Corona und die Folgen: Was die Telkos lehren

Offene Systeme gewinnen

03. September 2020, 07:00 Uhr   |  Erich Gerber/jos

Offene Systeme gewinnen
© Wolfgang Traub

Bei allen kurz- und langfristigen Herausforderungen der Corona-Krise kommt eine Erfolgsgeschichte in der Diskussion viel zu kurz: Die Telekommunikationsnetze haben die Situation gemeistert und dadurch das Schlimmste verhindert. Wie war dies möglich? Durch den erfolgreichen Umbau der Netze in Richtung Offenheit – allem proprietären Erbe zum Trotz. Eine Einschätzung des Tibco-Managers Erich Gerber.

Es ist unfair: Solange Infrastrukturen reibungslos funktionieren, nehmen die Anwender dies als selbstverständlich gegeben hin, ohne diese Leistung zu würdigen. Erst wenn sie ausfallen, bemerkt man überhaupt ihre Existenz und reagiert mit großer Aufregung und der hektischen Suche nach Verantwortlichen. Angesichts der Quarantänemaßnahmen und ihrer Folgen für den Netzwerkverkehr hätte dieses Schicksal den Telekommunikationsanbietern durchaus blühen können. Umso erstaunlicher ist es, dass in Zeiten von Home-Schooling und Home-Office, von Videostreaming und Online-Gaming kaum Beschwerden über die Leistung der Netzwerkinfrastruktur zu verzeichnen sind.

Bis noch vor wenigen Jahren haftete Telekommunikationsanbietern ein wenig schmeichelhaftes Image an, nämlich das einer schwerfälligen, monolithischen Blackbox. Man hatte den Eindruck, dass die Anbieter – speziell diejenigen, die aus ehemaligen Staatsbetrieben hervorgegangen waren – den Entwicklungen der Technik und der Marktnachfrage hinterherhinkten. Es schien, als wären die Provider und deren Systeme – oftmals noch Mainframes – nicht in der Lage, den schnellen Ausbau von Kapazitäten oder individualisierte Angebote zu unterstützen.

Wie anders ist die Situation heute: Noch nie wurden die Netze und Fähigkeiten der Telekommunikationsanbieter härter auf die Probe gestellt. So verzeichnete der Betreiber des größten deutschen Internetknotens in Frankfurt am Main DE-CIX am 10. März mit 9,1 TBit/s den höchsten jemals gemessenen Datendurchsatz. Und dennoch bestand zu keinem Zeitpunkt die Gefahr, dass die Kapazitäten nicht ausreichen könnten. Schließlich stehen hier Bandbreiten zur Verfügung, die aktuell einen Durchsatz von bis zu 16,5 TBit/s erlauben würden.

Insgesamt stieg der reine Datenverkehr während der Krise durchschnittlich um zehn Prozent, während das Datenaufkommen durch die Nutzung von Online-Spielen sowie sozialen Medien um 25 Prozent und der Datenverbrauch durch Videokonferenzen um 50 Prozent zulegten – ein Datenvolumen, das tagtäglich über die Netze der Telko-Provider an die Unternehmen und Haushalte weitergeleitet werden muss und dennoch nicht zu Ausfällen oder nennenswerten Leistungsabfällen führt. Ganz offensichtlich halten die Netze, was sie versprechen.

Wie ist das möglich? Sicher gibt es nicht nur den einen Grund, der die Stabilität und Leistungsfähigkeit der Netze in Deutschland erklärt. Kurzfristig spielte sicher eine Rolle, dass der Peak am 10. März zu einem Teil auf ein Einmalphänomen zurückzuführen ist, nämlich das Release von Call of Duty Warzone. Zum anderen hat sich der Datenverbrauch durch Home-Office und Home-Schooling gleichmäßiger über den Tag verteilt. Drittens haben viele Internetkonzerne und Anbieter von Streaming-Diensten – letztere auf Bitten der EU – ihren Datendurchsatz etwa durch langsamere Download-Geschwindigkeiten oder die Senkung der Wiedergabequalität gedrosselt. Doch entscheidender als diese kurzfristigen Phänomene und Maßnahmen, die ein Überschießen des Datenverkehrs vermieden haben, sind die langfristigen technischen und unternehmerischen Entwicklungen, die der Krise vorausgegangen sind.

