Unternehmen besitzen häufig eine historisch gewachsene, heterogene IT-Infrastruktur. Dies gilt inzwischen auch für die eingesetzten Kommunikationslösungen. Herkömmliche E-Mail-Clients kommen ebenso zum Einsatz wie hochwertige Videokonferenz-Raumsysteme und Instant Messenger. Wie aber lassen sich bestehende Einzellösungen verschiedener Hersteller zu einem umfassenden UCC-System (Unified Communications und Collaboration) verbinden?

Die sogenannte „Consumerization“ der IT stellt Unternehmen in den letzten Jahren vor neue Herausforderungen, denn der Anwender rückt stärker in den Fokus – und dieser formuliert immer häufiger Wünsche und Anforderungen an die IT. So mussten IT-Abteilungen beispielsweise dem BYOD-Trend (Bring Your Own Device) mit geeigneten Lösungen begegnen und Business-fähige Collaboration-Lösungen und Business-Apps einführen, um die zunehmend standortübergreifende und mobile Arbeitsweise zu unterstützen. Vor allem junge Fachkräfte fordern Web-basierende Videokonferenzen, Instant Messaging und umfassende Präsenzinformationen, weil sie oft ähnliche Anwendungen bereits aus dem Privatgebrauch kennen. Gleichzeitig sollten aber die bestehende Hard- und Software – beispielsweise Raumsysteme für Videokonferenzen, Desktop-PCs und -Telefone sowie E-Mail-Clients oder Sharepoint-Systeme – weiter nutzbar sein. Schließlich haben Unternehmen dafür meist hohe Summen investiert, und viele langjährige Mitarbeiter wollen diese Systeme auch weiterhin verwenden.
 
Telefonie und IT wachsen zusammen
Um eine anwenderfreundliche und effiziente Lösung zu finden, sind die verschiedenen Systeme in einer umfassenden, einheitlichen UCC-Lösung zu integrieren. Doch dies gleicht in der Praxis häufig der Quadratur des Kreises. Denn teils proprietäre Ansätze der verschiedenen Hersteller verhindern häufig eine reibungslose Interoperabilität. Trotzdem gibt es einige Ansätze, wie Administratoren eine integrierte Lösung entwickeln können. Dabei kommt es besonders darauf an, welche Raumsysteme von welchen Herstellern bereits im Einsatz sind. Denn diese Investition gilt es praktisch in allen Fällen zu schützen. Demgegenüber lässt sich Software oder sogar die Telefonieinfrastruktur einfacher austauschen oder bei Bedarf mit dem integrierten System verbinden.
 
Festlegung der Organisationsstruktur
Nutzt ein Unternehmen ein qualitativ hochwertiges Videokonferenzsystem, handelt es sich meistens um Lösungen von Cisco oder Polycom. Die fachliche Verantwortung liegt dann in größeren Unternehmen oft bei den Telefonie- oder Netzwerkteams. Die Kollegen aus dem IT-Bereich hingegen kümmern sich in der Regel um die Collaboration Clients, die aus dem Bereich Arbeitsplatz und Groupware stammen. Dabei handelt es sich oft um die Anwendungen Microsoft Lync oder Cisco Jabber. Diese ermöglichen neben Instant Messaging und Präsenzinformationen auch Telefonie sowie Web- und Videokonferenzen, teils sogar in HD-Qualität.
Da sich nicht nur die Anwendungen in ihren Funktionen überschneiden, sondern auch die Kompetenzen der jeweils verantwortlichen Abteilungen, ist in großen Unternehmen neben der technischen Kompatibilität auch die organisatorische Verantwortung zu klären. Häufig sind die Herausforderungen in diesem Punkt sogar komplexer und langwieriger als die reine technische Umsetzung, sodass große Unternehmen mit der Festlegung von Verantwortlichkeiten und der Organisationsstruktur starten sollten.
Ist dieser erste Schritt geklärt, geht es an die technische Umsetzung. Letztere ist relativ einfach, falls Raumsysteme und Collaboration Clients vom gleichen Hersteller stammen. Als einziger großer Anbieter stellt jedoch nur Cisco Lösungen in beiden Bereichen bereit – vom Web-Client bis zum hochqualitativen Raumsystem. Daher sind Cisco-Anwender beim Aufbau einer einheitlichen UCC-Infrastruktur meist mit den geringsten Herausforderungen konfrontiert. Probleme gibt es allerdings oft mit älteren Systemen, auch vom inzwischen von Cisco übernommenen Hersteller Tandberg, deren Schnittstellen nicht mehr unterstützt werden.
 
