Arbeiten in und nach Pandemiezeiten

Vom Höhlenmenschen zur KI

27. April 2021, 07:00 Uhr   |  Dr. Wilhelm Greiner

Vom Höhlenmenschen zur KI
© LANline

Zukunftsforscher malten uns einst eine „Future of Work“, in der Roboter und künstliche Intelligenz (KI) uns alles Öde und Schweißtreibende abnehmen, auf dass wir uns wohlgemut dem Guten, Wahren, Schönen widmen können. Schließt man vom letzten Jahr auf folgende, wird die Zukunft der Arbeit eher darin bestehen, dass wir uns im Home-Office verschanzen, von Zoom-Konferenz zu Zoom-Konferenz hecheln und ansonsten versuchen, Reste von Haltung zu wahren. Zwar lockt dank Impfstoff ein Licht am Ende des Hausflurs, doch das Tempo deutschen Impfbemühens erinnert stark an das der BER-Baustelle. Nach einem Jahr Pandemie lohnt der Blick darauf, wie die Krise unsere Arbeitswelt verändert.

Der Mensch war schon immer Höhlenbewohner. Nun hat ein Virus ihn über den Umweg von Jagen und Sammeln, Ackerbau und Viehzucht, Manufaktur und Fabrik, Globalisierung und Digitalisierung wieder in die Höhle zurückgedrängt. Die Höhle von heute bietet gegenüber ihrem Steinzeitvorbild zwei wesentliche Vorteile: Erstens ist der moderne Höhlenbewohner nicht mehr von seiner gesamten Sippschaft umgeben, sondern höchstens noch von seiner Kernfamilie – aus Sicht des Verfassers dieser Zeilen ein nicht zu unterschätzender Fortschritt. Zweitens ist die moderne Höhle deutlich breitbandiger ans Internet angebunden als jene aus steiniger Vorzeit. Dies steigert die Vielfalt des Unterhaltungsprogramms und erleichtert auch das Arbeiten ungemein. Musste einst Fred Feuerstein bei dämmrigem Feuerschein sein Werkzeug mühsam selber schnitzen, so bestellt sein aktuelles Pendant derlei Gerätschaft einfach per Internet, ordert einen 3D-Drucker für den Eigenbau oder gründet ein Startup-Unternehmen, um dann mittels Cloud-basierter Collaboration-Tools die Produktion an andere zu delegieren, bevorzugt in einem Niedriglohnland.

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© Bild: Citrix

Oliver Ebel von Citrix rät den Unternehmen, „ihre Werte in einer Welt nach der Pandemie zu definieren“.

Wir sehen also: Auch im Lockdown lässt sich’s leben und arbeiten – zumindest wenn man dank digitaler Technik seiner Tätigkeit überall nachgehen kann. Alle anderen sind gekniffen: Werktätige am Fließband ebenso wie in der Kranken- und Altenpflege, in kommunalen Services oder – sei es auf Befehl eines präsenzfixierten Chefs oder aus Angst vor grottenlangweiligem Einsiedlerdasein – im durchseuchungsfreundlichen Großraumbüro. Der Fokus der IT-Branche richtet sich dabei vorrangig auf die Beschäftigten in der Höhle 4.0, gilt doch mobiles, ortsungebundenes Werkeln mittels allerlei digitaler, Cloud- oder gar KI-gestützter Assistenz als zukunftsweisend.

Das mobile digitale Arbeiten – obschon aus gegebenem Anlass nicht ganz so mobil, wie Arbeitsvisionäre es einst visionierten – machte letzthin bekanntlich einen Riesensprung nach vorn. Wie aber reagierte das frischgebackene – genauer: frischwiederaufgetaute – Höhlenvolk? Aufschluss darüber gibt eine Fülle von Umfragen, darunter zum Beispiel der „2021 State of Work Report für Deutschland“ des Arbeits-Management-Anbieters Workfront. Dieser Bericht nutzt Daten aus zwei Erhebungen, durchgeführt von CGK (Center for Generational Kinetics) im Februar/März 2020 und November/Dezember 2020. CGK befragte hierzulande jeweils 1.000 Werktätige aus Unternehmen mit mindestens 500 Beschäftigten, die – eine angenehm präzise Einschränkung und wichtig für die Einordnung der Ergebnisse – am Computer und mit anderen zusammenarbeiten.

