IT soll sich dem Anwender anpassen, nicht umgekehrt. Die Speichertechnik hat dieses Prinzip lange ignoriert und die individuellen Arbeitsstile von Unternehmensmitarbeitern ins Korsett der immer gleichen „X-“, „Y-“ und „Z-Laufwerke“ gepresst. Jetzt schafft Virtualisierung größere Freiheit: Der Storage-Administrator kann Daten nach technischen Gesichtspunkten ordnen und den Anwendern dennoch die Freiheit gewähren, ihre Sicht auf die Daten selbst zu gestalten.

Im „wirklichen Leben“ kennt man das Problem längst: Was auf den einen wie heilloses Chaos wirkt,
ist dem anderen das einzig funktionierende Ordnungsprinzip. Es gibt eine
Sherlock-Holmes-Geschichte, in der der große Detektiv seine Haushälterin scharf zurechtweist, weil
sie auf seinem Schreibtisch gewischt hat: Schließlich habe er an der Dicke der Staubschichten immer
exakt ablesen können, wann er die jeweiligen Schriftstücke dort abgelegt habe. Der „historische“
Zugang zum Archiv des Fahnders war zerstört.

„Individuen in ein einheitliches Ordnungsprinzip zwängen zu wollen, ist grundfalsch“, meint
beispielsweise Werner Degenhardt, Akademischer Direktor und CIO der Fakultät für Psychologie und
Pädagogik an der Universität München und gleichzeitig Spezialist für „menschliche“ Seiten der
IT-Anwendung. „Jene Mitarbeiter etwa, bei denen kreatives Chaos herrscht, verdammt ein
wohlmeinender Arbeitgeber schnell zur Ineffektivität, wenn er ihnen die Freiheit zu ihrer eigenen
Art Ordnung nicht lässt.“ Manche Menschen sind auf die Assoziationen angewiesen, die sich aus den
Materialien um sich herum ergeben, und finden einzelne Informationen aus der Erinnerung. Diese Art
Ordnung versuchen sie dann manchmal auch auf dem virtuellen Desktop ihres PCs nachzubilden.

Ordnung darf nicht lähmen

Was für Schreibtische gilt, ließ sich bisher aber nur schlecht auf Unternehmensspeichersysteme
jenseits einzelner PC-Festplatten und -Bildschirme übertragen. Teamlaufwerke und Verzeichnisse,
teure und preiswerte Platten, Bänder und DVDs – Unternehmensdaten müssen nach Gesichtspunkten wie
Speicherkosten, Zugänglichkeit für Arbeitsgruppen, Compliance und Vertraulichkeit organisiert
werden. Das Ergebnis sind jene typischen Netzstrukturen, die sich heute in den meisten Unternehmen
finden: Laufwerke, auf denen alles wohl geordnet ist, die Informationen aber meist ungenutzt
herumliegen und immer dann erstaunlich schlecht zu finden sind, wenn sie wirklich gebraucht
werden.

Interessanterweise schafft hier das auf den ersten Blick hochtechnische und meist auf
wirtschaftlichen Betrieb gemünzte Prinzip der Speichervirtualisierung neue Möglichkeiten. Bei
Hitachi Data Systems (HDS) etwa hat man, wenn man von Virtualisierung spricht, immer auch den
Endanwender im Sinn. Der Storage-Hersteller hat sich über die Block- und File-Ebene hinaus, auf
denen sich die Speicherung von Daten technisch optimieren lässt, inzwischen auf die Ebene „
Object-Services“ hinaufgearbeitet und will „Content-Services“ fürs Business anbieten.

Was ist damit gemeint? „Anwender verbringen in den Unternehmen viel zu viel Zeit damit,
Informationen zu suchen“, erklärt Michael Vogt, Presales Consultant bei HDS, „und dies ist nicht
nur ein Hemmschuh fürs Business, sondern kann im Fall einer Recherche aus Compliance-Gründen auch
schnell einmal durchaus kritisch fürs Unternehmen werden.“

Jedem seine Sicht auf die Daten

HDS sieht Virtualisierung im Speicherbereich deshalb nicht mehr primär als Mittel, große
Datenmengen leicht migrieren und Server schnell wiederbeleben zu können. Es geht auch darum,
unterschiedliche „Sichten“ auf die Informationen parallel zu erlauben. „Wenn ein Mitarbeiter ein
paar Präsentationen, die schon Jahre alt sind und die er vielleicht auch gar nicht öffnet,
unbedingt neben seinen aktuellen Projektdateien liegen haben will, ist das aus speicherökonomischer
Sicht unvorteilhaft, wenn dazu auch die gleiche Platte verwendet wird“, erklärt Vogt, „aber für den
Mitarbeiter gehören die Dateien nun mal zusammen.“

Sein Unternehmen will das Prinzip der Virtualisierung deshalb auch dahingehend optimieren, dass
der Endanwender im Unternehmen möglichst gar nicht mehr mitbekommt, nach welchen wirtschaftlichen
und technischen Vorgaben die unterschiedlichen Datentypen im Storage-Netz abgelegt sind.
Schlimmstenfalls wird er spüren, dass beispielsweise lang nicht mehr verwendete Informationen etwas
langsamer auf dem Bildschirm erscheinen als frische Dateien. Die „Data Discovery Suite“ von HDS
stellt dem Endanwender ein Frontend zur Verfügung, dass sich an Prinzipien der Websuche orientiert
(siehe zu diesem Organisationsprinzip auch den Artikel „Die Benutzer stehen im Mittelpunkt“ auf
Seite 66) und Zugang zu Informationen in unterschiedlichen Archiven und Content-Management-Systemen
wie etwa Microsoft Sharepoint gewährt.

Auch Schönheit zählt

So kommt es dann zu dem für hartgesottene Speicheradministratoren überraschenden Phänomen, dass
ein Technikanbieter wie HDS plötzlich stolz eine Weboberfläche und „Vista-Gadgets“ präsentiert, die
dem Anwender einen angenehmen Blick auf Unternehmensdaten gewähren sollen. Technische Finessen wie
das Rechtemanagement der Archivierungsplattform verstecken sich dahinter geradezu. Dieser Trend
wird sich allerdings wohl industrieweit durchsetzen: Wenn sich mit Technik nichts mehr optimieren
lässt, kann nur die Erleichterung des Informationszugriffs noch einen Gewinn an Effizienz bieten.
Jetzt müssen also auch die Speicheranbieter den Menschen entdecken, die Security-Branche hat diesen
Umschwung ja schon geschafft.

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