Mit einem erneuten Rekord endete am 1. März der diesjährige Mobile World Congress in Barcelona. 67.000 Besucher meldete der Veranstalter GSMA, satte elf Prozent mehr als im Vorjahr. Mehr Wachstum verkraftet das wohl charmanteste Messegelände der Welt am Fuße des Mont Juic nicht mehr – ab 2013 werden gerade neu entstehende Hallen in der Nähe des Flughafens den Event beherbergen. Thematisch standen dieses Jahr das schnelle mobile Internet mittels LTE (Long Term Evolution), mobile Terminals in allen Facetten zwischen Smartphone und Tablet sowie einmal mehr die Apps im Mittelpunkt.

 

 

Die mobile Welt der Zukunft braucht vor allem eines: Bandbreiten ohne Ende. Zum einen gibt es immer mehr Nutzer im mobilen Internet, zum anderen nutzen diese immer bandbreitenintensivere Dienste – vor allem Video. Damit richten sich die Augen zunächst auf die Mobilfunk-Provider und Hersteller, die diese mit entsprechendem Equipment beliefern. Mit Light Radio hatte beispielsweise Alcatel-Lucent im vergangenen Jahr das Konzept einer sehr effizienten LTE-Infrastruktur vorgestellt. Die Fachwelt war gespannt, was nun daraus geworden ist. Der französisch-amerikanische Konzern konnte in diesem Jahr die fertigen LTE-Infrastrukturprodukte präsentieren, die es Providern erlaubt, kostengünstig und granular bedarfsgerechte Netze aufzubauen.
 
Konkurrent Nokia Siemens Networks (NSN) betreibt mit Hochdruck seine strategische Neuausrichtung auf das mobile Breitband. Dies zeigte sich auch in Barcelona wieder sehr anschaulich. Im Mittelpunkt stand das letzten Sommer ins Leben gerufene Liquid Net, eine mobile Netzwerkinfrastruktur, für die es in Barcelona eine Reihe neuer Funktionen und Erweiterungen zu sehen gab. Liquid Net soll über eine ganz besondere Eigenschaft verfügen, die es laut NSN auf der Ebene der Kernnetze weltweit sonst in keiner anderen Lösung gibt: Es organisiert und optimiert sich selbst (intelligent Self Organising Network – kurz iSON). Die Automatisierung der Kernnetzverwaltung soll bis zu 15 Prozent der Betriebskosten einsparen.
 
Bestandteil von Liquid Net ist auch das Flexi-Multiradio-Antennensystem, das auf der Active-Antenna-System-Technik (AAS) von NSN basiert. Die aktive Antenne bildet dynamisch bewegliche Strahlenbündel von Funksignalen, die auf einzelne Benutzer gerichtet oder auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt werden können. Resultat soll eine signifikante Erhöhung der Kapazität und Abdeckung der Basisstation sein – laut NSN in Größenordnungen bis 65 Prozent. Die Praxistauglichkeit dieser Lösung demonstrierte NSN in Barcelona zusammen mit Telecom Italia.
 
Auf Architekturebene unterstützt diesen Ansatz ein neues Konzept, das NSN Flexi-Zones nennt. Ziel dabei ist es, mobiles Breitband auch in Bereichen mit einer sehr hohen Dichte möglichst effizient bereitzustellen. Ein weiteres Schlüsselmerkmal von Liquid Net ist das integrierte Ende-zu-Ende-Bandbreiten-Management, das Bandbreiten automatisch nach Applikation und Endgerät steuert. Beispielsweise bekommt etwa ein Smartphone mit seinem relativ kleinen Bildschirm eine deutlich niedrigere Auflösung geliefert als ein Tablet oder ein Laptop. Neben entsprechenden neuen Netzwerk-Intelligence-Tools, die Daten in Echtzeit sammeln, auswerten und zur Steuerung nutzen, soll die neue Liquid-Radio-GSM-Software generell Datenraten in 2-, 3- und 4G-Netzen optimieren.
 
Schwerer Stand der Apple- und Google-Herausforderer
 
Erneut konnte in Barcelona das Android-System der Open Handset Alliance (mit Hauptmitglied Google) seine Führungsposition ausbauen – das Gros der neuen Smartphone- und Tablet-Modelle bei nahezu allen einschlägigen Herstellern basiert auf diesem System. Apple ignorierte den MWC erneut – war dort also wieder ausschließlich über die Ios-Applikationen für seine Iphones und Ipads vertreten. Microsoft als Top-Herausforderer trommelte auch in diesem Jahr wieder heftig, aber um auf Augenhöhe mit der Konkurrenz zu sein, müsste der Desktop-Primus einige Systemschwächen beseitigen – etwa bezüglich Bildschirmauflösung und Farbunterstützung – die rigiden Vorgaben bei der Hardware lockern und natürlich einen besser gefüllten App-Shop vorweisen.
 
