2011 stellte Google erstmals ein HTML5-Framework vor, das die Echtzeitkommunikation im Web-Browser ermöglichen soll. Seither hat sich WebRTC zweifellos zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt. Aber wie geht diese Geschichte weiter? Ist WebRTC auf dem Weg zur disruptiven Technik?

Am 1. Februar 2014 endete eine Ära: Der Vertrieb der Brockhaus Enzyklopädie wurde eingestellt. 200 Jahre lang war Brockhaus praktisch das Synonym für Wissen und unverzichtbares Statussymbol des Bildungsbürgertums. Dann kam die Online-Enzyklopädie Wikipedia – und mit ihr das Aus.

Eine Technik, die bestehende Technologien, Produkte oder Dienstleistungen ersetzt oder vollständig verdrängt, bezeichnet man als disruptiv. Vor einer solchen Verdrängung ist anscheinend niemand gefeit. Ob Kodak, Nokia oder Blackberry: Disruptive Technologien haben viele Markführer, deren Dominanz unumstößlich schien, ins Straucheln gebracht. Ein Schicksal, das auch Hersteller ereilen wird, die uns heute unersetzbar vorkommen.

Es stellt sich die Frage, ob auch WebRTC (Web Real Time Communication) das Potenzial zum echten „Game Changer“ hat. Tatsächlich spricht aktuell vieles dafür. Einer der entscheidenden Wegbereiter ist dabei die All-IP-Umstellung: Sie sorgte nicht nur dafür, dass anstelle von S0-Bus und Durchwahlnummern (DDI) heute SIP-Trunks und Benutzernamen zur Verfügung stehen. Mindestens ebenso wichtig: Im Zuge der All-IP-Umstellung sehen sich Unternehmen gezwungen, ihr Netzwerk aufzurüsten, um die nötige Bandbereite bereitzustellen.

Eine weitere Voraussetzung ist gleichzeitig auch schon ein Beleg für den Siegeszug von WebRTC: Der offene Standard wird heute von allen großen Web-Browsern unterstützt. Mit Chrome, Edge, Firefox, Safari und Opera liegt die Abdeckung bei nahezu 100 Prozent. Speziell mit der Unterstützung durch Apple ist im Juli 2017 die Bandbreite an kompatiblen Endgeräten noch einmal deutlich in die Höhe geschnellt.

Noch aussagekräftiger hinsichtlich der Bedeutung von WebRTC ist aber der Support in Microsoft Edge. Nachdem Microsoft jahrelang darauf hingearbeitet hat, mit CU-RTC seinen eigenen Standard zu etablieren, hat der Konzern im Februar 2017 die weiße Fahne gehisst. Microsoft ersetzt seine eigene Browser-Engine EdgeHtml durch Chromium, integriert damit sozusagen WebRTC in den Edge-Browser und verpasst damit gleichzeitig EdgeHtml und CU-RTC den Todesstoß.

Der nächste Schritt der Erfolgsgeschichte lässt nicht lange auf sich warten: WebRTC wird beim World Wide Web Consortium (W3C) als Candidate Recommendation veröffentlicht.

Keine Lizenzkosten

Damit sind mit Browser-übergreifendem Support, verfügbarer Bandbreite, SIP-Trunks als Breakout und Benutzernamen vier wichtige Voraussetzungen geschaffen. Ein entscheidender Faktor für den Erfolg des Standards ist natürlich, dass der gesamte „Baukasten“ WebRTC, der aus zahlreichen Schnittstellen, APIs und Protokollen besteht, sowohl öffentlich zugänglich als auch frei lizenzierbar ist. Im Vergleich: Für den Einsatz des Video-Codecs H.264 muss man Lizenzgebühren an die MPEG Licensing Administration (MPEG LA) entrichten. Das WebRTC-Pendant zu H.264 – der VP8-Codec – ist ebenso leistungsstark, lässt sich aber kostenfrei einsetzen.

