Zusammenarbeit und Innovation erfordern eine offene und zielgerichtete Interaktion. Stärker am Kontext orientierte Konversationen sollen dabei helfen, die rasch steigende Flut von Informationen in den Griff zu bekommen. Viele große Hersteller wie Microsoft, Unify, Alcatel-Lucent und zahlreiche weitere verabschieden sich bei ihren UCC-Plattformen (Unified Communications und Collaboration) von formatorientierten Ansätzen und stellen den Content und Kontext in den Mittelpunkt.Es geht rund im UCC-Markt. Der Wunsch der jungen Arbeitnehmergeneration, mit jedem Endgerät unabhängig vom aktuellen Aufenthaltsort mit den Kollegen zusammenarbeiten zu können, fordert die einschlägigen Anbieter zur raschen Weiterentwicklung ihrer angestammten UCC-Ansätze. Unify-CEO Dean Douglas sprach im Anfang des Jahres veröffentlichten Papier über die Unified-Communications-Trends für 2015 von „fast turbulenten Zuständen“. „Unternehmen können nun entweder mitziehen oder bleiben zurück und verlieren Marktanteile und Mitarbeiter“, so der Chef der ehemaligen Siemens Enterprise Communications. Die Aktivitäten der Anbieter über die vergangenen 18 Monate geben weiteren Aufschluss über die wichtigsten UCC-Trends: Neben den Collaboration Tools als solchen gab es zahlreiche Ankündigungen etwa in Sachen Cloud-basierender Zusammenarbeit, mobiler UCC-Apps sowie WebRTC-Unterstützung (Browser-basierende Echtzeitkommunikation).
In diesem zurzeit besonders dynamischen Markt scheint es nicht einfach, Gewinner und Verlierer auszumachen. Im „magischen Quadranten“ von Gartner gab es 2014 immerhin einige Verschiebungen der wichtigsten Player. Unify scheint die Analysten mit seiner Ende 2013 aufgesetzten „New Way to Work“-Kampagne zumindest für die im August letztes Jahres veröffentlichte Bewertung noch nicht so richtig überzeugt zu haben – das Unternehmen rutschte von den „Leadern“ (Anführern) zu den „Visionären“. Dafür rückte Mitel (hatte 2013 den kanadischen Hersteller Aastra gekauft) zu Microsoft, Cisco und Avaya bei den Leadern auf. IBM ist neben Unify nach Gartner inzwischen wichtigster Visionär. Im Jahr davor war das Unternehmen noch bei den „Challengers“ (Herausforderer) angesiedelt, wo sich im Quadranten von 2014 noch NEC und Alcatel-Lucent (damals inklusive der inzwischen verkauften Enterprise-Sparte) ansiedeln. Bemerkenswerterweise hat Gartner den chinesischen IT-Primus Huawei in seinem 2014-Ranking von den Herausforderern zu den Nischen-Playern herabgestuft, wo etwa auch Shoretel angesiedelt ist.
Zu den Leadern, die den Wandel der UCC-Strategien offenbar weiterhin gut im Griff haben, zählt nach Gartner auch Microsoft. Die Strategie des Software-Riesen zu erkennen, ist dennoch nicht ganz einfach: Produkte wie Office 365, Office Graph, Delve (hervorgegangen aus dem Projekt Oslo), Yammer (Zukauf) und nun Yammer Enterprise, Skype for Business (vormals Lync), Onedrive for Business etc. sind im Zusammenhang mit Klassikern wie Outlook, Exchange oder Sharepoint als „Gesamtkunstwerk“ selbst von Profis kaum zu verstehen. Von Entwicklerkonferenz zu Entwicklerkonferenz und Messe zu Messe entblättert Microsoft aber sukzessive ein Bild, das wohl mit dem für den Herbst dieses Jahres geplanten offiziellen Launch von Windows 10, Windows 10 IoT und Windows Phone 10 seine gesamte Pracht offenbaren soll.
