Die neue 5G Mobilfunktechnologie, die nun zunehmend in den globalen Netzen der Carrier Einzug hält, befeuert den Telekommunikationsmarkt in einem noch nie dagewesenen Tempo. Diese Botschaft sprang den Besuchern auf dem diesjährigen MWC in Barcelona förmlich ins Auge: Es gab wohl kaum einen Stand, auf dem nicht das „5G“-Logo prangte. Neben Basis-Technik, Netzwerken und Endgeräten standen zahlreiche Anwendungen im Mittelpunkt — vom Smart Home bis zum autonomen Fahren. Besondere Aufmerksamkeit erlangte die Diskussion um einen chinesischen Telekommunikationsausrüster.

Die Königsdisziplin für Endgeräte ebenso wie für Netzwerke sind schnelle (Echtzeit-)Spiele in hoher Auflösung. Die Anforderungen an Übertragungsgeschwindigkeit und Latenz sind hier in der Regel deutlich höher als bei „seriösen“ Anwendungen wie Fernoperationen oder die Fernsteuerung schwerer Maschinen. Beim am Ericsson-Stand vorgestellten Cloud-Gaming streamten die Nutzer ein Videospiel, das der Carrier in einem Edge-Rechenzentrum renderte. Diese Möglichkeit bietet die von Ericsson zum MWC neu vorgestellte 5G-Hardware. Latenzzeiten von weniger als 20 Millisekunden Ende-zu-Ende sorgten hierbei für ein ruckelfreies Spielerlebnis. Da es aktuell noch kein Endgerät für diesen speziellen Anwendungsfall von 5G gibt, mussten die Ericsson-Experten die 5G-Anbindung des iPads simulieren.

Erst vergangenen September hat Ericsson seine Zusammenarbeit mit dem Netzwerker Juniper Networks vertieft — angeblich mit durchschlagendem Erfolg: Mehr als 20 neue Kunden habe man seither gemeinsam gewinnen können. Auf dem MWC gaben die beiden Partner nun einen weiteren Ausbau der Partnerschaft bekannt. Diesmal gehe es darum, die gemeinsamen 5G-Transport-Netzwerk- und Security-Lösungen zu verbessern. Service-Provider setzen die kombinierten Portfolios von Ericsson und Juniper ein, um die benötigte Transportinfrastruktur zur Verfügung zu stellen sowie um Betrieb und Service für 5G-fähige Netzwerke zu stemmen, so die beiden Hersteller. Oberste Prämisse sei dabei eine reduzierte Komplexität und eine einfache Handhabung. So arbeite Junipers SDN-Controller NorthStar jetzt Hand in Hand mit der Ericsson Dynamic Orchestration Suite und biete so eine nahtlose Kontrolle vom Mobilfunkstandort bis zum Kernnetzwerk – einschließlich des Rechenzentrums-Gateways. Laut Ericsson ergibt sich daraus eine deutliche Verbesserung der eigenen Network-Slicing-Lösung.

Auf der Messe gab Ericsson auch den Kauf des Antennen- und Filtergeschäfts vom deutschen Hersteller Kathrein bekannt. Mit 5G erfährt das Antennengeschäft derzeit einen gravierenden Wandel: Schließlich muss man mehrere Frequenzen und Technologien zeitgleich bedienen, während man parallel Radios und Antennen konsolidieren und sogar integrieren muss, um die Nutzung des Raumes am Mobilfunkstandort und die gesamte Netzleistung zu optimieren. Kathrein hat nach Einschätzung von Ericsson auch international ein sehr gutes Standing im Antennen- und Filtergeschäft. In beiden Bereichen verfügten die Rosenheimer über eine starke Forschungs- und Entwicklungsorganisation mit langjähriger Erfahrung im Design und in der Forschung von Antennen sowie ein umfangreiches IPR-Portfolio (Intellectual Property Rights/Rechte an geistigem Eigentum). Neben der Erweiterung des Ericsson-Portfolios an Antennen- und Filterprodukten soll die Akquisition entscheidende Kompetenzen für die Entwicklung von modernen Radio-Netzprodukten mit sich bringen.

Intel zielt auf 5G-Funkstationen

Auch auf Chip-Ebene war auf dem MWC 5G das dominierende Thema. Platzhirsch Qualcomm bekommt langsam mächtige Konkurrenz zu spüren — neben China auch zunehmend vom amerikanischen Konkurrenten Intel. Der Primus bei den PC-Chips hat Anfang 2019 eine großangelegte Offensive zur Eroberung des 5G-Marktes gestartet. „5G läuft auf Intel“ war zumindest auf dem MWC-Stand von Intel bereits Realität (siehe Bild oben, Bild: Intel).