In allen Punkten ruhen große Hoffnungen auf Windows Phone 8 (WP8), dessen Markteinführung aber voraussichtlich noch um die neun Monate dauern wird. Mit etwas Glück schaffen es die ersten WP8-basierenden Smartphones noch zum Weihnachtsgeschäft 2012. Zur Messe stellte Microsoft eine Vorschauversion des Windows-8-Desktop-Systems vor, die seither jedermann zum Probieren herunterladen kann.
 
Immerhin, mit seinen dynamisch ihre Inhalte aktualisierenden Kacheln – dem Metrodesign von Windows Phone 7, ist Microsoft in Verfolgerfeld deutlich nach vorne gerückt und hat im Einerlei der Wischbretter klare Akzente gesetzt. Und die Zahl derer, die sich dafür begeistern, nimmt offenbar spürbar zu. Zumindest legen die Verkaufserfolge der aktuellen WP7-Modelle, allen voran die des Nokia Lumia 800, diesen Schluss nahe. Den Weg zu WP8 will Microsoft seinen Nutzern mit zwei weiteren Updates versüßen, die im Abstand von wenigen Monaten kommen sollen. Noch im laufenden Quartal soll Tango neuen Schwung bringen, wobei viele bereits hier zumindest eine teilweise Abschaffung der straffen Hardwarevoraussetzungen für die Smartphones erwarten.
 
Später im Jahr ist noch Apollo geplant. Das, wofür Microsoft in Barcelona Begeisterung anzuheizen suchte, waren primär die Applikationen. Das Defizit gegenüber Android und Apple ist zwar nach wie vor eklatant, aber immerhin bekommt auch der Microsoft App-Store mit derzeit etwa 65.000 Anwendungen langsam so etwas wie eine kritische Masse. Mit Anwendungen wie Skype sind nun auch echte „Killer-Apps“ für WP verfügbar. Microsoft will sich zwar erklärtermaßen mehr mit der Qualität als der Quantität der Apps hervortun – aber ein gewisses Mindestspektrum sollte schon sein.
 
Die Rolle als vollständig herstellerunabhängiger, Open-Source-basierender Underdog hatte in Barcelona in den vergangenen Jahren gerne Limo (Linux-Mobile-Foundation) inne. Wahrhaft offen und unabhängig von Einzelinteressen bestimmter Hersteller verlor diese Initiative jedoch an Schlagkraft, verbündete sich mit Meego (seinerseits bereits ein Zusammenschluss von Nokias Maemo und Intels Moblin) und will nun als Tizen-Projekt neu durchstarten. Außer einer Beta-Version und der Ankündigung, dass nun auch Huawei dem Bord of Directors (in dem neben Tizen-Gründer Intel und Samsung auch Mitarbeiter von NEC-Casio, NTT Docomo, Orange, Panasonic, SK Telecom, Telefonica und Vodafone sitzen) beigetreten ist, gab es dazu aber auf dem MWC nichts Nennenswertes zu vermelden.
 
Dagegen überraschte Mozilla mit einer eigenen Initiative, die ebenfalls den Open-Source-Gedanken stärken soll. Für „Boot 2 Gecko“ verlangt Mozilla wie die Open Handset Alliance für Android und künftig auch das Tizen-Projekt für ihr System keine Lizenzgebühren. Mozilla hat aber in Sachen Internet und Open Source bei vielen Anwendern Kultstatus, der aktuell vor allem mit dem Firefox-Browser hochgehalten wird. Bausteine daraus sollen auch für Boot 2 Gecko zum Einsatz kommen – sicher ein technischer Pluspunkt für Mozilla. Der eigentliche Clou dürfte aber in der Vermarktungsstrategie liegen, die die Mobilfunk-Provider mit ins Boot holt. Ihnen will Mozilla die Türen öffnen, um eigene Dienste softwaretechnisch in den Tiefen des Systems zu verankern. Die spanische Telefonica ebenso wie die Deutsche Telekom haben bereits angekündigt, noch 2012 entsprechende Smartphones auf den Markt zu bringen. 
 
