Im Interview: Gründer von greenDCision

Energieneutrales RZ als Ziel

18. Mai 2022, 7:00 Uhr | Dr. Jörg Schröper
LANline-Cartoon Green IT
© Wolfgang Traub

Die RZ-Experten Artur Faust und Helmut Göhl sind Leserinnen und Lesern seit vielen Jahren durch Artikel und Beiträge auf den Datacenter Symposien bekannt. Mit ihrem neuen Unternehmen greenDCsion setzen sie direkt auf Beratungsangebote für nachhaltige Rechenzentren. Im LANline-Gespräch begründen sie ihr Konzept und ordnen es in die aktuelle Situation der Branche ein.

LANline: Die wirtschaftlichen Aussichten stellen sich insgesamt im Moment eher durchwachsen dar. Die Digitalisierung und als deren Basis die Rechenzentren stehen jedoch offenbar vor einem weiteren Boom. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation?
Faust: Ohne Zweifel wächst der digitale Bedarf unserer globalen Gesellschaft weiter. Dass sich an diesem Trend in den nächsten Jahrzehnten etwas ändert, ist nicht zu erwarten – vorausgesetzt, die geopolitischen Spannungen nehmen nicht überhand. Der RZ-Boom aus der digitalen Transformation heraus ist in Deutschland schon längst angekommen, und wir reagieren darauf leider noch immer ohne Weitblick.

LANline: Was meinen Sie mit der Aussage „ohne Weitblick“ genau?
Faust: Wir bauen unsere Rechenzentren so wie bisher. Dabei sollte man in Europa und speziell in Deutschland auch ehrlich sein und den Tatsachen ins Gesicht sehen. Durch die extrem gewachsene Abhängigkeit von russischen fossilen Energien aus der Amtszeit der Vorgängerregierung und wegen des stark steigenden Energiebedarfs insgesamt steht die gesamte Branche hierzulande vor einem doppelten Dilemma. Man kann sagen, dass Energie mittlerweile ein Luxusgut ist, und Rechenzentren sind nun einmal leider auch Energievernichter.

LANline: Welche Entwicklung erwarten Sie?
Faust: Am Dilemma der Energiebeschaffung wird sich trotz gegenteiliger Bekundungen aus der Politik so schnell nichts ändern. Sehr optimistisch gesehen, werden wir noch mindestens 25 Jahre benötigen, bis wir über den Tag-Nacht-Zyklus hinweg drei Viertel unseres Energiebedarfs aus erneuerbaren Energien real decken werden können. Und dieses Szenario beinhaltet schon intensivste und finanziell sehr weitreichende Anstrengungen zum Ausbau erneuerbarer Energien unter Einbeziehung von Flächen auch auf dem afrikanischen Kontinent. Um es gelinde auszudrücken: Die aktuelle Entwicklung für RZ-Betreiber in Deutschland ist sehr ernst.

LANline: Es gibt in diesem Zusammenhang immer wieder Kritik an der Zusammenarbeit von Politik und Verwaltung mit der RZ-Branche. Hat die RZ-Branche eine ausreichende Lobby?
Göhl: Die Lobbyarbeit des Arbeitskreises Rechenzentren im Bitkom-Verband hat sich in den letzten Monaten stark von technischen hin zu politischen Themen und Zielsetzungen entwickelt. In der aktuellen Lage ist dies auch dringend notwendig. Im Arbeitskreis Rechenzentren reagiert man nun deutlich entschlossener, Brennpunkt-Themen auch politisch aktiv anzugehen.

LANline: Wie beurteilen Sie den Stand der Energieeffizienz derzeit in den RZs?
Faust: Bei der durchschnittlichen PUE-Kennzahl, also dem Wert für die Power Usage Effectiveness, um die 1,8 sehen wir hierzulande noch immer wenig Bewegung nach unten. Neue und moderne Rechenzentren, ob Hyperscaler oder Mittelstand, kommen im Betrieb kaum unter PUE 1,5. Dies gilt bis auf ein paar sehr wenige positive Ausnahmen bei kleineren RZ-Objekten, die dann bei 1,25 liegen.

LANline: Dabei spielt die geografische Lage eine wichtige Rolle …
Faust: Das ist richtig. Rechenzentren in skandinavischen Ländern erreichen PUE-Kennzahlen um 1,25, ohne dabei zu hohen Investitionen gezwungen zu sein. Zudem sind dort wegen der Wasserkraft die Strompreise auch noch deutlich niedriger. Dies alles zusammengenommen, kann für den deutschen RZ-Standort bedeuten, dass sogar eine rückläufige Dynamik einsetzt und Investoren sowie Mieter von Colocation-Rechenzentren, soweit es ihnen möglich ist, ihre digitalen Vorhaben von Deutschland weg verlagern. Wir müssen aktiv gegensteuern, damit dies nicht passiert.

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Artur Faust
Artur Faust, Experte mit langjähriger Erfahrung und aktuell Startup-Gründer: „Die aktuelle Entwicklung für RZ-Betreiber in Deutschland ist sehr ernst!“
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LANline: Wie kann und muss die Datacenter-Branche auf die steigenden Energiepreise reagieren?
Göhl: Auch wenn es mehr kosten würde als bisher, haben wir durchaus interessante technische Ansätze, dem hohen Energiebedarf entgegenzuwirken. Wichtiger ist jedoch, die Verschwendung von Energie in dem gegebenen Ausmaß zu beenden. So wie bei jedem Produktionsprozess Abfallprodukte entstehen, geschieht dies beim Betrieb von Rechenzentren in Form von sehr viel Wärmeleistung, die aktuell zu 97 Prozent ungenutzt in unsere Atmosphäre entlassen wird. Wenn wir vom effizienten Rechenzentrum sprechen, beginnt alles damit, dass man sich nicht nur die Effizienz eines RZs mit Hilfe der PUE-Kennzahl genau anschaut, sondern generell die eingesetzte elektrische Energie für die Rechenleistung und ihr Abfallprodukt, also die Rechnerabwärme, besser zu nutzen versteht. Dies würde auch die Betriebskosten von RZs beträchtlich senken und dem Standort Deutschland immens helfen, interessant zu bleiben.


  1. Energieneutrales RZ als Ziel
  2. Gesamtheitliche Konzepte

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