 
Collaboration-Puzzle
Besonders spannend im Microsoft-Collaboration-Puzzle ist derzeit sicher Delve, eine Art persönlicher Assistent für Wissensarbeiter. Die im September 2014 veröffentlichte Applikation will alle relevanten Informationen und Beziehungen aus Office 365 automatisch oder auf Knopfdruck übersichtlich darstellen. Was wann relevant ist, sagt dabei ein selbstlernender Algorithmus, der in Office Graph verpackt ist. Die Software lernt von sogenannten Signalen, die jeder Nutzer bei jeglicher Interaktion mit dem System auslöst. Die Signale reflektieren dabei die Inhalte und Beziehungen der Nutzer. Ergebnis soll eine übersichtliche und interaktive Timeline mit relevanten Projektdetails sein.
„Wir markieren damit den Übergang von einer Formatstruktur zu einem Fokus auf die Inhalte”, erläutert Dr. Thorsten Hübschen, verantwortlich für den Geschäftsbereich Office bei Microsoft Deutschland. „Gleichgültig ob Ordner oder Datei: Unabhängig vom Format sammelt der persönliche Assistent relevante Informationen für den Wissensarbeiter und sortiert diese nach Wichtigkeit für den Arbeitsalltag. Die Daten werden aus den Office-365-Diensten, aus Sharepoint, Exchange, Lync und Yammer zusammengestellt und automatisch aktualisiert.“ Ein wichtiger Punkt: Laut Microsoft lassen sich ausschließlich Inhalte anzeigen, auf die der Endanwender Zugriffsrechte besitzt. Delve soll dafür jegliche Art von Rechteeinstellungen respektieren.
Mit Yammer wiederum hat sich Microsoft ein soziales Netzwerk eingekauft, das künftig verstärkt als Plattform für den einfachen Austausch von Wissen zum Einsatz kommen wird. Derzeit arbeitet Microsoft an einer neuen Version, die speziell den Aspekt der Teamarbeit deutlich verbessern soll. Geplant ist, dass alle Teilnehmer einer Gruppe die Arbeitsfortschritte aller anderen nahezu in Echtzeit im Blick haben, diese kommentieren und direkt an Dokumenten mitarbeiten können. Analog zu den neuen Outlook-Versionen soll die Kommunikationen in Yammer hierarchisch gegliedert sein, um die Verfolgung eines bestimmten Themas zu vereinfachen. Eine wesentliche Neuerung wird auch die Möglichkeit sein, Personen von außerhalb der eigenen Netzwerkdomäne mit in eine Yammer-Kommunikation einzubinden.
Das Konferenz-Tool Lync/Skype for Business ist inzwischen (optional installierbarer) Standardbaustein der Office-Suite und direkt aus Office nutzbar. Während einer Skype-for-Business-Session sollen sich Daten via Onedrive for Business und Sharepoint Online sowie Ideen und Notizen via Onenote mit Kollegen teilen lassen. Bei den Sicherheitsfunktionen verspricht Microsoft Enterprise-Niveau. Dies klingt plausibel, immerhin hat die Software Letztere nicht von Skype, sondern von Lync geerbt. Lync/Skype for Business hat sich im Collaboration-Markt inzwischen als eine Art Quasistandard etabliert, den namhafte UCC-Anbieter wie beispielsweise Polycom, Mitel, UC Point, Lifesize und zahlreiche weitere in vielen ihrer Produkte unterstützen.
 
Auf dem Weg zu einer neuen Arbeitswelt
Wenn es um mehr Effizienz in der Kommunikation geht, haben auch andere Hersteller an Inhalten und Zusammenhängen orientierte Ansätze als wichtigen Trend identifiziert. Unify beispielsweise sieht Anwender durch kontextbasierende Konversationen ermutigt, ihre Ideen freier mit anderen zu teilen. Die für die Zusammenarbeit eingesetzte Technik müsse aber eine einheitliche Bedienung über alle Kanäle hinweg bieten. Sprache, Video, das Teilen von Bildschirmen, Messaging und Dateiaustausch sollten auf jeden Fall über ein einziges Display möglich sein. Schlüsselprodukt für die neue Art zusammenzuarbeiten ist bei Unify der Cloud-Service Circuit (ehemals „Project Ansible“). Die Web-Applikation ist über den Chrome-Browser sowie über Apps für Apple und Android nutzbar. Alle Daten sind zentral in der Cloud gespeichert. Wer dies akzeptiert, profitiert von stets konsistenten und aktuellen Daten.
