Microsoft Deutschland entwickelt nach eigenen Angaben gemeinsam mit dem Ministerium der Justiz des Landes Nordrhein-Westfalen und der bei der Staatsanwaltschaft Köln angesiedelten Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime (ZAC NRW) eine KI-basierende Lösung zur Auswertung von kinderpornografischem Bildmaterial. An dem Projekt sind als wissenschaftliche Berater auch Juristen und IT-Sicherheitsspezialisten der Universität des Saarlandes beteiligt. Ziel des Projekts ist es, die Beweissicherung des oft umfangreichen Materials deutlich zu beschleunigen und die Beamten von einem großen Teil ihrer psychisch belastenden Tätigkeit zu befreien. Gleichzeitig werden bei der Lösung auf Basis von KI-Technik von Microsoft die strengen Rechtsvorschriften für die Verbreitung und den Besitz solchen Materials beachtet.

Das Projekt wurde von NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU) und Sabine Bendiek, Vorsitzende der Geschäftsleitung von Microsoft Deutschland, auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in Düsseldorf vorgestellt. Justizminister Peter Biesenbach: „Der Kampf gegen Kinderpornografie wird heutzutage fast ausschließlich digital geführt. Die Verbreitung von Kinderpornografie ist der Prototyp einer Internetstraftat. Wir sind angetreten, diese zu stoppen und zugleich das digitale Handlungsarsenal der Strafverfolger wirksam zu erweitern.“

„Die Zusammenarbeit mit dem Land NRW ist eine auf Bundesebene einzigartige Allianz, um gesellschaftliche Herausforderungen gemeinsam anzugehen und zu lösen“, sagt Sabine Bendiek. „Das Projekt zeigt beispielhaft, wozu künstliche Intelligenz heute in der Lage ist. Die Technologien zur Anonymisierung und Abstraktion von verdächtigen Bildern und zur automatischen Bilderkennung sind bereit für den Einsatz gegen Kinderpornografie und können einen wichtigen Beitrag zum Schutz unserer Kinder und zur Verfolgung der Täter leisten.“

Das Projekt stehe beispielhaft für die Kooperation unterschiedlicher Partner auf Augenhöhe. Man könne die Herausforderungen der modernen Welt nur gemeinsam lösen. Künstliche Intelligenz biete heute die technischen Möglichkeiten dazu, so Bendiek weiter.

Der polizeilichen Kriminalstatistik 2018 (PKS) zufolge stieg 2018 die Zahl der Straftaten im Bereich Kinderpornografie deutlich an: von 6.512 auf 7.449 Fälle. Auch die damit eng verbundene Zahl der bekannt gewordenen sexuellen Missbrauchsdelikte an Kindern steigt bundesweit von 11.547 auf 12.321 Fälle. Gleichzeitig gestalte sich die Aufklärung solcher Delikte und die Beweissicherung immer komplexer: In der Regel werden eine Vielzahl an elektronischen Speichermedien sichergestellt, auf denen mehrere Millionen Bilddateien gespeichert sein können. Diese müssen die Ermittlungsbehörden auf ihre strafrechtliche Relevanz hin überprüfen.

„Bislang ist der Anteil manueller Auswertearbeit sehr hoch. Dies führt zu einem hohen Zeit- und Personalansatz für die Auswertung“, erläutert der Leiter der ZAC NRW, Oberstaatsanwalt Markus Hartmann. „Die große Herausforderung ist, Datenträger zeitgerecht auszuwerten, da die Ermittlungsbehörden Beweismittel nicht unverhältnismäßig lange einbehalten dürfen. Andernfalls besteht das Risiko, dass Beweismittel herausgegeben werden müssen, bevor sicher festgestellt ist, ob kinderpornografisches Material auf ihnen enthalten ist.“

Die Sichtung selbst ist auch ein Problem für die beteiligten Beamtinnen und Beamten, die durch diese Tätigkeit einem enormen Stress ausgesetzt sind und aus diesem Grunde die oft verstörenden Inhalte nur über einen eng begrenzten Zeitraum und unter psychologischer Begleitung sichten können.

Mit der nun vorgestellten neuen Lösung zur automatischen Erkennung von kinderpornografischen Inhalten auf Basis von Microsoft-Technik für künstliche Intelligenz wollen das Land NRW unter Schirmherrschaft des Ministers der Justiz, die ZAC NRW und Microsoft Deutschland einen Ausweg aus diesem doppelten Dilemma präsentieren. Das Projekt habe man mit dem Ziel gestartet, kinderpornografisches Material in anonymisierten polizeilichen Massendaten automatisch aufzuspüren und einer gerichtsfesten Sicherung zuzuführen.

Für die nun entwickelte Hybridlösung aus On-Premise- und Cloud-Technik stellt Microsoft Algorithmen auf der Basis neuronaler Netze zur Dekonstruktion (Anonymisierung und Abstraktion) von Bilddateien und intelligenten Bilderkennung sowie Rechenkapazitäten aus der Cloud für die Auswertung der Aufnahmen zur Verfügung. Eine der größten Herausforderungen des Projekts sei das Einhalten der strengen Rechtsvorschriften, die verbieten, dass kinderpornografisches Material in die Hände Dritter gelangt. Zudem darf bei der Auswertung der Bilder deren Beweiswert nicht verändert werden.

Für die Lösung hat Microsoft nach eigenen Angaben ein weltweit einzigartiges Verfahren über einen so genannten Abstraktions-Layer entwickelt, der die konkreten Bildinhalte soweit anonymisiert, dass auf den Bilddateien weder ein Personenbezug noch die Abbildung strafrechtlich relevanter kinderpornografischer Inhalte erkennbar sind. Durch die Trennung von sensiblem Material, das ausschließlich in den Rechenzentren der Behörden anonymisiert wird, und der Auswertung durch die Analysealgorithmen in der Microsoft-Cloud sei die notwendige Rechtssicherheit gegeben.

Dennoch sind die im Rahmen des Projektes entwickelten Algorithmen laut Microsoft in der Lage, in den dekonstruierten Bilddateien Inhalte zu erkennen. Am Ende entscheiden menschliche Experten zunächst aus dieser Vorauswahl, ob tatsächlich strafrechtlich relevantes Bildmaterial vorliegt, und sichern diese Dateien als gerichtsfestes Beweismaterial. Im nächsten Schritt des Projekts geht es jetzt um das Training der Algorithmen mit strafrechtlich relevanten, dekonstruierten Bilddateien, um die Treffergenauigkeit des Programms und damit seine Erfolgsquote im Kampf gegen Kinderpornografie zu verbessern.

Weitere Informationen stehen unter www.microsoft.com  zur Verfügung.

Dr. Jörg Schröper ist Chefredakteur der LANline.