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© Bild: Cisco

„Kein einziges Unternehmen kann sich mehr davor wegdrehen, das Konzept der Arbeitswelt neu zu überdenken,“ sagt Cisco-Managerin Katharina Jessa.

Das digitale Höhlendasein scheint manchen gut zu bekommen. So fühlen sich die deutschen Befragten laut dem Report seit der Pandemie zumindest ein kleines bisschen souveräner, beispielsweise beim Zeit-Management (67 Prozent, fünf mehr als in einer Umfrage kurz vor der Pandemie) oder in der Team-Zusammenarbeit (82 Prozent, plus drei gegenüber dem Präcoronarium). Doch wo Licht ist – der humanistisch gebildete Leser denkt an Platons Höhlengleichnis und nickt wissend –, da ist auch Schatten. So berichteten fast ein Viertel (23 Prozent) der deutschen Befragten von technischen Problemen bei der Arbeit, etwa durch neue Geräte oder Software. 25 Prozent beklagten fehlenden Austausch mit Kollegen.

Nachholbedarf besteht offenbar insbesondere bei der Zusammenarbeit über Ländergrenzen und Zeitzonen hinweg: Nur gut die Hälfte (55 Prozent) der Deutschen bezeichneten sich hier als selbstsicher; bei US-amerikanischen und britischen Befragten waren es 77 beziehungsweise 76 Prozent. Dieser Rückstand dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass die Amtssprache internationaler Unternehmen Englisch ist. Spräche man in Online-Meetings Deutsch, wäre das Verhältnis wohl eher umgekehrt. Hier besteht Hoffnung, dass KI-gestützte Übersetzung und Untertitelung eines Tages auch uns zu souveränen Videoconférenciers machen wird.

Allerdings erachtet nicht einmal jeder zweite deutsche Arbeitnehmer Technologie als sehr wichtig für die Team-Zusammenarbeit (41 Prozent) oder die eigene Bestleistung (42 Prozent). Am wichtigsten war den Dichtern und Denkern, dass die Technik genau auf ihr Arbeitsumfeld abgestimmt ist (80 Prozent); auf „State of the Art“-Technologie legten hingegen nur 64 Prozent Wert. Zugleich fühlten sich jedoch 47 Prozent durch veraltete oder irrelevante Technik weniger produktiv, 33 Prozent gestresster.

In den USA und UK nannten jeweils fast die Hälfte der Arbeitnehmer mangelnde technische Ausstattung als Kündigungsgrund, bei uns hingegen nur 27 Prozent. Hier führte die Krise offenbar zu neuer Bescheidenheit. Präcoronar lag der Wert noch bei 38 Prozent. Auffällig ist der Unterschied zwischen den Generationen: 29 Prozent der Millenials haben laut eigenen Angaben schon eine Stelle abgelehnt, weil veraltete Technik sie abschreckte, bei den Älteren waren es nur 16 Prozent.

Remote Work scheint zu bewirken, dass Beschäftigte sich weniger an ihren Job gebunden fühlen. Der Wert lag bei nur 70 Prozent, neun weniger als im Vorjahr. Denn verteiltes Arbeiten erfordert motivierte Beschäftigte, aber das mit der Motivation ist eben nicht so einfach. Die drei Haupthindernisse für motiviertes Arbeiten in Pandemiezeiten sind laut der Umfrage das Gefühl, nicht genügend geschätzt zu werden (64 Prozent), das Gefühl, die eigene Arbeit sei nicht wichtig (58 Prozent, ein Plus von stolzen 17 Prozent gegenüber 2019) sowie mangelhafte Kommunikation mit Kollegen und Vorgesetzten (64 Prozent). Workfront rät den Unternehmen deshalb, man müsse im Remote-Work-Zeitalter Wege finden, um die Wertschätzung der verteilten Belegschaft zu reflektieren.


 

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