Emanuel Pirker, Gründer und CEO von Stratodesk, sieht den Thin-Client-Markt in einem tiefgreifenden Umbruch: Preiswerte Hardware mache herkömmlichen Thin Clients (TCs) zunehmend Konkurrenz. LANline sprach mit dem Chef des österreichischen Thin-Client-OS-Herstellers über seine Prognosen.

LANline: Herr Pirker, Sie sehen den TC-Markt in einem grundlegenden Wandel begriffen – warum?

Pirker: Thin Clients auf Basis des Raspberry Pi sind drauf und dran, den bisherigen TCs den Rang abzulaufen. Moderne Multimedia-Applikationen und VDI-Protokolle (Virtual Desktop Infrastructure, d.Red.) stellen einige Anforderungen an die Endgeräte. Der Raspberry Pi mit seinem eingebauten Hardware-H.264-Decoder wird von Citrix HDX wie auch von VMware Blast genutzt. 1080p bei 60 Frames pro Sekunde auf einem 40-Dollar-Motherboard sind somit Realität.

LANline: Wer profitiert von dieser Entwicklung?

Pirker: Citrix, Marktführer im Bereich VDI-Nutzung mit Raspberry Pi, hat bereits früh mit dem „HDX Ready Pi“ und nunmehr mit dem „Citrix Workspace Hub“ Konzepte vorgestellt. Aus diesen Initiativen sind der ViewSonic SC-T25 und NComputing RX-HDX entstanden, zwei Raspberry-Pi-basierte Endgeräte. Beide laufen mit Stratodesks NoTouch OS.

LANline: Warum besorgen sich Unternehmen die Raspberry Pis nicht einfach direkt?

Pirker: Anders als der Raspberry Pi im Hobbymarkt sind diese Terminals komplett assembliert und zertifiziert. Der Straßenpreis der Geräte mit Zweitbildschirm-Adapter liegt im Bereich 150 Euro, die Hälfte bis ein Drittel traditioneller x86-basierter Thin Clients, bei praktisch gleicher Leistung.

LANline: Wie ändert sich dadurch der Management-Ansatz?

Pirker: Bei Betriebssystem und Management-Software muss der Kunde trotz des günstigen Preises keine Abstriche machen. Die bisher vor allem für PC-Repurpos-ing eingesetzte Stratodesk-NoTouch-Software bietet die gleichen Funktionen am Raspberry Pi wie auf stärkeren PCs und erlaubt auch Mischbetrieb zwischen umgewandelten PCs, Thin Clients und Citrix Workspace Hubs, also Raspberry-Pi-basierten Terminals der diversen Hersteller. Mit Citrix Endpoint Management, bisher bekannt als XenMobile, stellt der Branchenprimus eine völlig neue Management-Variante vor: TCs werden nicht mehr als abgespeckte PCs betrachtet, sondern einfach als Endgeräte. Citrix setzt damit besonders auf große Rollouts, wo Tausende und Zigtausende der Raspberry Pis zum Einsatz kommen sollen.

LANline: Wie unterscheidet sich das Gerät von sogenannten Zero Clients?

Pirker: Der aus dem Zero-Client-Einsatz entstehende Vendor-Lock-in kann hier nicht passieren, denn der Raspberry Pi ist eine Standardhardware.

LANline: Wie groß schätzen Sie die Nachfrage nach solchen Geräten ein?

Pirker: Nach nur fünf Monaten am Markt melden die Hersteller einen geradezu tektonische Verschiebung des Kundeninteresses hin zu den günstigen Endgeräten mit bereits 700.000 Endgeräten in der Pipeline. Im deutschen Sprachraum ist NComputing stärker vertreten. Das Interesse kommt aus verschiedensten Branchen, mit den üblichen VDI-Anwendern Gesundheits-, Einzelhandels- und Finanzbranche an erster Stelle.

„Thin Clients auf Basis des Raspberry Pi sind drauf und dran, den bisherigen TCs den Rang abzulaufen“, so Stratodesk-Chef Emanuel Pirker. Bild: Stratodesk

LANline: Soweit die Bestandskunden. Erschließt ein solches Niedrigpreisgerät denn nicht auch neue Märkte?

Pirker: Zumindest bei größeren Volumina ist die Vision eines wirklich leistungsfähigen Endgeräts für unter 100 Euro Realität geworden. Damit eröffnen sich in der Tat neue Anwendungsfälle. In Branchen, die stark auf Home Offices setzen, etwa im Call-Center-Bereich, sehen die Hersteller wieder einen Gegentrend zu BYOD: Es ist einfach günstiger, Mitarbeitern einen Raspberry Pi zu schicken, als mit privaten PCs und den damit einhergehenden Problemen zu kämpfen. Eine nicht minder interessante Idee hört man aus dem US-Krankenhausbereich: Ist ein Endgerät defekt, geht der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin zu einem Automaten und holt einfach ein neues Endgerät heraus, als wäre es eine Getränkedose. Mittels im Gebäude verteilter Bluetooth-Beacons meldet das Gerät beim ersten Hochfahren seine Position an die Management-Software und wird dann vollautomatisch eingerichtet.

Die erwähnte tektonische Verschiebung wird also durchaus von Anwendungsfällen getrieben, für die klassische Thin Clients bis dato einfach zu teuer oder auch zu groß waren. Citrix sieht offenbar sein Wachstumsmodell im Übergang zu seinen Workspace-Services – sprich Cloud und Abomodell. Auch hier kommt ein Unter-100-Euro-Endgerät natürlich gerade recht. In jedem Fall handelt es sich um völlig neue Dynamik im Thin-Client-Markt.

LANline: Herr Pirker, vielen Dank für das Gespräch.