Mikroelektronik ist die Schlüsseltechnologie der Digitalisierung. Kein Computer, Auto, Smartphone und Elektrogerät funktioniert ohne sie. Deutschland zählt bislang mit den USA und China zu den Weltmarktführern in der Mikroelektronik und Mikrosystemtechnik. Diese Position sieht der VDE in Gefahr. Die USA und China bauen ihre Entwicklungs- und Produktionszentren mit hohen staatlichen Subventionen stetig weiter aus und unterstützen damit aktiv den Aufschwung von Konzernen wie Google, Amazon, Alibaba und Tencent. Der Marktanteil europäischer Hersteller an Elektronikprodukten nimmt dagegen in vielen entscheidenden Zukunftsmärkten ab.

Aktuell liegt der europäische Anteil an der globalen Chipindustrie bei etwa sechs Prozent, so der VDE. Noch 2013 sprach die EU davon, den Weltmarktanteil von damals zehn auf 20 Prozent zu verdoppeln. „Wettbewerbsfähigkeit hängt von der Innovationskraft ab. Wer wenig in Forschung und Entwicklung investiert, kann keine großen Durchbrüche oder Innovationssprünge erzielen“, sagte VDE-Präsident Dr. Gunther Kegel im Vorfeld des Mikrosystemtechnik-Kongresses in Berlin.

In Deutschland ist es der Wirtschaftsmotor Mittelstand, der maßgeblich die Mikrosystemtechnik prägt. „Unsere Hidden Champions kämpfen wie David gegen Goliath. US-Konzerne investieren doppelt so viel wie europäische Unternehmen, von den chinesischen Konzernen ganz zu schweigen“, sagt der VDE-Präsident. „Unser Mittelstand braucht Unterstützung in Form einer massiven Stärkung des Mikroelektronik-Standorts Europa mit gezielter Forschungs- und Industrieförderung. Deutschland und Europa verpassen sonst ihre Chancen, die digitalen Technologien der Zukunft mitzugestalten.“

Seit Jahren setze sich der VDE dafür ein, die gesamte Innovationskette vom Chipdesign bis zur Fertigung in Europa zu fördern – auch mit Blick auf die Entwicklung von eigenen Kryptochips, die Cyberkriminellen den Zugang durch Backdoors von Beginn an versperren. „Der Bund muss stärker Verantwortung übernehmen. Zusätzlich brauchen wir mehr Venture Capital, auch hier schlagen uns die USA und China. Ohne verstärkte Investitionen wächst für den Standort Deutschland mit seinen starken, systemorientierten Industriebranchen des Maschinen- und Anlagenbaus, der Energie- und Automatisierungstechnik, des Automobilbaus und der Medizintechnik die Gefahr einer völligen, irreversiblen Abhängigkeit von Mikroelektronikherstellern aus Asien und den USA“, warnt der VDE-Präsident.

Deutschland hat immer noch einen Spitzenplatz bei der Entwicklung von hochkomplexen, miniaturisierten und multifunktionellen Elektroniksystemen (Mikrosysteme), die zum Beispiel digitale, analoge, sensorische, elektromechanische und chemische Komponenten miteinander vereinen. „Wir müssen anfangen, die Dinge richtig in die Hand zu nehmen. Verknüpfen wir unser industrielles Prozess- und Automatisierungs-Know-how mit KI, dann kommen die Erfolgsmeldungen von ganz allein“, erklärt Kegel.

Die Stabilisierung des Mikroelektronik-Standorts Deutschland erfordere starke Verbündete, eine engere Kooperation mit europäischen Nachbarn sei unumgänglich: „Die nächste technische Innovationswelle muss aus Europa kommen. Wir müssen eigene Technologien entwickeln, denn Europa braucht eigenen Lösungen“, fordert Kegel. Mit 500 Millionen Einwohnern und hoher Kaufkraft, könne Europa mit seinen Ideen von der Welt nicht ignoriert werden. Ein Zusammenrücken sei auch deshalb notwendig, weil kein europäisches Land genügend Ingenieure und Wissenschaftler habe, um sich allein gegen die Wettbewerber aus den USA oder Asien durchzusetzen.

Der durch den VDE bereits seit einigen Jahren angemahnte Fachkräftemangel sei immer noch nicht gestoppt. Jährlich fehlen den Unternehmen der Branche rund 10.000 Ingenieurinnen und Ingenieure. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssten ihre gemeinsamen Anstrengungen weiter forcieren, junge Menschen für eine Ausbildung in der Elektro- und Informationstechnik, im Maschinenbau und in der Informatik zu begeistern.

„Wir werden den Wettlauf um eine Spitzenposition im internationalen Vergleich verlieren, wenn wir nicht so schnell wie möglich für gut ausgebildeten Nachwuchs in den Unternehmen sorgen. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgaben, der wir uns stellen müssen“, sagt der VDE-Präsident. Wenn nur die Hälfte der jugendlichen Friday-for-Future-Bewegung eine technische Ausbildung abschließen würde und den Klimawandel aktiv mit Innovationen bekämpfen und damit die Welt retten würde, wäre schon viel gewonnen.

„Wenn Deutschland Vorreiter sein will, dann sollten wir Technologien für den Klima- und Umweltschutz entwickeln. In diesem Bereich sind wir den USA und China noch weit voraus. Nutzen wir das. Zeigen wir der Welt, wie es geht“, so Kegel.

Weitere Informationen stehen unter www.vde.com zur Verfügung.

 

Dr. Jörg Schröper ist Chefredakteur der LANline.