Die 5G-Strategie von Intel umfasst zumindest derzeit nicht Endgeräte wie Smartphones, sondern die technische Infrastruktur im Netz. Auf der diesjährigen CES in Las Vegas hatte der US-Konzern eine neue Chip-Familie mit dem Code-Namen Snow Ridge vorgestellt, die auf den Mobilfunkstationen zum Einsatz kommen soll. Bis zum Jahr 2022 will der Chip-Hersteller 40 Prozent dieses Marktes erobert haben. Einen ersten großen Erfolg konnte Intel auf dem MWC verkünden: So will Ericsson künftig Snow Ridge in seinen 5G-Basisstationen einsetzen.

Auch am Edge will Intel künftig stärker präsent sein. Auf dem MWC präsentierte das Unternehmen mit Open Network Edge Services Software (OpenNESS) ein Toolkit, das offene Zusammenarbeit und Anwendungsinnovation am Netzwerk- und Unternehmensrand fördern soll. „Der Netzwerkrand bietet neue Möglichkeiten, die näher am Punkt der Datenerstellung und -nutzung liegen. OpenNESS ist eine Open-Source-Referenzsoftware, die wir zur Verfügung stellen, damit das Ökosystem neue Edge-Anwendungen und -Dienste entwickeln und bereitstellen kann“, erläuterte Sandra Rivera, Intel Senior Vice President und General Manager der Network Platforms Group.

Krieg der Lauscher

Ein besonders delikates Thema war Huawei auf dem MWC. Die meisten Carrier bescheinigen den Chinesen ein 5G-Portfolio, das global mit zum umfangreichsten und ausgereiftesten gehört. Unter anderem hat Huawei kürzlich den Core-Chip Tiangang vorgestellt, der wie Intels Snow Ridge speziell für 5G-Basisstationen entwickelt wurde. Der Chip unterstütze eine großflächige Integration von aktiven Leistungsverstärkern (PAs) und passiven Antennenarrays in sehr kleine Antennen. Darüber hinaus verfügt der Chip laut Hersteller über eine extrem hohe Rechenleistung, die im Vergleich zu früheren Chips um das 2,5-fache gestiegen ist. Mit neuesten Algorithmen und Beamforming-Technik steure ein einzelner Chip bis zu 64 Kanäle an. Tiangang unterstütze auch die 200 MHz hohe Spektralbandbreite und sei damit auch für zukünftige Netzwerkinstallationen gerüstet.

Bei allen positiven Signalen — Huawei leidet derzeit stark unter den schwerwiegenden Diskreditierungsversuchen, die federführend von den USA gegen den weltgrößten Telekommunikationsausrüster angestrengt werden. Der Vorwurf, den verschiedene Regierungsorganisationen gegen Huawei und dessen kleineren chinesischen Rivalen ZTE vorbringen, zielt darauf, dass ihre Produkte „Hintertüren“ beinhalten mit denen die chinesischen Behörden andere Länder ausspionieren können sollen. Guo Ping, Rotating CEO von Huawei, fand auf dem MWC dazu sehr klare Worte: „Prisma, Prisma an der Wand. Wer ist der Vertrauenswürdigste im ganzen Land? Das ist eine wichtige Frage, die man stellen muss. Und wer das nicht versteht, der frage Edward Snowden. Wir dürfen keine Prismen, Kristallkugeln oder Politik benutzen, um Cybersicherheit zu organisieren. Das ist eine Herausforderung, die wir alle teilen.“ Mit diesem Statement (aus dem Englischen durch die Redaktion frei übersetzt) spielte Guo Ping überraschend offensiv auf das Lauschprogramm „Prism“ des amerikanischen Geheimdienstes NSA an.

Globale Sicherheitsstandards für 5G gefordert

Auf seiner vielbeachteten Rede auf dem MWC forderte der Huawei-Mann eine internationale Zusammenarbeit bei Industriestandards und appellierte an Regierungen auf der ganzen Welt, Cyber-Sicherheitsexperten zuzuhören: „Um ein System aufzubauen, dem wir alle vertrauen können, brauchen wir abgestimmte Verantwortlichkeiten, einheitliche Standards und klare Vorschriften. Ich stimme den jüngsten Empfehlungen (der GSMA, d.Red.) voll und ganz zu. Regierungen und Mobilfunkbetreiber sollten zusammenarbeiten, um sich auf das europäische Prüf- und Zertifizierungssystem zu einigen. NESAS ist eine sehr gute Idee und ich würde empfehlen, es auf die gesamte Welt auszudehnen“, sagte Guo Ping in Barcelona. Und ergänzte: „Huawei hat und wird nie Hintertüren einsetzen. Und wir werden es nie jemand anderem erlauben, dies in unserer Ausrüstung zu tun.“ Die Ironie sei, dass der US Cloud Act es amerikanischen Regierungsstellen ermögliche, grenzüberschreitend auf Daten zuzugreifen.

