Arthur D. Little/Exane-Studie 2011

Breitband mit Lichtgeschwindigkeit - ein Investitionsdilemma für Telekomunternehmen

28. April 2011, 06:55 Uhr   |  LANline/jos

Hier die Ergebnisse und Folgerungen einer Arthur D. Little/Exane-Studie: In Deutschland können derzeit nur drei Prozent aller Haushalte Breitband über einen direkten Glasfaseranschluss (Fibre to the Home) bei Telekomunternehmen und Stadtwerken bestellen - aber 50 Prozent können bereits 50- bis 100-MBit/s-Breitbanddienste bei einem der deutschen Kabelnetzbetreiber nutzen.

Die Kabler gewinnen daher massiv Anteile im Markt für superschnelles Breitband. Zwar werden solch hohe Bandbreiten von Haushalten bislang noch kaum benötigt – da Kabler diese Highspeed Breitbandangebote zu einem geringen Aufpreis gegenüber DSL-Angeboten der Deutschen Telekom und ihrer Festnetzwettbewerber anbieten, greifen Kunden jedoch verstärkt bei den Kablern zu.

Festnetzbetreiber stehen daher vor einem Investitionsdilemma: Sollen sie riskieren, Anteile im Zukunftsmarkt für superschnelles Breitband zu verlieren – oder zig Milliarden trotz unsicherer Profitabilität investieren, um ihre Position zu halten? Eine Lösung liegt in Netzpartnerschaften: Festnetzanbieter können Partnerschaften zum Beispiel mit Energieversorgern eingehen, um gemeinsam die Glasfaserinvestitionen zu stemmen – die Studie zeigt: Dies kann die Zehnjahres-Investitionsrendite von zwölf auf 23 Prozent verdoppeln.

Die Deutsche Telekom und alternative Festnetzbetreiber müssen den Ausbau ihrer Glasfasernetze deutlich beschleunigen, um nicht den Anschluss im Zukunftsmarkt „Breitband mit Lichtgeschwindigkeit“ zu verlieren. Dies geht allen Westeuropäischen Festnetzanbietern ähnlich: Bis 2015 werden sie zusätzliche und bisher nicht geplante 18 bis 40 Milliarden Euro investieren müssen – rund 2,5 bis fünf Prozent ihres Umsatzes. Dies trotz unsicherer und niedrigerer Profitabilitätsaussichten, der Wettbewerb zwingt sie schlicht dazu. Aus diesem Grund werden sie zunehmend Partnerschaften eingehen müssen, um Glasfaserinvestitionen in Milliardenhöhe gemeinsam zu stemmen: Trägt zum Beispiel ein Partner 25 Prozent dieser Investitionen, verdoppelt sich die Zehnjahres-Investitionsrendite von zwölf auf 23 Prozent.

Dies sind Kernergebnisse der zehnten Auflage der Gemeinschaftsstudie des renommierten Brokerhauses Exane BNP Paribas und Arthur D. Little, die den europäischen Markt für superschnelles Breitband untersucht.

Wettbewerbsgetriebener Breitbandausbau – Kabelnetzer haben Nase vorn: Weniger als drei Prozent der Haushalte in Deutschland können direkt an ein Glasfasernetz angeschlossen werden – eine im Vergleich zu Japan (49 Prozent) und Südkorea (37 Prozent) verschwindend geringe Zahl. 25 Prozent der deutschen Haushalte könnten zumindest einen VDSL-Breitbanddienst abonnieren – VDSL ist jedoch im Vergleich mit den Diensten der Kabelnetzbetreiber deutlich langsamer und daher nur bedingt wettbewerbsfähig. Kabelnetzbetreiber decken bereits 50 Prozent aller Haushalte mit der ultraschnellen DOCSIS-3.0-Technolgie ab – dies ermöglicht ihnen, 50- bis 100-MBit/s-Breitbandverbindungen „in Lichtgeschwindigkeit“ anzubieten – und zwar zu einem nur geringen Mehrpreis gegenüber DSL. Kabel Baden-Württemberg bietet zum Beispiel sehr attraktive Doppel-Flat-Tarife an: Eine 50-MBit/s-Breitbandverbindung inklusive Festnetztelefonanschluss kostet 39,90 Euro/Monat – zusätzlich zu den Kosten für den Kabelfernsehanschluss.

