Ein selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung ist auch für ältere und pflegebedürftige Menschen erstrebenswert. Allein Lebende benötigen dann jedoch im Notfall rasche Hilfe. Ein automatisches Alarmierungssystem kann dem Bewohner mehr Sicherheit bieten und Betreuer unterstützen. Der technische Ansatz für solche Lösungen ist anspruchsvoll: Notsituationen sind einerseits zuverlässig zu erkennen und zu melden. Die Privatsphäre des Bewohners muss dabei aber weitestgehend gewahrt bleiben.

Der demografische Wandel verändert unser Land. Im Jahr 2035 wird Deutschland eine der ältesten
Bevölkerungen der Welt haben. Mehr als die Hälfte der Menschen wird dann 50 Jahre und älter, jeder
Dritte älter als 60 sein. Dies stellt schon jetzt die Gesellschaft vor große Herausforderungen. Vor
diesem Hintergrund gewinnt eine aktuelle Studie zum Thema „Hausnotruf in Deutschland“ an Bedeutung,
die bestätigt, dass Hausnotrufsysteme es älteren Menschen ermöglichen, länger allein zu Hause zu
leben. Bei einem jährlichen Mehraufwand von 340 Millionen Euro zur Ausstattung aller
Pflegebedürftigen mit einem Hausnotruf könnten so bis zu einer Milliarde Euro Pflegekosten pro Jahr
eingespart werden.

Dass sich solche Systeme technisch realisieren lassen und in der Praxis bewähren, zeigt das
Beispiel „Loc Sens“, einer Entwicklung des deutschen Unternehmens Scemtec Automation in
Zusammenarbeit mit Digi International. Der innovative Lösungsansatz unterstützt den Wunsch allein
lebender Personen mit alters- oder behinderungsbedingten Einschränkungen nach Sicherheit,
Selbständigkeit und Mobilität. Der wichtigste Vorteil dieser Technik gegenüber anderen
Lösungsansätzen besteht darin, dass der Nutzer nicht aktiv den Notruf drücken muss. Das System
erkennt automatisch über Raumsensoren den Alarmfall und löst selbsttätig den Notruf aus, sodass
sich umgehend die notwendigen Maßnahmen ergreifen lassen.

Als Kommunikationszentrale vor Ort in der Wohnung dient ein serienmäßiges „Digi Connectport X4“
-IP-Gateway mit Zigbee-Modul. Der auf IEEE 802.15.4 basierende Zigbee-Funknetzstandard wurde
speziell für die drahtlose Vernetzung von Haushaltsgeräten oder Sensoren auf Kurzstrecken
entwickelt. Das zentrale Gateway ist mit der von Scemtec entwickelten Software so aufgerüstet, dass
das Gerät die Entscheidungen für Alarme und Warnungen in der Wohnung treffen kann. Es hält nach
außen den Kontakt mit der Notrufleitzentrale via GPRS oder Ethernet. Die Kombisensoren in der
Wohnung sind funkvernetzt und ebenfalls mit einem Zigbee-Modul von Digi International
ausgerüstet.

Raumsensoren mit Zigbee drahtlos vernetzt

Im Auto gehören sie schon fast zur Grundausstattungen: die kleinen, „unsichtbaren“ Sensoren, die
den Fahrer beispielsweise vor kritischen Fahrmanövern warnen. So lässt sich beispielsweise der
Spurwechsel trotz überholendem Fahrzeug oder das Berühren von Autos oder Begrenzungspfeilern bei
Einparkversuchen vermeiden.

Intelligente Sensortechniken zur schnellsten Erkennung von Notsituationen finden nun auch den
Weg in das häusliche Umfeld. Batteriebetrieben und funkvernetzt sind die Sensoren rasch zu
installieren, da zeitaufwändige und kostenintensive Arbeiten wie das Verlegen von Kabeln entfallen.
Das modulare System lässt sich individuell an die vorhandene Situation anpassen, und auch
Veränderungen etwa bei der Raumnutzung oder den Anforderungen sind in kurzer Zeit umsetzbar.

Das Wohnungs-Sensornetzwerk bietet Sicherheit und Beruhigung für die Bewohner und die besorgten
Angehörigen, da es unverzügliche Hilfe in einer Notsituation ermöglicht. Die Intelligenz des
Sensorsystems liegt innerhalb der Wohnung, wobei kleine Kombisensoren Informationen über Bewegung,
Temperatur und Helligkeit in den jeweiligen Räumen der Wohnung ermitteln. Zusatzsensoren melden
Überschwemmung durch laufendes Wasser, Rauchentwicklung, das Öffnen der Haustüre oder des
Kühlschranks.

Bewegung in der gesamten Wohnung, das Einschalten von Lichtquellen, eine „Wohlfühl“-Temperatur
von zirka 22?°C, aber auch das Öffnen des Kühlschranks deuten auf das Wohlbefinden der dort
lebenden Person hin. Allein lebende Personen haben zumeist einen klar strukturierten Tagesablauf.
Sie stehen zu einer bestimmten Zeit auf und gehen abends innerhalb eines gewohnten Zeitrahmens zu
Bett. Diese Tagesmuster erhält das System als Grundlage für die Interpretation abweichender
Situationen.