„Prisma, Prisma an der Wand. Wer ist der Vertrauenswürdigste im ganzen Land?“, konterte Guo Ping, Rotating CEO von Huawei auf die Diskreditierungsversuche, die derzeit federführend von den USA gegen den weltgrößten TK-Ausrüster angestrengt werden. Bild: Huawei

Das von Guo Ping angesprochene Network Equipment Security Assurance Scheme (NESAS), das 3GPP und GSMA gemeinsam definiert haben, ist ein freiwilliges Kontrollsystem für die Mobilfunkindustrie. Es soll transparent nachweisbar machen, dass Netzwerkgeräte eine Liste von Sicherheitsanforderungen erfüllen und nach Standardrichtlinien für Lieferanten und Produktlebenszyklusprozesse entwickelt wurden.

Unterstützung bekam Huawei auch von seinen Kunden, den Telekommunikations-Providern. Vodafone-CEO Nick Read warnte sogar, dass ein Bann von Huawei aus europäischen Netzwerken nicht zuletzt den gerade aufkeimenden 5G-Markt um mindestens zwei Jahre zurückwerfen würde. Vodafone nutzt Huawei-Technik in größerem Umfang und will beispielsweise auch bei der 5G-Schlüsseltechnik Network Slicing eng mit den Chinesen zusammenarbeiten.

Mobilfunk im „Maßanzug“

In einem kürzlich veröffentlichten Papier macht Vodafone anschaulich klar, was es mit diesem Notwork Slicing eigentlich auf sich hat. Dazu versinnbildlicht das Unternehmen 5G anhand einer Schneiderei. Bis 4G (LTE) liefere diese ganz gute Anzüge von der Stange. Mit 5G aber käme der absolut passgenaue Maßanzug. Das sei, neben einer vielfach höheren Bandbreite, extrem geringen Latenzzeiten und der Fähigkeit, auch Massen von Endgeräten auf geballtem Raum zu bedienen, die wirkliche Revolution mit 5G. Und verantwortlich für dieses anwendungsgesteuerte Networking sei eben das Network Slicing. „5G ist intelligent und weiß dank Network Slicing immer genau, welche Netzeigenschaften unterschiedliche Anwendungen benötigen. Basierend auf diesem Wissen, stellt 5G einer Anwendung immer das optimale Netz zur Verfügung“, so das erwähnte Papier. 5G schneidere perfekt passende „Netzscheiben“ nach Maß und stelle den Nutzern diese individuell zur Verfügung. Denn Smartphones, Autos, Roboter und Co. stellen völlig unterschiedliche Anforderungen an das Mobilfunknetz, um bestmöglich zu funktionieren.

Nokia nutzte auf dem MWC zumindest indirekt die Vorbehalte, die einige Länder gegen seinen chinesischen Konkurrenten streuen, für die eigene Positionierung. „Nokia kommt auf dem Mobile World Congress als weltweit führender Anbieter von 5G mit dem einzigen End-to-End-Portfolio der Branche an, das in allen Märkten der Welt erhältlich ist“, so Nokia-CEO Rajeev Suri. „2019 wird ein großes Jahr für 5G und Nokia ist bereit und in der Lage, für Kunden überall zu liefern. 5G ist eine wahrhaft transformative Technologie, die das Leben der Menschen verbessern, die Produktivität und Effizienz steigern und die Nachhaltigkeit unseres Planeten verbessern wird“, so Suri weiter.

Im Vorfeld des MWC hatte Nokia bereits mehrere neue Produkte angekündigt, die das hauseigene 5G-End-to-End-Portfolio weiter verbessern und stärken sollen, darunter das FastMile-Fixed/Wireless-Access-5G-Gateway, Ergänzungen im AirScale-Small-Cell-Portfolio und Verbesserungen des Anyhaul-Transportportfolios. Außerdem haben die Finnen jetzt ein Netzwerk von Hubs für kognitive Zusammenarbeit eröffnet.

Stefan Mutschler.