Der Public-Cloud-Provider AWS expandiert räumlich und in neue Geschäftsgebiete. Die zahlreichen Neuankündigungen auf der weltweiten Tagung Re:Invent gegen Ende 2018 in Las Vegas lassen sich kaum in einem Artikel wiedergeben. Hier das Wichtigste mit Netzrelevanz.

Dass AWS wieder einmal neue zu seinen bislang 19 Regionen ankündigte, konnte kaum noch überraschen. Bis 2020 will der Provider, der derzeit etwa 57 Prozent des Cloud-Markts für sich beansprucht, zusätzlich in Stockholm, Mailand, Hongkong, Bahrein und Kapstadt präsent sein. Letztere Region könnte der Brückenkopf für mehr afrikanische Gebiete werden. Die Erschließung des afrikanischen Kontinents ist für Cloud-Provider unter anderem wegen spärlicher physischer Breitbandverbindungen im Landesinneren schwierig.

Zwar mochte das AWS-Management dies nicht direkt bestätigen, doch es liegt nahe, einen Zusammenhang zu einer zweiten Ankündigung herzustellen: AWS steigt ins Satellitengeschäft ein. Wie CEO Andy Jassy bekanntgab, wird der Provider zunächst zwölf, später noch mehr seiner Präsenzen zu Satelliten-Bodenstationen aufrüsten und den Service AWS Ground Station anbieten. Dies werde die Kosten für die Betreiber von Satelliten-Netzen und Bodenstationen um, wie er sagte, „bis zu 80 Prozent“ senken. Bislang mussten der Satellitenbetreiber selbst oder Kooperationspartner teure Bodentechnik installieren, die jedoch nur einen Bruchteil der Zeit, nämlich dann, wenn der Satellit die Antenne überfliegt, tatsächlich Daten empfängt.

Dass 2021 eine leistungsfähigere Satellitengeneration kommen soll und immer mehr Satelliten von immer mehr Betreibern den Himmel bevölkern, kompliziert die Situation zusätzlich. AWS will nun seinen Kunden über ein Selbstbedienungsportal ermöglichen, für die Zeiten eines Satellitenüberflugs ein Empfangsfenster zu mieten, währenddessen ihnen die jeweilige AWS-Antenne exklusiv zur Verfügung steht. Abgerechnet wird wie üblich nur die Nutzungszeit. Darüber würden die Satellitendaten direkt in vom Kunden gemietete Instanzen bei AWS einfließen und könnten dort gespeichert oder analysiert werden. Der erste Satellitenbetreiber, der diesen Weg geht, ist Digital Globe.

Zudem kooperiert AWS in Zukunft mit dem Luft- und Raumfahrtspezialisten Lockheed Martin. Wie Jassy zusammen mit Rick Ambrose, Executive Vice President von Lockheed Martin, bekanntgab, plant Lockheed, rund um den Globus ein dichtes Netz lediglich schuhschachtelgroßer Satellitenantennen aufzubauen (Markenbezeichnung: Verge), die die teuren Parabolantennen ergänzen sollen. Die Verge-Antennen sollen jeweils Teildatenströme der sie überfliegenden Satelliten einsammeln und diese an nahegelegene AWS-Rechenzentren übertragen, wo sie sodann mit Hilfe weiterer Teildatenströme anderer Verge-Antennen zum vollständigen Signal zusammengesetzt werden.

„Das ist heute möglich, weil wir mehr Rechenleistung nutzen können“, erklärte Ambrose. Ziel ist es, die von den Tausenden erdnaher Satelliten ständig erzeugten Datenmassen insgesamt besser nutzbar zu machen – genauso gut können jedoch die Pläne dabei helfen, Services wie die von AWS bezahlbar auch in entlegene Regionen ohne erdgebundene Verbindungen zu bringen.

Anwendungen Beine machen

Rick Ambrose, EVP von Lockheed Martin, präsentiert die nur schuhschachtelgroße Satellitenantenne Verge (rechts auf der Leinwand). Bild: Ariane Rüdiger

Weitere netzbezogene Ankündigungen waren weniger himmelsstürmend, dennoch aber nützlich für Anwender: Der neue Service AWS Global Accelerator soll dazu dienen, global verteilte Anwendungen mit Hilfe des AWS-Netzes zu beschleunigen. Die Lösung soll den Internetverkehr schneller zu den Endpunkten der Kunden und den AWS-Rechenzentren in unterschiedlichen Regionen lenken. Sie ist sofort verfügbar.

Angekündigt wurde auch AWS Transit Gateway, eine Lösung, die die VPN-Verbindungen zwischen VPCs (Virtual Private Clouds) von AWS-Kunden zentral verwaltet und dafür beispielsweise kongruente Sicherheitsregeln definiert oder überwacht.

Eine weitere Netzwerk-Neuerung richtet sich vor allem an Anwender von Hochleistungs-Computing-Umgebungen: Der Elastic Fabric Adapter (EFA), derzeit als Vorversion verfügbar, erhöht die Leistung der Kommunikationsverbindungen zwischen den einzelnen Instanzen einer HPC-Umgebung.

Ariane Rüdiger ist freie Journalistin in München.