mobiles, flexibles, möglichst selbstbestimmtes Arbeiten.

All das ließe sich mit digitaler Technik längst umsetzen, gäbe es nicht die Angst der Arbeitgeber, ihre Belegschaft würde ohne den wachsamen Blick eines gestrengen Vorgesetzten die Arbeitszeit mit Müßiggang vertändeln. Der Knackpunkt für „New Work“ ist damit häufig kein technisches, sondern ein soziales: nämlich das Vertrauen der Arbeitgeber in ihre Belegschaft.

Während der Lockdowns zeigte sich dann aber, dass Remote Work tatsächlich funktionieren kann, selbst in großem Maßstab. Und so forderte VMware-Managerin Kristine Dahl Steidel bei einem Online-Roundtable zum Thema Zukunft der Arbeit: „Es muss sich etwas in den Führungsteams, an den Management-Stilen und an der Unternehmenskultur ändern.“ (LANline berichtete)

Dr. Carl Benedikt Frey, der an der Universität Oxford als Direktor des „Future of Work“-Programms zur Zukunft der Arbeit forscht, identifizierte in der Diskussion drei Baustellen: Erstens müssten die Unternehmen das Konzept hybrider Arbeit durchdenken und definieren, was vor Ort und was remote erfolgen soll. Zweitens stelle sich die Frage, wie das Büro der Zukunft aussehen soll – schließlich ist eine reine Home-Office-Zukunft meist unerwünscht, und das Berufsbild vieler Menschen erzwingt ein Arbeiten vor Ort im Unternehmen. Frey rät dazu, von der Konzentration der Büros in Innenstädten abzurücken und auch hier verteilter – also ans Umland – zu denken. Drittens gehe es darum, das System der Leistungsevaluation zu reformieren und ergebnisorientiert zu gestalten: „Es wird künftig keine Bonuspunkte mehr für das bloße Erscheinen im Büro geben – oder zumindest sollte es keine mehr geben“, so Frey. Vom alleinigen Fokus auf Effizienzoptimierung rät er jedoch ab: „Effizienz ist nicht dasselbe wie Innovation, und zukünftige Effizienz hängt von Innovation ab!“

Auch Digital-Workspace-Vorreiter Citrix sieht  Remote-Work-Technik als Mittel, um die Produktivität zu steigern, zugleich aber als Möglichkeit, die alltägliche Arbeitserfahrung der Belegschaft („Employee Experience“), deren Work/Life-Balance und letztlich sogar die physische und psychische Gesundheit zu verbessern. Dazu setzt Citrix auf zweierlei: Erstens sollen „Micro-Apps“ – Anwendungsschnipsel, die als klickbare Buttons im Interface der hauseigenen Workspace-Lösung erscheinen – es dem Anwender ersparen, sich mühselig durch Applikationen klicken zu müssen. Hierfür baut der Anbieter seine Workspace-Lösung zunehmend zur (Micro-)Applikationsplattform aus, neuerdings durch Integrationen mit ServiceNow, Workday und anderen. Zweitens setzt Citrix stark auf KI-Assistenten, die den Endanwender künftig bei allerlei Routinetätigkeiten unter die Arme greifen sollen – bis hin zum KI-gestützten „Nudging“, um ihn vor einer allzu ungesunden Arbeitsweise zu bewahren (LANline berichtete). Das Ziel, so Citrix’ Chefstratege und -marketier Tim Minahan in einem Blog-Post: „Roboter werden Menschen nicht ersetzen, sondern werden uns smarter und effizienter machen.“

Matrix42-Chef Oliver Bendig fordert von den Unternehmen ebenfalls mehr Flexibilität bei der Einführung digitaler Arbeitskonzepte. Er weist darauf hin, dass bei der Umstellung „von 1:4 auf 4:1“ (also Remote Work nicht mehr als Ausnahme, sondern als Regelfall) auch die IT-Support-Prozesse anzupassen sind: Man müsse „Bring Your Own Office“ ermöglichen. Das heißt, die IT sollte Anwender auch bei Problemen etwa mit dem heimischen WLAN unterstützen. Als wichtig für den Weg zur digitaleren Arbeit erachtet er unter anderem integrierte Sicherheit der Remote-Work-Lösungen, Hyperautomatisierung und Selbstheilungsfunktionen, ebenfalls mittels KI.
 

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