Zum einen sind die datenintensiven Online-Spiele und Streaming-Dienste kein ganz neues Phänomen mehr. Daher bauen die Betreiber die Netzkapazitäten entsprechend dem Datenverbrauch kontinuierlich aus. Zum anderen speist sich dieser Ausbau in Deutschland nicht nur aus der Kooperation der Telekommunikationsanbieter untereinander, sondern auch mit Unternehmen der Energiewirtschaft, die selbst leistungsfähige Glasfasernetze unterhalten.

Trends konvergieren
Dass diese geschäftlich motivierten Partnerschaften auch technisch abgebildet werden, liegt insbesondere an zwei Mega­trends: Softwaresteuerung und Offenheit. Softwaresteuerung erlaubt die Entkopplung der Ebene der Dienste von der Hardware, sodass sich Netzwerkfunktionen virtualisieren und preiswertere Standard-Hardwarekomponenten verwenden lassen. Offenheit mittels der Unterstützung offener Standards und Schnittstellen sorgt für die Kompatibilität und Integration der Dienste verschiedener Anbieter untereinander und den Aufbau ganzer Ökosysteme. Dadurch lassen sich die Netzwerke so flexibel und agil steuern und skalieren wie nie zuvor.

Diese Offenheit ist es auch, die es den Telekommunikationsanbietern erlaubt, die Kundenerfahrung massiv zu verbessern. Dazu reicht eine Betrachtung des Wegs aus, den die Provider seit der Zeit der minutengenauen Abrechnung von Festnetzgesprächen zu den zielgruppenspezifischen und differenzierten Angeboten auf Flatrate-Basis zurückgelegt haben. Und vor allem: Mit welcher Geschwindigkeit sie heute neue Angebote schnüren oder bereits existierende in ihr Portfolio übernehmen können. Dies gelingt ihren Produktmarketiers aufgrund der Transparenz, die ihnen die neuen technischen Möglichkeiten verschaffen, mittlerweile innerhalb von Stunden oder Tagen – ein Niveau, das ansonsten nur DevOps-Teams erreichen, wenn überhaupt.

Telekommunikationsanbieter sind heute in der Lage, durch die Analyse der bisherigen Kundenhistorie und -präferenzen hoch individualisierte Dienste anzubieten. Diese Analysefähigkeiten sind in die Netze gleichsam eingebaut, sodass sich Trends in einem sehr frühen Stadium erkennen, Aktivitäten priorisieren, Nachfrageausschläge antizipieren und Fehler oder Sicherheitsprobleme im Netzwerk bekämpfen lassen, bevor es zu Ausfällen oder Schäden kommt. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass die in der gegenwärtigen Krise verstärkten oder geborenen Phänomene des Home-Office und Home-Schooling zu neuen Angeboten und Innovationen auf Telko-Seite führen werden. Schließlich sind die Funknetze zu Hause ab sofort genauso relevant wie die drahtgebundenen Breitbandanschlüsse in Bürogebäuden und verlangen nach neuen Sicherheitskonzepten.

Analysefähigkeiten, Softwaresteuerung und vor allem Offenheit sind die Prinzipien, die die anstehende Revolution von Produktion und Konsum leiten und zum Erfolg führen werden: Das Internet der Dinge basiert auf Plattformen, die auch Innovationen wie der smarten Fabrik oder dem autonomen Fahren zugrunde liegen. Nur wenn diese Plattformen nach den genannten Prinzipien aufgebaut sind, lassen sie sich kontinuierlich an die wechselnden Bedürfnisse anpassen und optimieren – über die Grenzen einzelner Anbieter und deren Techniken hinweg. Dies erhöht nicht nur die Effizienz des Wirtschaftens, sondern auch die Sicherheit jedes Einzelnen.

Was die Netzbetreiber in der Pandemie geleistet haben und weiter leisten, war und ist nicht selbstverständlich, im Gegenteil: Dieser immense Erfolg kann und sollte als Vorbild für die weitere Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft dienen, um die Folgen der Krise nicht nur zu meistern, sondern gestärkt daraus hervorzugehen. Proprietäre Ansätze und Einzelkämpfertum sind zum Scheitern verurteilt und gehören der Vergangenheit an. Das haben die Telekommunikationsanbieter mit ihren Infrastrukturen eindrucksvoll bewiesen. Was Gesellschaft und Wirtschaft brauchen, sind robuste und leistungsfähige Technikplattformen, die Schocks absorbieren können.

Erich Gerber ist Senior Vice President EMEA and APJ bei Tibco Software, www.tibco.com.

Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenAuf Linkedin teilenVia Mail teilen

Verwandte Artikel

Tibco