„Kabelnetzbetreiber gewinnen stetig Marktanteile und beginnen, den Zukunftsmarkt für superschnelles Breitband zu dominieren – Festnetzbetreiber müssen reagieren und ihre Glasfasernetze zügig ausbauen – am besten in Netzpartnerschaften, um die Milliardeninvestitionen auf mehrere Schultern zu verteilen“, so Klaus von den Hoff, Leiter der globalen Time-Practice bei Arthur D. Little.

Ausbauprognosen: Festnetzer stehen vor Milliardeninvestitionen. Die europäischen Festnetzbetreiber beschleunigen den Ausbau ihrer Glasfasernetze, um ebenfalls superschnelles Internet anbieten zu können: Bis Ende 2015 werden sie 49 Prozent aller Haushalte die Möglichkeit anbieten, zumindest mit VDSL-Geschwindigkeit surfen zu können – Ende 2010 lag der Wert noch bei 20 Prozent.

Neben dem weiteren Ausbau der VDSL-Netze über „Fibre to the Curb (FTTC)“ müssen sie zumindest in Stadtzentren auch Milliarden in die „Fibre to the Home“-Netze investieren. Einzelne alternative Festnetzbetreiber machen dies bereits vor: Netcologne in Köln oder M’Tel in München bauen Glasfasernetze bis in den Haushalt aus, um zahlungskräftige Kunden in attraktiven Stadtzentren gewinnen zu können. Die Deutsche Telekom hat ebenfalls eine Beschleunigung angekündigt, und will bis Ende 2012 zunächst einmal zehn Prozent aller Haushalte mit Fibre to the Home anbinden.

Doch die Situation ist verzwickt: Der Wettbewerb zwingt zu einem zügigen Ausbau – der jedoch nur auf eine „“börsenkursfeindliche““ Zehnjahressicht profitabel sein wird: Die Studie prognostiziert, dass TK-Betreiber ihre Investitionen auf 2,5 bis fünf Prozent vom Umsatz erhöhen müssen – aber auf ihre Glasfasernetze erst 2021 eine Investitionsrendite von niedrigen zwölf Prozent erreichen werden, und das auch nur in Innenstadtlagen. Investieren sie jedoch nicht, riskieren sie, im Zukunftsmarkt für superschnelles Breitband die Führung an Kabelnetzbetreiber abzugeben.

Um dieses Investitionsdilemma zu lösen, stellt die Studie Lösungsansätze vor: Telekommunikationsanbieter können Netzpartnerschaften eingehen, um die hohen Glasfaserinvestitionen gemeinsam zu stemmen. Wenn ein Partnerunternehmen nur ein Viertel der Investitionen trägt, kann der größere TK-Anbieter seine Zehnjahres-Investitionsrendite schon auf 23 Prozent verdoppeln.

Europaweit entstehen laufend neue Kooperationen, während wir in Deutschland nur erste Ansätze solcher Partnerschaften beobachten. „Sogar 'Incumbents' (marktführende Telekommunikationsanbieter) wie die Swisscom, holen sich daher zunehmend Partner an Bord – sie können damit die Profitabilität der Glasfaserinvestitionen verdoppeln und den Kablern schneller und besser Paroli bieten“, so Klaus von den Hoff.

Die Swisscom kooperiert mit den jeweiligen Energieversorgungsunternehmen in den größten Städten der Schweiz, um dort gemeinsam bis zirka 2018 knapp 100 Prozent aller Haushalte mit „“Fibre to the Home““-Anschlüssen zu bedienen. Wird unser Nachbarland Schweiz Deutschland daher mit „Lichtgeschwindigkeit“ überholen?

Über die Studie: Die 10. Auflage der jährlich erscheinenden Gemeinschaftstudie von Exane BNP Paribas und Arthur D. Little untersuchte in diesem Jahr den Markt für superschnelles Breitband in Westeuropa, genauer in den neun Ländern Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Belgien, Niederlande, Portugal, Spanien, Italien und Österreich. Die Studie definiert alle Breitbanddienste, die das Potenzial haben, Übertragungsraten von 50 MBit/s oder mehr im Download anzubieten, als „superschnelles Breitband“. Die Analyse wurde auf der Grundlage von 115 Interviews mit Executives von 94 führenden Telekommunikationsanbietern, Energie-Netzbetreibern und Regulierungsbehörden erstellt.

Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenAuf Linkedin teilenVia Mail teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Plattform für Breitband und Content
Breitband für Reisende

Verwandte Artikel

Breitband

Kabel