Bei Nokia gab es neben der fehlerfrei vorgeführten Pflicht in Form der neuen Windows-Mango-Smartphones – das Lumia 900 fürs High-end und das Lumia 610 für App-affine Einsteiger – auch eine äußerst sehenswerte Kür. Dabei machten die Finnen klar, dass die eigenen Betriebssysteme, allen voran Symbian, keineswegs auf dem Abstellgleis gelandet sind. Vielmehr sollen mit ihnen auch langfristig Märkte bedient werden, in denen es nicht um Apps, sondern primär um Telefonie geht – gegebenenfalls eben unterstützt durch fest integrierte Zusatzfunktionen. So hat Nokia seit dem Neustart im vergangenen Jahr allein für Symbian sechs neue Telefone entwickelt, darunter mit dem Pureview 808 den vielleicht spektakulärsten Knaller der Show: Das Smartphone verfügt über einen 41-Megapixel Bildsensor, der in Verbindung mit einer neuen Bildbearbeitungssoftware noch nie da gewesene Ergebnisse liefern soll. Tatsächlich war dies kein Messe-Gag (wie viele zunächst vermuteten). Das Gerät, das außerdem über Tonaufzeichnung in CD-Qualität und Dolby Digital Plus verfügt, soll tatsächlich ab Mai/Juni dieses Jahres in den Handel kommen.
 
Das Handy übernimmt immer mehr Funktionen und entwickelt sich zur persönlichen Kommandobasis aller Lebensbereiche, die heute durch technische Geräte unterstützt sind. Apps machen das Smartphone zur Universalfernbedienung für TV- Video- und Hi-Fi-Anlage, zum Öffner des Garagentors, zur Steuerzentrale für Licht und Heizung, zum Wächter von Puls und Herzrhythmus – der Fantasie sind nahezu keine Grenzen gesetzt. Nicht alles lässt sich über Apps allein abdecken – manchmal ist auch bestimmte Hardware nötig und manchmal zusätzlich ein eigenes Ökosystem an bestimmten Providern. Ein Beispiel dafür ist das Smartphone als digitale Brieftasche inklusive Bezahlfunktion, Schlüsselbund (Zugangssteuerung), Fahrkarten und vielem mehr.
 
Mit Giesecke & Devrient (G&D) war es ein deutscher Hersteller, der mit seinen Komplettlösungen für sichere digitale Mobilanwendungen wie eben der digitalen Brieftasche hohe Aufmerksamkeit erzielte. Er präsentierte unter anderem Lösungen für sämtliche Aspekte des NFC-Zahlungsverkehrs (Near Field Communications, also drahtlose Datenübertragung im Bereich von weniger als einem Zentimeter) einschließlich Trusted-Service-Management (TSM), M2M- (Maschine-zu-Maschine), SIM- und Geräte-Management. Die Lösungen sollen insbesondere für Netzbetreiber, Banken, Nahverkehrsunternehmen und OEMs von Interesse sein.
 
Passend zum Kongress gab Intel bekannt, G&D für das Lebenszyklus-Management der eingebetteten Secure Elements des Intel-Smartphone-Referenzgeräts ausgewählt zu haben. Intel hat sein erst vor Kurzem angekündigtes Smartphone-Referenzgerät zusätzlich zum herkömmlichen SIM-Kartensteckplatz mit einem eingebetteten Secure-Element ausgestattet. G&D soll die Partitionierung und Schlüsselverwaltung der eingebetteten Secure Elements over-the-Air, also über das Mobilfunknetz, übernehmen. Durch eingebettete Secure Elements entsteht ein zusätzlicher geschützter Bereich für sicherheitssensible Anwendungen wie Zahlung oder Ticketing mittels NFC-Technik.
 
 
Der Autor auf LANline.de: ElCorrespondente

Messekuriosität: Nokia zeigte mit dem Pureview 808 ein Fotohandy auf Symbian-Basis mit 41 Megapixel Auflösung. Es soll noch im zweiten Quartal dieses Jahres auf den Markt kommen. Foto: Stefan Mutschler

Alcatel-Lucent versorgte das Messegelände in Barcelona über seine Light-Radio-4G-Infrastruktur mit mobilem Highspeed. Ein spontan mittels Android-App durchgeführter Speed-Test ergab fast 87 MBit/s in Down- und gut 18 MBit/s im Upstream. Foto: Stefan Mutschler

In diesem Jahr war die Fiera am Fuße des MontJuic zum letzten Mal Herberge des Mobile World Congress. Ab nächstem Jahr soll die Show in ein neu gebautes Messegelände umziehen. Foto: Stefan Mutschler

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