AWS und die Cloud sind massiv im Kommen – das war auch auf dem AWS Summit zu beobachten, der am 6. und 7. Juni in Berlin erstmals als zweitägige Veranstaltung stattfand und über 6.000 Teilnehmer anzog. Der Summit bediente mehrere Welten, was die für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich hohe Teilnehmerzahl erklärt: RZ-Veteranen kamen ebenso auf ihre Kosten wie Startups und Entwickler.

Das Hamburger Versandhandelsunternehmen Otto, auf dem Summit prominent mit mehreren Sprechern vertreten, illustriert den Cloud-Trend anschaulich: Obwohl Otto sich in Konkurrenz zu Amazon befindet, wählte man AWS als Plattform für das Hosting des eigenen Web-Auftritts, weil „wir technologisch sehr gut zusammenarbeiten können“, so Daniel Barthelmes, Head of Platform Operations für otto.de. „Wer ein Rechenzentrum betreibt, sollte auch eine Cloud-Strategie haben“, so der IT-Architekt.

Die Otto-Website läuft heute in über 3.000 Containern auf der AWS-Plattform, eine komplexe Umstellung, die eine intensive Planung und Know-how-Aufbau im Umgang mit der Cloud voraussetzt, auch um Kostenvorteile zu erzielen. Eine einfache Übertragung der bisherigen Infrastruktur mag auf den ersten Blick eine gute Lösung darstellen, führt aber nicht unbedingt zu einer optimalen Cloud-Umgebung und verursacht oft zu hohe Kosten. An mehreren Beispielen führte AWS den Teilnehmern daher in den zwei Hauptvorträgen vor Augen, wie man Applikationen mittels nativer AWS-Dienste modernisieren und die Spezifika der vielen Cloud-Dienste zu seinem Vorteil nutzen kann.

Die interne IT-Abteilung des Otto-Konzerns ist zugleich Anwender der ersten Stunde von „VMware Cloud on AWS“, das VMwares verbreitete SDDC-Suite (Software-Defined Datacenter) in integrierter Form in AWS-Rechenzentren direkt auf der Hardware bereitstellt. VMware gab auf dem AWS Summit Neuigkeiten rund um den eigenen Cloud-Dienst bekannt: Dieser steht seit dem 7.6. offiziell in der AWS-Europa-Region in Frankfurt bereit, um den Anforderungen des europäischen Marktes gerecht zu werden.

Seit dem Start der VMware Cloud on AWS vor einem Dreivierteljahr lässt sich das Angebot damit weltweit in vier AWS-Regionen buchen. Positiv für kleinere Unternehmen und solche, die erste Gehversuche wagen möchten: VMware Cloud on AWS ist nun auch als „SDDC Starter Kit“ erhältlich. Das Angebot ist auf einen Host beschränkt.

VMware Cloud on AWS ist – einzigartig im AWS-Ökosystem – in einem „Joint Engineering Process“ entstanden: VMware und AWS haben es in enger Abstimmung gemeinsam erarbeitet. „VMware hat den vSphere-Hypervisor um Treiber ergänzt, die die von AWS bereitgestellte, eigenentwickelte Server-Hardware optimal ansprechen können“, erläuterte Christian Gehring, Director Systems Engineering bei VMware, im Gespräch mit LANline. VMware betreibe dabei eine angepasste Version seiner SDDC-Software in AWS, die frühzeitig die neuesten Features erhält, noch vor der „On-Premises“-Variante von vSphere – nicht überraschend, verfolgen doch auch andere Hersteller diesen Cloud-First-Ansatz.

Georg Deil, Principal Expert for Cloud and Automation bei der Otto Group IT, berichtete von ersten positiven Erfahrungen im Early-Adopter-Programm der VMware Cloud on AWS. Bild: Otto Group

Georg Deil, Principal Expert for Cloud and Automation bei der Otto Group IT, berichtete von ersten positiven Erfahrungen im Early-Adopter-Programm der VMware Cloud on AWS. Bild: Otto Group

Im Gespräch mit LANline unterstrich Georg Deil, Principal Expert for Cloud and Automation bei der Otto Group IT, die ersten positiven Erfahrungen mit der Early-Adopter-Version von VMware Cloud on AWS: „Besonders beeindruckt waren wir vom äußerst einfachen Setup der Cloud-Umgebung. Innerhalb eines einzigen Tags war die Umgebung lauffähig. Dies beinhaltete das Anlegen der notwendigen Konten, das Deployment von VMwares SDDC auf AWS, den Aufbau von VPN-Verbindungen sowie die Einrichtung von WAN-Optimierung auf Basis der VMware Hybrid Cloud Extension (HCX) Appliance und das Stretchen der Layer-2-Netzwerke mit VMware NSX. Von der technischen Seite her sieht es ganz hervorragend aus.“ Allerdings sei die Kostenseite noch nicht ganz geklärt, hier befinde sich Otto noch in Verhandlungen mit VMware: „Es ist ja großartig, wenn die Technik gut funktioniert, aber auch die wirtschaftlichen Aspekte müssen selbstverständlich stimmen“, so Georg Deil.

Auf der Veranstaltung präsentierte AWS erwartungsgemäß Neuigkeiten rund um die Kernfunktionen von AWS und stellte klar, dass die Sicherheit der Plattform oberste Priorität hat. Mark Ryland, Director beim Office of the CISO von AWS, deklinierte die Innovationen im Sicherheitsbereich durch, unterstrich aber auch, dass Sicherheit nur im Zusammenspiel mit dem Kunden funktionieren kann: AWS sei dabei zuständig für die Sicherheit der Cloud-Plattform selbst, Aufgabe des Kunden sei es, sichere Konfigurationen innerhalb der von AWS gehosteten Cloud zu wählen.

Positiv war auf der Veranstaltung hervorzuheben, dass AWS Startups aus verschiedenen Bereichen eine Bühne gab. Die Palette reichte von Kubernetes-Spezialisten bis hin zum Gastronomielieferdienst.

Den Ort des nächstjährigen Summits hat der Hersteller noch nicht bekanntgegeben. AWS benötigt wohl einen Veranstaltungsort mit größerer Kapazität, da der Zulauf enorm war: Berlin hat mehr Teilnehmer angezogen als die US-amerikanische AWS-Messe „re:Invent“ vor sechs Jahren – und ein Ende des Wachstums ist nicht abzusehen.

Dr. Jens-Henrik Söldner ist Geschäftsführer von Söldner Consult in Nürnberg, www.soeldner-consult.de.