Raumsystem von Cisco oder Polycom
Sind die Videokonferenzlösungen von Cisco mit dem Microsoft-Lync-Client zu integrieren, funktioniert dies über die Gateway-Funktion des „Cisco Video Communication Servers“ (VCS). Dieser bildet die zentrale Komponente der Cisco-Architektur und unterstützt seit Version 8 die Interoperabilität zu Microsoft auf der Basis des Standards H.264 SVC. Auch moderne Videokonferenzsysteme von Cisco und Polycom lassen sich inzwischen recht einfach integrieren, da sie kompatible Standards nutzen.
Was ist aber zu beachten, wenn ein bestehendes Polycom-System mit einem Collaboration Client von Cisco oder Microsoft zu verbinden ist? Der zentrale Baustein der Real-Presence-Plattform von Polycom ist die „Distributed Media Application“ (DMA). Neben der Funktion als Registrierungsstelle und Management-Instanz für Videoendpunkte ermöglicht sie auch die Interoperabilität der Videoverbindung zwischen den Polycom-Raumsystemen und Cisco-Jabber-Clients.
Entsprechende kompatible Lösungen bietet Polycom auch für Microsoft-Produkte an: Zum Beispiel können Lync-Nutzer mit „Realconnect“ von der Microsoft-Umgebung aus per Knopfdruck an HD-Audio- und Videokonferenzen mit Polycom-Systemen teilnehmen.
Da dies über die gewohnte Benutzeroberfläche geschieht, müssen sie sich nicht an neue Funktionen gewöhnen. Dies gilt auch für die Planung einer Konferenz mit Teilnehmern auf mehreren unterschiedlichen Technikplattformen.
 
Hohe Videoqualität
Ist die Videoübertragung zwischen den verschiedenen Systemen gewährleistet, haben Administratoren aber nur einen weiteren Schritt geschafft. Schließlich erwarten die Nutzer heute eine hohe Video- und Audioqualität während der Konferenz, Bild- und Tonaussetzer sind nicht akzeptabel. Eine hohe Übertragungsqualität zu gewährleisten, stellt daher die nächste große Herausforderung dar. Zum Beispiel sind dazu die verschiedenen Videokonferenzlösungen an die jeweiligen Bedingungen wie Bandbreite, Kameraqualität, Lichtverhältnisse und Rechnerleistung anzupassen.
In der Regel erhöht sich dabei der Aufwand mit der Anzahl der gewünschten Funktionen der zu integrierenden Clients und Systeme sowie der einzubindenden Niederlassungen in verschiedenen Ländern und Kontinenten. Entscheidend ist zudem, welche Ausgangssysteme zum Einsatz kommen und wie flexibel die Netzwerkinfrastruktur ist. Ebenfalls zu berücksichtigen sind die bestehenden Netz- und Übertragungskapazitäten sowie die gewünschte Skalierbarkeit. Schließlich sind Videodaten deutlich größer und zeitkritischer beim Datentransfer als etwa Instant Messaging oder E-Mail.
 
Plattformübergreifendes Content Sharing
Neben einer hohen Bild- und Tonqualität sehen die Anwender heute auch die Darstellung und gemeinsame Bearbeitung von Dokumenten während der Videokonferenz als selbstverständlich an. Dies ermöglichen zwar sowohl Raumsysteme als auch Collaboration Clients, doch die reibungslose Verknüpfung der jeweiligen Funktionen gestaltet sich meist komplexer als die Video-/Audioverbindung.
Vergleichsweise einfach lassen sich dabei meist Polycom- und Cisco-Lösungen miteinander verbinden. Beide Hersteller unterstützen nämlich das in RFC 4582 beschriebene Binary Floor Control Protocol (BFCP) für den Austausch von Inhalten während einer Videositzung. Dagegen erfordert die Integration von Microsoft-Systemen oft eine Erweiterung der Architektur um ein entsprechendes Gateway. Denn Microsoft verwendet ausschließlich das proprietäre Remote Desktop Protocol (RDP). Dafür stellt Polycom eine Content-Sharing-Suite als Modul bereit, das eine bidirektionale Dokumentenfreigabe ermöglicht.
Demgegenüber unterstützt Cisco derzeit RDP noch nicht, wird aber in Zukunft den Austausch von Inhalten mit Microsoft-Lösungen ermöglichen, so hat es das Unternehmen zumindest angekündigt. Microsoft wiederum hat auf der Lync Conference 2014 den Video Interoperability Server (VIS) vorgestellt, der mit Cisco-Raumsystemen funktionieren soll. So dürften die neuen Hardware- und Softwareversionen der beiden Hersteller interoperabel sein. Doch bei bisherigen Systemen müssen Unternehmen meist eigenständige Lösungen entwickeln, damit sich Inhalte während der Videokonferenz austauschen lassen.
 
Ausblick: Am Puls der Zeit bleiben
Auch bei Videokonferenzen bleibt die technische Entwicklung nicht stehen. Zum Beispiel hat Cisco Android-basierende Desktop-Collaboration-Lösungen vorgestellt, die per Touchscreen Web-Konferenzen mit HD-Video, Highend-Audio und integrierten Business-Anwendungen inklusive Internet-Browser bieten. Der neue Videokompressionsstandard H.265 reduziert dabei die benötigte Bandbreite für die Übertragung um die Hälfte. Der offene Standard WebRTC wiederum ermöglicht sogar die Videokommunikation innerhalb eines Web-Browsers in Echtzeit – ohne Extra-Client. Entsprechend könnte in naher Zukunft der Standard-Web-Browser Videokonferenzen mit 4K-Video- und HD-Audioqualität inklusive Content Sharing ermöglichen. Doch bis dahin müssen die Administratoren wohl noch einige Jahre lang selbst Hand anlegen, um die Kompatibilität verschiedener Systeme zu ermöglichen.

Die großen Hersteller wie Cisco, Polycom und Microsoft öffnen sich zunehmend für eine einfachere Anbindung externer Lösungen. Bild: Computacenter