Profilieren will sich Unify mit Circuit vor allem durch zwei Aspekte: Zum einen ist der Service von Grund auf für integrierte Kommunikation und Zusammenarbeit entwickelt – in der Argumentation gern mit leichtem Seitenhieb auf Konkurrenten, die sich verschiedene Einzelprodukte zusammengekauft haben und erst nachträglich versuchen, alles unter einen Hut zu bringen – sowie zum anderen durch Konsistenz in der Bedienung über alle Funktionen und Geräte. Ferner soll sich Circuit sehr einfach nicht nur mit dem Unify-eigenen Openscape integrieren lassen, sondern auch mit UCC-Lösungen anderer Hersteller. Sogar eigene Anwendungen können Unternehmen laut Unify um Kommunikationsfunktionen von Circuit erweitern. Mit der Arbeitsweise von Circuit drückt Unify nicht zuletzt auch seine wachsende Skepsis gegenüber der klassischen E-Mail aus, deren Bedeutung der Hersteller in den kommenden Jahren deutlich sinken sieht. Wie Unify und viele weitere Anbieter sieht auch Cisco die E-Mail klar auf dem absteigenden Ast: zu wenig interaktiv, zu wenig effizient. Aber anders als bei den neuen Lösungen etwa von Microsoft und Unify spielt nach Kontext aufbereiteter und präsentierter Content bei Ciscos jüngstem Collaboration Tool „Spark“ (hervorgegangen aus „Project Squared“) nur eine untergeordnete Rolle. Im Zentrum stehen dabei gut gesicherte, virtuelle Besprechungsräume. Immerhin sind auch dort gemeinsam bearbeitete Dateien, Video-Calls und Chats zentral gespeichert und recherchierbar.
Neben einer kostenlosen Version, die für mobile Geräte über die App-Stores von Apple und Google herunterladbar ist (auf dem PC läuft die Anwendung entweder über den Web-Browser oder über Apps für Mac OS und Windows – web.ciscospark.com), gibt es auch zwei kommerzielle Versionen, die über Cisco-Partner zu beziehen sind. Diese kommen mit ausgefeilteren Moderationsfunktionen, Unterstützung für Single Sign-on (SSO), Synchronisation und Live-Support. Eine der beiden Versionen, „Cisco Spark Message and Meet“, erweitert den potenziellen Teilnehmerkreis auf 25 Personen und erlaubt die Einbindung der Cisco-Tools für Web-Konferenzen „Webex Meeting Center“ sowie „Webex Enterprise Edition“.
 
Kontextsensivität schon im Netzwerk
Content und Kontext rücken auch bei den Netzwerkausrüstern immer stärker in den Vordergrund. So hat beispielsweise Alcatel-Lucent kürzlich die Softwarelösung Rapport vorgestellt, die die Bereitstellung von Kommunikations- und Kollaborationsdiensten für Unternehmen und Netzbetreiber vereinfachen soll. Durch kontextbezogene Kommunikation will Alcatel-Lucent dabei das Kommunikationsnetz zu einer Innovationsplattform machen. Grundlegende Dienste wie Sprache, Chat, Videokonferenzen und gemeinsame Nutzung werden zu Funktionen, die für jede Applikation, jede Web-Seite und jedes verbundene Objekt verfügbar sind. Rapport kommt als ein offenes Kommunikationsgerüst in einer Private Cloud, in der Großunternehmen auf ihre Applikationen zugreifen können. Über diese Plattform lassen sich Kommunikationsdienste in Applikationen, Web-Seiten und Produkte einbauen. Dadurch sieht Alcatel-Lucent bei großen Unternehmen ein Einsparpotenzial von bis zu 50 Prozent ihrer Kosten für Kommunikationsinfrastruktur.
Rapport basiert auf einer neuen Version der IMS-Software (IP Multimedia Subsystem) von Alcatel-Lucent und stützt sich hardwareseitig auf eine konvergente, hoch skalierbare Infrastrukturplattform von HP. Durch offene Applikationsschnittstellen (APIs) und einfache Softwareentwicklungssysteme (SDKs) ist die Plattform für Anwendungsentwickler zugänglich. Derzeit sollen etwa 800 Entwickler und Partner bei Rapport eingebunden sein.