WebRTC bietet aber nicht nur den Kostenvorteil, sondern vor allem extrem ausgefeilte Algorithmen. Ein Beispiel hierfür ist der Opus-Codec: So nutzt beispielsweise C4B Opus inzwischen seit über zwei Jahren und hat hiermit das Softphone für die Unified-Communications-Lösung XPhone Connect realisiert. Opus ist ein intelligenter Codec, der sich automatisch an die zur Verfügung stehende Bandbreite anpasst. Bei knapper Bandbreite wird die Qualität heruntergerechnet. Steht hingegen genügend Bandbreite bereit, wird die Sprache in HD-Audio übertragen.

Hohe Qualität, niedrige Kosten und eine sehr gute Dokumentation: Diese Faktoren allein hätten schon eine starke Durchschlagskraft. Aber im Fall von WebRTC kommen zusätzlich gesellschaftliche Entwicklungen hinzu, die weit über die technologische Dimension hinausgehen. Ganz entscheidend hierbei ist, dass WebRTC die Basis für eine barrierefreie Kommunikation legt.

Dadurch, dass alle großen Browser den Standard unterstützen und beispielsweise die Codecs VP8 und Opus bereits im Browser implementiert sind, fallen die Kommunikationshürden beim Einsatz von WebRTC deutlich niedriger aus als bei vielen anderen Techniken. WebRTC ermöglicht eine systemübergreifende Kommunikation, die ohne Plug-ins auskommt. Die systemübergreifende Kommunikation ist dabei – und das ist der tatsächliche Treiber – gleichbedeutend mit einer unternehmensübergreifenden Kommunikation. Der reibungslose Kommunikationsfluss zwischen Mitarbeitern, Standorten, Unternehmen und Ländern sorgt somit für Effizienz, steigert die Qualität und verbessert das Ergebnis.

Kontaktzentrierte Kommunikation

Ein weiterer grundlegender Wandel betrifft den Adressaten und die Bandbreite von Kommunikation: Während eine Rufnummer in aller Regel auf ein Endgerät ausgerichtet ist, wird eine „IM-Adresse“ einem Kontakt zugeordnet. Gab es früher nur Telefon und Fax, sind die meisten Mitarbeiter heute über zahlreiche Endgeräte erreichbar, die sie zudem in schöner Regelmäßigkeit tauschen beziehungsweise aktualisieren. Um Kommunikation vor dem Hintergrund einer stetig wachsendenden und sich verändernden Device-Landschaft einfach und effizient zu gestalten, ist eine kontaktzentrierte Kommunikation der einzige Weg.

Breiter wird dabei neben dem Zugang auch die Kanalvielfalt. Eine Rufnummer reduziert den Austausch nicht nur auf Sprache, sondern auch die Zahl der Adressaten. In der Grundausstattung lässt eine Telefonanlage zumeist nur Konferenzen mit bis zu fünf Teilnehmern zu. WebRTC ist hier deutlich flexibler: Neben Sprache lassen sich auch Bilder übertragen – egal ob Video oder Desktop – und das zumindest theoretisch an einen beliebig großen Adressatenkreis.

Fazit

Nachdem All-IP-Umstellung und Browser-übergreifender Support das nötige Fundament gelegt haben, sind die Argumente, die für WebRTC sprechen, genug „Treibstoff“, um bestehende Technologien zu überflügeln und – schlussendlich – vielleicht sogar überflüssig zu machen. Jahrzehntelang kannten Telefonanlagen mit G.711 nur eine Sprache. Inzwischen haben die großen PBX-Hersteller angekündigt, künftig auch den Opus-Codec unterstützen zu wollen. Dass sich nun auch die „Dinosaurier“ der Branche geschlossen in eine Richtung bewegen, ist eine beredte Antwort auf die Frage, wie stark WebRTC die Kommunikationswelt verändern wird.

Thomas Pecher-Wagner ist Produktmanager bei C4B Com For Business, www.c4b.com.