Das Sensorsystem ermittelt laufend aktuelle Werte und vergleicht sie mit den hinterlegten,
personenbezogenen Daten. Nur bei einer auffälligen Abweichung zu den vereinbarten Werten, sendet
das System eine Meldung an die Bezugspersonen beziehungsweise an die Pflege- oder
Notruf-Service-Zentrale in Form von SMS, E-Mail etc. So kann kurzes Telefonat mit dem Bewohner
schnelle Sicherheit und Beruhigung bringen. Sollte dieser den Anruf nicht entgegennehmen, lassen
sich zeitnah weitere erforderliche Schritte einleiten, da eine Notsituation vorliegen könnte.

Wichtig am Konzept der Lösung ist, dass sie die Privatsphäre des Bewohners wahrt. In jedem Raum
der Wohnung ist lediglich ein Kombisensor installiert, der sich drahtlos mit der Zentraleinheit vor
Ort verbindet. Alle Sensordaten werden aus Gründen des Datenschutzes und der Datensicherheit
innerhalb der Wohnung ausgewertet und normale Bewegungsmuster sofort gelöscht. Nur die
signifikanten Abweichungen sendet das System nach Vereinbarung mit dem Nutzer an die gewünschte
Bezugsperson. Das Sensorsystem meldet nicht, wann der Bewohner aufgestanden ist, sondern warnt oder
alarmiert nur, wenn dieser nicht aufgestanden ist. Auch das Kühlschrank-Modul informiert nur dann,
wenn das Haushaltsgerät bis zu einer vereinbarten Zeit, zum Beispiel bis 15.00 Uhr, nicht geöffnet
wurde und dies den Rückschluss zulässt, dass keine Verpflegung stattfindet. Somit bleibt die
Privatsphäre des Bewohners immer geschützt und gewahrt.

Konkrete Hilfe in Notsituationen

Die individuell einstellbaren Werte – zum Beispiel das Aufstehen in der Zeit von 7.00 bis 8.30
Uhr – und der Vergleich mit den aktuell aufgenommenen Messwerten ermöglichen bei Abweichung
spezifische Meldungen. Diese können auf einen Notfall hinweisen und zur Warnung oder Alarmierung
der Angehörigen, Nachbarn oder des Pflegedienstes führen:

  • „Die Person ist bis 8.30 Uhr nicht aufgestanden.“
  • „Die Person befindet sich seit zwei Stunden im Bad – nach 24 Uhr.“
  • „In der Wohnung gibt es tagsüber seit sechs Stunden keine Bewegung.“
  • „Es ist kälter als 15?°C in einem Raum.“

Dies sind nur einige Beispiele für mögliche Abweichungen vom normalen Tagesprofil des Bewohners,
die das System als „ungewöhnlich“ registriert. Schnelles und zielgerichtetes telefonisches
Nachfragen bei dem Klienten gibt Sicherheit über das Wohlbefinden der allein lebenden Person.

Da das selbstbestimmte Leben der Person immer im Vordergrund steht, kann sie das System
jederzeit abschalten. Nun verschickt dieses keine Warnungen oder Alarme mehr (außer Rauch- und
Wasseralarm). Um Mitternacht oder beim Wechsel vom Tages- in den Nachtmodus aktiviert sich das
System eigenständig, um Sicherheit in der Nacht zu gewährleisten. Für den Fall des Urlaubs lassen
sich mittels einer Kalenderfunktion alle Warnungen und Meldungen deaktivieren. Diese Funktion ist
auch für den Fall eines plötzlichen Krankenhaus- oder Kuraufenthaltes wichtig. Die Anzahl unnötiger
Warnungen oder Fehlalarme lässt sich somit auf ein Minimum reduzieren. Die Eingabe der
Standardwerte in das System kann über einen PC erfolgen: Die grafische Benutzeroberfläche führt den
Anwender durch die einzelnen Funktionen. Alternativ lassen sich diese Werte auch per SMS und einem
Handy abfragen und einstellen.

Grundsätzlich kann das Hausnotrufsystem Alarme und Warnungen an beliebige Bezugspersonen per SMS
oder E-Mail versenden. Auch die Zuschaltung an eine Notrufleitzentrale ist integrierbar. Diese
gewährleistet eine 24-stündige Besetzung an 365 Tagen im Jahr. Rund um die Uhr nimmt speziell
ausgebildetes, professionelles Personal die Meldungen entgegen, wertet sie aus und leitet weitere
Maßnahmen ein. Als erste Aktion steht immer der rückversichernde Anruf bei dem Bewohner, dessen
System die Warnung registrierte.

Feldanwendung „Ravensburg“

Auf der Basis der beschriebenen Technik startete im Januar 2010 ein neunmonatiges Pilotprojekt
mit der Stiftung Liebenau und T-Systems in Ravensburg/Meckenbeuren. Das Ziel Projekts ist es, in
der eigenen Wohnung und im Stadtteil – auch im Alter oder trotz gesundheitlicher Einschränkungen –
mobil, sicher und selbstbestimmt zu leben. Gemeinsam mit der Medizininformatik der
Universitätsmedizin Göttingen erproben die Partner neue Technologien und optimieren sie anhand der
Erfahrungswerte.

LL12S05_Bild-1-1.jpg

LL12S05_Bild-3_optional.jpg

LL12S05_Bild-2.jpg

transfer