Aber auch im Umfeld der Open Source Community laufen derzeit viele spannende Entwicklungen – und wen wundert es, natürlich auch in Sachen Content-orientierter Kommunikation. Ein aktuelles Beispiel ist Liferay (www.liferay.com), das kürzlich mit seiner „Audience Targeting App für Liferay Portal“ eine Lösung zur maßgeschneiderten digitalen Kundenansprache veröffentlicht hat. Die App soll es Unternehmen erlauben, ihren Web-Seitenbesuchern die für sie passenden Inhalte zur richtigen Zeit anzuzeigen. Ziel ist es, relevante und inspirierende Erlebnisse für Web-Seitenbesucher zu realisieren. Bei der Open-Source-Groupware Tine 2.0 von Metaways wiederum sind derzeit zwar noch keine speziellen Content/Kontext-Tools integriert, zum Finden passender Inhalte steht dort aber eine differenzierte Suchfunktion (Anfragen speicherbar) zur Verfügung.
 
UCC und Industrie 4.0
Auf Anhieb nicht ohne Weiteres nachvollziehbar ist der Einfluss der zunehmenden Vernetzung von Produktions- und Lieferantennetzwerken, Maschinen und Anlagen (Stichwort „Industrie 4.0“) auf die Weiterentwicklung von UCC-Lösungen. Dennoch spielt der Megatrend auch dort eine wichtige Rolle – vor allem im Kontext des Service-Gedankens. „Denn um Engpässen und Störungen innerhalb der eigenen Produktion und/oder der Supply Chain frühzeitig entgegenzuwirken, ist ein effizientes Störungs-Management in Verbindung mit einer zuverlässigen Kommunikation und einer medienübergreifenden Alarmsteuerung unerlässlich“, so dazu Jochen Möller, Geschäftsführer von Echolon/MIT Solutions. „Die Integration eines Alarm-, Notruf- oder Event-Servers etwa in ein prozessgesteuertes Ticketsystem ist ein einfacher und zugleich sehr flexibel handhabbarer Ansatz, um Menschen bei Eintritt eines definierten Ereignisses medienübergreifend zu informieren und gleichzeitig Geräte, Server oder Prozesse mit frei konfigurierbaren Befehlen zu steuern.“
Geht etwa im Service eine Störung per Telefon oder Web-Portal ein, lässt sich bei Auslösung des Alarmprozesses automatisch eine Alarmkonferenz mit allen verantwortlichen Mitarbeitern schalten. Eine „Text to Speech“-Funktion informiert die Konferenzteilnehmer über den Kunden und die Störung, sodass die Prozessbeteiligten direkt eine kohärente Vorgehensweise zur Beseitigung der Störung abstimmen können. Zeitgleich benachrichtig eine solche Lösung die Bereichsleitung, die Geschäftsführung oder den Kunden per Mail und SMS über Störung sowie Alarmkonferenz und dokumentiert automatisch sämtliche Ereignisse im System. Je nach Störung, Service-Level-Vereinbarung und Gefährdungsgrad lassen sich so beliebige Eskalationsroutinen und individuelle Prozesssteuerungen festlegen, um die wachsenden Risiken im Zusammenhang mit der voranschreitenden Systemvernetzung effektiv zu adressieren.
Die schöne neue Kommunikationswelt hat eine Informationsflut losgetreten, in der sich so mancher kaum noch zurechtfindet und die für Unternehmen letztlich kontraproduktiv ist. Informationsarbeiter werden künftig also kaum umhinkommen, die Unterstützung durch mehr oder weniger „intelligente“ Content- und Kontext-Tools in Anspruch zu nehmen. Die Kommunikationsindustrie jedenfalls hat sich bereits darauf eingestellt.
Der Autor auf LANline.de: ElCorrespondente

Passender Content auf dem Endgerät: Das neue Highend-SIP-Telefon Mitel 6869 verfügt über ein 4,3 Zoll großes Farbdisplay, das alle nutzerrelevanten Informationen übersichtlich darstellt. Bild: Mitel

Die UCC-Lösung „Polycom CX8000 für Microsoft Lync“ basiert auf der Microsoft-Lync-Raumsystem-Software (jetzt Skype for Business). Die Polycom-360-Grad-Panoramaansicht des Raums und des aktiven Redners gestalten das Meeting interaktiver und einnehmender. Bild: Polycom